Kann Sport krank machen: Kann Sport eigentlich auch schädlich sein?

Kann man es beim Sport übertreiben? Ja, kann man, sagt Prof. Dr. Ingo Froböse. Das heißt aber noch lange nicht, dass man keinen Sport mehr machen sollte.
von Prof. Dr. Ingo Froböse
Kann Sport ungesund sein?© grki - Fotolia.com

Wird man mit mehr Bewegung automatisch gesünder? Oder kann Sport schädlich sein? Und welche Sportarten sollte man meiden, wenn man gesundheitlich eingeschränkt ist? Prof. Dr. Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um die Grenzen des Sports.

Gesund wollen wir alle sein und bleiben, oder? Der Gesundheitsmarkt ist riesig und die Pharmaindustrie verdient sich eine goldene Nase. Aber sind Medikamente wirklich der beste Weg, um gesund zu bleiben? Nein, sagt eine gemeinsame Studie der London School of Economics and Political Science sowie der US-amerikanischen Stanford University: Sport kann bei vielen Krankheiten genauso gut oder sogar besser vorsorgen als die kleinen bunten Pillen!

Da stellt sich natürlich die Frage: Kann man mit Sport alles kurieren, oder hat auch die Gesundheits-Vorsorge durch Bewegung ihre Grenzen?

evidero   Herr Professor Froböse, der Volksmund sagt ja: Sport ist Mord! Ist das nur eine Ausrede, um keinen Sport machen zu müssen?

Ja, denn körperliche Aktivität ist ein wichtiger Faktor für viele Strukturen im Körper, um ihre Funktionsfähigkeit aufrecht zu erhalten und zu verbessern. Alle Strukturen hängen am Tropf der Bewegung und das gilt insbesondere für die inneren Organe wie Herz, Lunge und vor allem für Stoffwechsel und Immunsystem.

Es ist doch so: Nur was genutzt wird, entwickelt sich weiter; was ungenutzt bleibt, verkümmert. Das heißt also, eine nicht ausreichende Bewegung wird sich später bemerkbar machen, indem man sich viel Zeit für seine Krankheiten nehmen muss. Sport ist nur dann später „Mord“, wenn man es übertreibt.

Sport ist nur ungesund, wenn man sich überlastet

evidero   Kann Sport denn tatsächlich körperlich schädlich sein?

Sport ist nur dann schädlich, wenn man sich und seinem Körper zu große Belastungen zumutet, also eine Überbelastung entsteht. Außerdem sollte man bei bestimmten Krankheitsbildern darauf achten, dass nicht jede Sportart geeignet ist. Eine Überlastung führt zur Schwächung/Zerstörung von Gewebe — eine Unterforderung aber auch! Und das ist angesichts der vielen inaktiven Menschen für mich das viel größere Übel.

evidero   Muss man Sportart und Sportpensum denn an das Alter anpassen?

Es ist nicht wichtig, welche Sportart man macht, sondern wie der Körper gereizt wird. Im Alter sollte man beispielsweise darauf achten, dass die Ausdauer trainiert und zusätzlich ein Kräftigungs- und Beweglichkeitstraining absolviert wird. Grundsätzlich gilt: im Alter mehr Muskeltraining und mehr Koordinationstraining. Und um wirklich fit zu bleiben, muss man im Alter (leider) etwas mehr tun!

Wieviel Sport sollte man machen, damit es nicht schädlich ist?

evidero   Wie findet man das persönlich passende Sportpensum und die richtige Sportart?

Um eine vernünftige Dauer und Intensität zu finden, ist es wichtig, auf den eigenen Körper zu hören und bei Müdigkeitserscheinungen sofort zu reagieren. Überehrgeizige Ziele sind nicht fördernd. Wichtig ist die Regelmäßigkeit des Sports. So erhält man einen erkennbaren Trainingseffekt.

