Die Traditionelle Chinesische Medizin Teil 4: Akupunktur macht glücklich

Durch das Stechen der Nadeln produziert das Gehirn Glückshormone. Dies kommt vor allem Schmerzpatienten zugute.
Grit Nusser
von Grit Nusser
Akupunktur in der TCM© Sonja Birkelbach - Fotolia.com

Die einen halten sie für ein Allheilmittel, die anderen für Hokuspokus. Die Akupunktur ist noch immer umstritten. Wie ihre Wirkung zustande kommt, konnte mit der westlichen Wissenschaft bis heute nicht vollständig aufgeklärt werden. Doch mehrere Studien haben inzwischen einen Zusammenhang zwischen dem Nadelstechen und der Ausschüttung von Glückshormonen wie Endorphinen und Serotonin belegt. Glücksrausch gegen Rückenschmerzen? Die Traditionelle Chinesische Medizin liefert eine völlig andere Erklärung für die Wirkungsweise der Nadeln.

Vor etwa 2000 Jahren wurde die Akupunktur erstmals schriftlich erwähnt, man fand aber bei Ausgrabungen Gegenstände, die auf weit frühere therapeutische Anwendungen hindeuten. Die klassische Akupunktur (chin.: Zhen jiu) versteht sich als energetische Medizin. Nach Ansicht der TCM kreist die Energie, das Qi in ganz bestimmten Bahnen, die als Meridiane (chin.: King) bezeichnet werden, im Körper.

Sie verlaufen bilateral (auf beiden Körperseiten), die Energie fließt in eine feststehende Richtung. Das Qi wird beeinflusst durch Nahrung, Atmung, sinnliche Erfahrungen, elementare und kosmische Faktoren.

Meridiane in der TCM: Die Leitbahnen unserer Lebensenergie Qi

Es gibt 12 paarige Hauptmeridiane, die nach den von ihnen mit Energie versorgten und unmittelbar in Zusammenhang stehenden inneren Organen benannt werden und jeweils einen an der vorderen und hinteren Mittellinie des Körpers. Auf diesen Meridianen liegen die Akupunkturpunkte.

So gibt es auf jedem Meridian spezielle Punkte, die eine besondere Wirkung oder einen bestimmten Einfluss haben. Sie bilden mit den unterschiedlichen Meridianen ein Meridiannetz. Es verbindet jede Stelle des Körpers und bewirkt einerseits den Gas- und Blutkreislauf, andererseits die Weiterleitung krankhafter Veränderungen. Meridiane sind, physiologisch gesehen, Bahnen, in denen Energie und Blut zirkuliert, pathologisch gesehen sind sie Bahnen, über die schädliche bioklimatische Energien in den Körper eindringen.

Über die Meridiane werden die inneren Organe mit der Körperaußenseite, von oben nach unten, von links nach rechts, vorne und hinten verbunden. So kann dieses Meridiannetz zum einen schädliche Energie von außen nach innen leiten, zum Beispiel kann Kälte zu Husten führen. Zum anderen kann auch schädliche Energie von innen nach außen wirken. So können sich bei krankhaften Veränderungen eines inneren Organs am entsprechenden Meridian Symptome zeigen, beispielsweise erzeugt eine Lebererkrankungen Schmerzen in den Rippen.

Ein Ungleichgewicht der beiden Kräfte Yin und Yang führt zu Krankheiten

Die TCM sieht den Menschen als Teil der Natur, in der normalerweise ein energetisches Gleichgewicht zwischen den beiden gegensätzlichen Kräften Yin und Yang besteht. Um die Harmonie zwischen diesen beiden Kräften aufrecht zu erhalten, zirkuliert die Energie ständig durch den Körper. Wird an irgendeiner Stelle dieser Energiefluss unterbrochen, so wird das energetische Gleichgewicht gestört und es kommt zur Erkrankung.

Wenn Yin- und Yang-Energie in einem ausgewogenen Verhältnis durch den Körper fließt, fühlt sich der Mensch wohl, ist ausgeglichen und gesund. Wenn dieses Verhältnis gestört wird, etwa durch eine ungesunde Ernährung, Stress, zu wenig Schlaf oder Infektionen, entsteht ein Ungleichgewicht im Yin zu Yang. Dabei wird ein Zuviel oder Zuwenig an Substanz, Energie oder Leistung als Fülle oder Leere bezeichnet.

Ein Füllezustand zeigt sich durch eine übersteigerte körperliche oder seelische Reaktion, einer organischen Überfunktion, in vermehrter Gewebespannung, Blut- und Lymphstauung und wird einer Yang-Störung zugeordnet. Bei einem Leerezustand kommt es zu seelischer und körperlicher Erschöpfung, einer organischen Unterfunktion, Hormonmangel und Anaemie, Yin-Krankheiten.

Akupunktur in eine Therapieform zur Harmonisierung der Energien

Die Akupunktur wird vor allem bei schmerzhaften Beschwerden wie Kopfschmerzen und Migräne, Zahnschmerzen, Rückenschmerzen, Rheuma, Gelenkbeschwerden und Tennisarm eingesetzt. Auch bei Atemwegsinfektionen (Grippe, Husten, Asthma, Bronchitis), Magen-Darm-Beschwerden, Menstruationsbeschwerden sowie neurologischen oder psychosomatischen Erkrankungen (zum Beispiel Lähmungen,Tinnitus, Nervenschmerzen, Essstörungen) findet das chinesische Nadelstechen Anwendung.

Voraussetzung für den Erfolg der Akupunktur-Behandlung ist die Wahl der entsprechenden Meridiane und der Akupunktur-Punkte mit Hilfe der traditionellen chinesischen Diagnostik.

  • Die acht Regeln der chinesischen Diagnostik: Sitzt die Erkrankung in einem Yin- oder Yangorgan? In einem Yin- oder Yangzustand? In Fülle oder Leere? Innen oder außen?
  • Die fünf Elemente der TCM-Diagnostik: Betrachten, Hören und Riechen, Fragen, Befühlen
  • Die Pulsdiagnose: Dabei erkennt man den energetischen Zustand eines Organsystems und den zugehörigen Meridian
  • Die Organzeituhr: jeder Meridian und das zugehörige Organ wird im Laufe des Tages zu einer bestimmten Zeit mit Energie versorgt. Treten Beschwerden immer zu gleichen Zeiten auf, könnte dies ein Hinweis auf eine Störung sein

Für die Therapie gelten ebenfalls diese Überlegungen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Therapieformen, um das energetische Gleichgewicht wieder herzustellen, die in der evidero-Reihe zur TCM vorgestellt werden.

Grit Nusser
Expertin: Grit Nusser
Grit Nusser ist Sozialpädagogin, Heilpraktikerin, Gründerin, langjährige Leiterin und Dozentin u.a. für Akupunktur an der Tierheilpraktiker-Schule FAT in Gelsenkirchen.
Xiaoying Shang
Expertin: Xiaoying Shang
Xiaoying Shang ist Heilpraktikerin in Krefeld. Sie hat ein abgeschlossenes Medizinstudium und hat vorher als Neurologin in verschiedenen Krankenhäusern in China und Deutschland gearbeitet.
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