Warum nimmt man zu: Wie Übergewicht entsteht

Buchautor Peter Mersch erzählt uns im Interview, warum so viele Menschen übergewichtig sind. Wir klären die Frage, wie Übergewicht überhaupt entsteht.
von Peter Mersch
Gründe für Übergewicht© augustino - Fotolia.com

In Deutschland gilt mittlerweile fast jeder zweite Erwachsene als übergewichtig. Was sind die Ursachen und warum fällt es vielen so schwer, abzunehmen? Peter Mersch, Autor des Buches “Wie Übergewicht entsteht und wie man es wieder los wird”, erklärt im ersten Teil des evidero-Interviews, warum viele Menschen unter Übergewicht leiden.

evidero   Ihr Buch trägt den Titel „Wie Übergewicht entsteht und wie man es wieder los wird“.  Das ist natürlich ein sehr komplexer Vorgang. Können Sie unseren Lesern dennoch erläutern, wie Übergewicht denn eigentlich entsteht?

Bei den meisten Überwichtigen ist nicht die Fettspeicherung das eigentliche Problem, sondern die unzureichende Nutzung der Fettdepots. Viele versuchen abzunehmen, indem sie weniger essen. Das ist aber nicht die beste Strategie. Und das hat folgenden Grund:

Experte: Peter Mersch
Peter Mersch, Jahrgang 1949, ist Systemanalytiker und Zukunftsforscher. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Gebieten Migräne, Evolutionstheorie, soziokulturelle Evolution, Demografie und Soziologie. Von ihm stammen die Systemische Evolutionstheorie, das Familienmanager-Konzept und die energetische Migränetheorie. Daneben beschäftigt er sich mit den Ursachen der Übergewichts- und Demenzepidemie...
Alle großen Körperorgane (Muskeln, Herz, Leber, Nieren, Darm etc.) beziehen ihre Energie überwiegend aus Fett. Die Ausnahme ist das Gehirn, welches unter der heute üblichen Ernährungsweise (viele Kohlenhydrate, häufige regelmäßige Mahlzeiten) ausschließlich von Glukose lebt. Dabei hat das Gehirn den höchsten Energieverbrauch aller Organe. Aber da der menschliche Körper aus seinen Fettdepots kaum noch Glukose herstellen kann, kann das Gehirn auch nicht auf die Fettdepots zugreifen. Anders gesagt: Es ist als einziges großes Organ nicht am Hauptenergiestoffwechsel des Menschen – dem Fettstoffwechsel – angeschlossen.

Da der Körper nur über äußerst geringe Glukose-Reserven verfügt und auch nur im Notfall selber Glukose herstellen kann, bekommen Übergewichtige selbst dann regelmäßig Hunger, wenn sie bereits mehrere 100.000 Kilokalorien an Fett mit sich herumtragen. Sie müssen essen, um ihr Gehirn zu versorgen, denn ihre Fettdepots sind dazu nicht in der Lage.

Nehmen sie bei einer solchen Mahlzeit dann auch noch mehr Kohlenhydrate auf, als sie verbrauchen, landen die überschüssigen Energien via Insulin im Körperfett, wo sie für das Gehirn nicht mehr nutzbar sind. Auf diese Weise kann sehr leicht Übergewicht entstehen.

Übergewicht durch zu viele Kohlenhydrate

evidero   Übergewicht liegt also am Stoffwechsel?

Wie schon in der ersten Frage beschrieben, beziehen alle größeren Körperorgane ihre Energie im Normalfall hauptsächlich aus Fett. Das ist dann der Fettstoffwechsel. Und dieser ist der Hauptenergiestoffwechsel des Menschen. Bei den meisten werden im Körperfett mehr als 85 % aller abrufbaren Kalorien gespeichert. Die Fettdepots sind damit so etwas wie die eigentliche Batterie des Menschen. Sie erlauben es uns, dass wir uns über einen längeren Zeitraum frei bewegen können, ohne ständig etwas essen zu müssen. Allerdings können freie Fettsäuren nicht die Bluthirnschranke überwinden.