Übertreibt man es in der einen Woche und „faulenzt“ in der nächsten, ist das zur Leistungssteigerung eher kontraproduktiv. Die „richtige“ Sportart sollte vor allen Dingen Spaß machen, trotzdem sollte man auch darauf achten, dass die eigene körperliche Konstitution für den Sport geeignet ist. Ein gutes Hilfsmittel ist es zum Beispiel, den Ruhepuls zu messen (morgens vor dem Aufstehen). Eine Erhöhung des Ruhepulses zeigt: Es war zu viel!

Tipps für Sportanfänger, Sport nach einer Krankheit oder nach der Arbeit

evidero   Wir haben uns einige mögliche Szenarien überlegt, die eine besondere Beanspruchung sein könnten. Was ist denn, wenn…

… man nach einer längeren Pause wieder anfängt, Sport zu treiben?

Dafür habe ich folgende Tipps: Realistische Ziele setzen und nicht überehrgeizig sein. Man muss dem Körper Zeit geben, sich an die Belastung zu gewöhnen. Nicht alle Systeme des Körpers passen sich gleich schnell an! Außerdem sollte man den Sport machen, der einem vor der „Sportpause“ Spaß gemacht hat, also einfach loslegen und Spaß dabei haben.

… man nach einem anstrengenden Arbeitstag Sport machen möchte?

Es entspannt zwar, wenn man nach der Arbeit direkt auf die Couch fällt, aber erholsam ist es nicht. Der Vorteil von Sport nach der Arbeit ist, dass sich durch Muskelarbeit Stress-Symptome rasch und erfolgreich dämpfen lassen. Die aktiven Muskeln bauen Stresshormone ab, fördern die Durchblutung und lösen so körperliche und seelische Anspannungen. Der Effekt ist ein besserer Schlaf und mehr Gelassenheit im Alltag.

Mit etwa 40 Minuten Bewegung lässt sich diese positive Spirale in Gang setzen und meditative Sportarten fördern zusätzlich die Regeneration. Sport sollte Spaß machen und nicht zusätzlichen Stress zu Tage fördern.

… man eine neue Sportart testen möchte?

Vorher sollte man sich ausreichend informieren. Am besten einen Trainer kontaktieren, damit man weiß, ob die körperlichen Voraussetzungen vorhanden sind. Gerade beim Erlernen einer neuen Sportart ist es wichtig, einen erfahrenen Trainer an der Seite zu haben, der einem Tipps gibt und gegebenenfalls beim Erlernen neuer Techniken unterstützt sowie korrigiert. Zudem sollte man seine eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen und es — wie immer — nicht übertreiben.

… man als Hobby-Sportler an einem Event wie einem Marathon teilnehmen möchte?

Kleine Schritte bringen größere Erfolge! Das bedeutet, nicht direkt die Marathon-Distanz in Angriff nehmen, sondern mit realistischen Zielen arbeiten. Eine ausreichende Vorbereitung ist nötig und sinnvoll, denn sonst wird der Körper überlastet und überfordert, außerdem geht die Freude verloren. Es dauert mindestens zwölf Monate, bis man für einen Marathon richtig vorbereitet ist.

… man nach einer Krankheit mit dem gewohnten Sport wieder anfangen möchte?

Bei einer Grippe mit Fieber ist es beispielsweise wichtig, eine ausreichende Pause einzulegen. Man sollte frühestens wieder mit dem Sport starten, wenn man zwei Tage ohne Medikamente symptomfrei ist. Am besten ist eine Absprache mit dem Arzt, zusätzlich kann auch der Ruhepuls Auskunft geben, wann wir wieder fit genug sind.

Welcher Sport bei welcher Krankheit

evidero   Sie sagten, dass bei manchen Krankheitsbildern nicht jeder Sport geeignet ist. Können Sie da Beispiele geben?

