Ernährung sinnvoll umstellen: Wir verhungern im Schlaraffenland

Trotz eines Überangebots an Essen fehlen uns oft wichtige Nährstoffe. Wieso das so ist und wie wir das ändern können, weiß unsere Expertin Antje Brand.
von Antje Brand
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Schlaraffenland kennt ihr, oder? Wo einem gebratene Hähnchen direkt in den Mund fliegen und man für nichts wirklich arbeiten muss. Ein bisschen leben wir dort – kein Produkt, das wir nicht kaufen könnten. Ernährungsexpertin Antje Brand warnt: Dennoch sind viele von uns unterernährt und leiden an einem Mangelzustand.

“Welcher Mangelzustand?”, fragt ihr euch vielleicht jetzt. Tatsächlich ist es den meisten Menschen nicht bewusst, dass wir uns permanent in einer Unterernährung befinden. Einiges haben wir im Überfluss – Kohlenhydrate und Fett zum Beispiel. Doch das ist nicht das einzige, was der Körper zum Funktionieren braucht. Er braucht auch Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente. Die meisten von uns nehmen von diesen Stoffen nicht genug zu sich, die Folge sind die sogenannten Zivilisations-Krankheiten: Diabetes, Magen- und Darmerkrankungen, Gluten – Unverträglichkeit, Übergewicht.

80-90 Prozent der Menschen in unseren Breitengraden sind pauschal unterversorgt mit Stoffen, die der Körper braucht, aber nicht selbst herstellen kann. Acht von zehn Patienten in einem deutschen Wartezimmer sitzen dort, weil sie eine Krankheit haben, die durch falsche Ernährung ausgelöst wurde.

Wir spielen permanent russisches Roulette mit unserem Leben

Stellt euch ein Fließband in einer Fabrik vor, an dem ein Fahrrad hergestellt wird. Nun fallen an einigen Stellen bestimmte Teile aus, etwa die Pedale oder die Kette oder Schrauben oder ein Werkzeug. Was passiert? Das Produkt wird fehlerhaft hergestellt – oder gar nicht. Bei unserem Körper ist das nicht anders. Wenn er nicht alles bekommt, was er zum Arbeiten braucht, entstehen Funktionsstörungen oder Krankheiten.

Wodurch entsteht dieser Mangelzustand? Wir ernähren uns falsch: Von Kunst- und Fertigprodukten, anstatt von natürlichen Zutaten. Anstatt selbst zu kochen, halten wir bei McDonalds oder an der Currywurst-Bude. Das muss nicht sein!

Aber was machen wir? Wir denken, es geht schon irgendwie gut und machen immer weiter wie bisher. Oder wir verlassen uns auf Diätpülverchen und Vitamintabletten und denken, damit können wir eine ungesunde Ernährung schon ausgleichen. Überlegt doch einmal: Kennt ihr nicht auch mindestens eine Person, die von einer der Zivilisations – Krankeiten betroffen ist? Wahrscheinlich sogar mehrere.

Jeder hat seine eigenen Suchtstoffe. Sei es Schokolade, Cola Light, Alkohol oder Zigaretten. Die meisten ungesunden Produkte haben ein hohes Suchtpotential, denn sie verändern etwas in unserem Körper. Leider auf Dauer nicht zum Positiven.

Wir sind nur zu faul, um gesund zu sein

Das größte Argument gegen das Selber-Kochen ist meistens: Zeitmangel. Dazu sage ich: Unsinn. Es ist überhaupt kein großer Aufwand, seine Ernährung von Fertigprodukten auf gesundes Essen umzustellen. Nehmen wir zum Beispiel Rohkost. Rohkost, also rohes Obst oder Gemüse, hat besonders viele für uns wichtige Inhaltsstoffe, wir sollten also den Rohkostanteil in unserer Nahrung erhöhen. Das kostet auch nicht viel Zeit:

  • Esst zum Frühstück ein frisches Müsli mit frischem Obst
  • Zum Mittagessen gibt es eine große Portion rohes Gemüse als Salat oder mit Dip, etwa Möhre, Gurke, Zucchini, Kohlrabi
  • Abends dann eine kleine Portion warm gekochtes

Eine Banane aufzumachen ist keine Zubereitungszeit. Sich eben ein Vollkornbrot mit Butter zu bestreichen, eine Scheibe Käse draufzulegen und etwas Schnittlauch draufzustreuen auch nicht. Auch eine Schokocreme kann man schnell und unkompliziert selbst machen: Etwas Quark, etwas Honig, etwas echtes Kakaopulver, alles verrühren, fertig. Genauso lecker wie eine gekaufte Creme, aber viel gesünder, denn ich entscheide selber, was drin ist und gebe meinem Körper nur etwas, das er auch verarbeiten kann. Auch meinen Tee kann ich mit Honig süßen anstatt mit Fabrikzucker – oder ich lasse die Süße einfach mal ganz weg.