Das Gehirn kann nur dann aus Fett Energie gewinnen, wenn es zuvor von der Leber in Ketonkörper umgewandelt wurde. Das können die Gehirne von Neugeborenen. Sie verwerten auch Ketonkörper. Aus diesem Grund haben menschliche Babys – im Vergleich zu den Neugeborenen anderer Lebewesen – einen sehr hohen Körperfettanteil. Ernährt man Kinder dauerhaft kohlenhydratreich, geht die Fähigkeit ihres Gehirns zur Verwertung von Ketonkörpern (die sogenannte Ketolysefähigkeit) allerdings nach und nach wieder verloren und muss dann wieder neu erworben werden, entweder durch eine Fastenzeit oder durch mehrere sehr kohlenhydratarme Tage.

Diese Fähigkeit des Gehirns, Ketonkörper (und damit Fett) zu verwerten, ist im Laufe der Evolution erst recht spät entstanden. Dass sich die Funktion wieder abbaut, wenn sie aufgrund einer dauerhaften kohlenhydratreichen Ernährung nicht ausreichend genutzt wird, könnte man durchaus als „evolutionär noch nicht ausgereift“ bezeichnen.

Würde das Gehirn selbst nach jahrelanger kohlenhydratreicher Ernährung sofort alle vom Stoffwechsel angebotenen Ketonkörper nutzen, gäbe es meiner Meinung nach überhaupt keine globale Übergewichtsepidemie: Bei ausbleibender Nahrung würden Übergewichtige dann nämlich keinen Heißhunger erleben. Ihr Gehirn würde sich wie alle anderen großen Körperorgane reibungslos am Fettstoffwechsel bedienen.

evidero   Was passiert eigentlich im Körper oder mit dem Körper wenn man übergewichtig wird?

Bei leichtem Übergewicht meist noch nicht viel. Problematisch wird es dann, wenn die bereits übermäßig mit Energie gefüllten Zellen nur noch bedingt bereit sind, die aus der Nahrung stammende Glukose aus dem Blut aufzunehmen. Die Bauchspeicheldrüse muss dann zusätzliches Insulin ausschütten, um den Blutzuckerspiegel nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten wieder auf Normwerte abzusenken. Man nennt diesen problematischen Zustand Insulinresistenz, aus dem sich ein späterer Typ-2-Diabetes ergeben kann.

Maßgebliche Ursache für diese Entwicklung ist jedoch der bereits erwähnte fehlende Anschluss des Gehirns von Übergewichten an den Fettstoffwechsel. Übergewichtige Menschen müssen deshalb selbst dann regelmäßige kohlenhydratreiche Mahlzeiten zu sich nehmen, obwohl sich ihre Zellen längst per Insulinresistenz gegen eine weitere Glukoseaufnahme sperren.

evidero   Ist Übergewicht gleich Übergewicht oder gibt es da noch verschiedene Formen und Ursachen?

Es gibt eindeutig verschiedene Ursachen und Formen. Man kann nicht alle Übergewichtigen über einen Kamm scheren und meinen, es gäbe für alle die gleiche Lösung. Manche Frauen nehmen bereits durch die Pille zu. Viele vorbeugende Medikamente zur Migränebehandlung sind bekannte Dickmacher, gegen die kaum ein Kraut (bzw. eine Diät) gewachsen ist. Genetische Gründe mögen oftmals ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen: Das gleiche Nahrungsangebot, das einige Menschen stark übergewichtig macht, kann andere zu dünn werden lassen.

Die Fragen stellte: Tanja Korsten

Experte: Peter Mersch
Peter Mersch, Jahrgang 1949, ist Systemanalytiker und Zukunftsforscher. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Gebieten Migräne, Evolutionstheorie, soziokulturelle Evolution, Demografie und Soziologie. Von ihm stammen die Systemische Evolutionstheorie, das Familienmanager-Konzept und die energetische Migränetheorie. Daneben beschäftigt er sich mit den Ursachen der Übergewichts- und Demenzepidemie...
Buchtipp
Hier findet ihr das Buch von Peter Mersch