Herz-Kreislauf-Beschwerden:

  • Positiv: gut dosierbare Belastungen, Walking, Radfahren, Skilanglauf, Gymnastik, leichtes Krafttraining
  • Negativ: dynamische Belastungen mit hohen Spitzenbelastungen, Tennis, Sprinten, Ski alpin, Sportspiele, wie Handball, Fußball, Squash und Badminton

Grippe / Erkältung:

  • Positiv: –
  • Negativ: sobald Fieber keine Belastungen: Gefahr von Herzmuskelentzündung, bei Fieber eine längere Pause einlegen, bei einer leichten Erkältung kann nach Abklingen der Symptome wieder Sport betrieben werden, sollte der Ruhepuls erhöht sein, ist die Krankheit noch nicht überwunden

Übergewicht / Gelenkbeschwerden:

  • Positiv: Schwimmen, Aqua Fitness, Radfahren, Gymnastik, Inline Skating, Wandern, Skilanglauf, moderates Krafttraining
  • Negativ: Lauf- und Sprungbelastungen, Joggen, Ski alpin, Ballsportarten

Stress:

  • Positiv: Sport, der einem Spaß macht z.B. Ausdauersport, Mannschaftssportarten sind auch geeignet, da man dort den Kopf “frei” bekommen kann und sich nicht mit sich selber beschäftigt, auch meditative Sportarten sind sinnvoll
  • Negativ: keine zu ehrgeizigen Ziele setzen, da so wieder zusätzlicher Stress entsteht, anstatt den bereits vorhandenen abzubauen

Schwangerschaft:

  • Positiv: moderater Ausdauersport, Walking, Radfahren, Schwimmen, Pilates, Yoga, leichtes Krafttraining, insbesondere Beckenboden- und Bauchmuskulatur, Jogging, Aqua Jogging
  • Negativ: schweres Gewichtheben, Kontaktsportarten z.B. Handball, Fußball etc., Skilaufen, Inline Skating, Tauchen

evidero   Herr Professor Froböse, wir danken für das Gespräch!

Die Fragen stellte: Manuela Hartung

Prof. Dr. Ingo Froböse (*1957) studierte Sport an der Deutschen Sporthochschule in Köln, promovierte 1986 und ist seit 1995 selbst Hochschulprofessor.

Ingo Froböse ist Leiter des „Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung“ der Deutschen Sporthochschule Köln...
Bücher
Lest auch Prof. Froböses Bücher, um mehr über Sport zu erfahren
  • Volkhart Rudert

    Aus eigener Erfahrung kann ich den im Interview getroffenen Aussagen nur beipflichten. Selbst laufe ich seit dem 45. Lebensjahr regelmäßig (in der Jugend Leichtathlet, später normales Fitnesstraining Gymnastik und Cirkeltraining). Nach einigen Jahren mit Marathonläufen habe ich jetzt im 75. Lebensjahr auf ein für den Halbmarathon ausreichendes Training reduziert. Man merkt den Muskelabbau mit fortschreitendem Alter und erreicht bei längeren extensiven Läufen früher die Erschöpfungsgrenze – der Punkt an dem es spätestens keinen Spass mehr macht. Ich laufe immer noch an fünf Tagen in der Woche nach dem bewährten Motto Reiz und Ruhe zwischen 10 und 25 km, eingestreut unverzichtbare Krafttrainingstage ohne zusätzliche Gewichte. Einen Hausarzt brauche ich nicht, ebenso keine Pillen; bei einem freiwilligen Test vor einem Lauf meinte der untersuchende Arzt: "Das wäre ein Spenderherz!" Ich bat um Gnade und wurde freundlich entlassen, trage aber einen Spenderausweis bei mir! Mit einem Ruhepuls von 44 Schlägen könnte ein potenzieller Empfänger noch viele Jahre mit dem gesunden, trainierten Herzen eines fast 75 jährigen leben, man muss es eben durch Sport pflegen. Also bewegt euch!

    • Camaru

      Sehr inspirierend und motivierend!