Du wirst feststellen: Dein Körper gewöhnt sich überraschend schnell daran, weniger Zucker zu bekommen und dein Geschmack wird sich verändern. Auf einmal werden dir Produkte süß vorkommen, die du vorher nicht als süß empfunden hast.

Essensmythen halten uns vom gesunden Essen ab

Hier stoßen wir jetzt auf ein Problem, denn beim Thema Rohkost halten sich zwei Mythen aufrecht, die genau das sind: Mythen. Zum Einen denken viele, Rohkost sei schwer zu verdauen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie, wenn sie Rohkost essen, sehr schnell zur Toilette müssen und denken: Himmel hilf! Aber wenn ihr mal genauer darüber nachdenkt ist das kein schlechtes, sondern ein gutes Zeichen. Der Körper kann die Rohkost schnell verarbeiten, denn fast alles an Inhaltsstoffen kann er verwerten. Und was er nicht verwerten kann, gibt er sofort wieder ab. Das ist viel besser, als wenn die Leber stundenlang erstmal alle Giftstoffe rausfiltern muss.

Zum Anderen hört man an jeder Ecke: Rohkost? Aber die ganzen Pestizide! Auf jeden Fall immer alles schälen und am besten auch noch kochen. Genau falsch. Wenn Obst oder Gemüse gespritzt wird, dann verteilt sich das in der ganzen Frucht.

Die Giftstoffe sitzen nicht etwa unter der Schale und können einfach weggeschält werden. Stattdessen sitzen unter der Schale die besten Inhaltststoffe, die eine Frucht zu bieten hat. Warum? Weil sie (wie auch unsere Haut bei uns) dafür zuständig ist, das Innere zu entgiften und zu schützen. Das heißt also, unter der Schale sitzen die Stoffe, die uns eventuell auch noch dabei helfen können, die durch die Industrie hinzugefügten Giftstoffe zu verarbeiten.

Das gilt für Äpfel, Möhren, Kartoffeln, eigentlich fast alles, was man schälen könnte. Das hat noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: Man braucht weniger Zeit zur Zubereitung. Eben an einer Möhre die Enden abschneiden und schon hat man einen Snack für zwischendurch. Natürlich sollte man das Obst oder Gemüse dann vorher gut waschen, um eventuelle Erd-Reste zu entfernen. Bio-Produkte zu kaufen ist sicher auch nicht verkehrt, wenn man die Schale mitessen will. Ein MUSS ist das aber nicht.

Iss mehr Rohkost! Wirklich! Eine kleine Gedankenspielerei wird dich davon überzeugen: Um lebendig zu sein, brauchen wir den richtigen Treibstoff. Und was ist wohl lebendiger – Ein Apfel frisch vom Baum oder eine Tiefkühlpizza?

Einfach nur wenig essen ist nicht gesund und keine gute Diät

Mit einem letzten Mythos möchte ich noch aufräumen, nämlich dem Abnehmen durch wenig essen. Erstens, ihr könnt es euch schon denken, ist das sehr schlecht, weil wir ja eh schon einen Mangel an manchen Stoffen haben. Und wenn wir weniger essen, dann wird das eher noch schlimmer, aber ganz sicher nicht besser.

Zweitens braucht der Körper eine gewisse Energiezufuhr, um zu funktionieren. Das erklärt sich von selbst. Wenn er diese nicht durch Nahrung bekommt, muss er sie sich woanders holen: Aus den Muskeln. Wenn wir uns runterhungern verlieren wir nicht etwa Fett, sondern Muskelmasse! Das Fatale daran ist, dass wir Muskeln brauchen, um gespeichertes Fett in nutzbare Energie umzuwandeln.

So funktioniert der Jojo Effekt: Man isst zu wenig, also werden Muskeln abgebaut. Man beginnt zu essen wir vorher, die Muskeln fehlen, die Energie wird sofort als Fett angelagert. Und man ist hinterher dicker als vorher.

Also: Wenn ihr euch etwas Gutes tun wollt, hört nicht einfach auf zu essen, sondern esst bewusster. Achtet darauf, was ihr esst und dass ihr nicht nebenher noch zig andere Dinge erledigt. Dann merkt ihr nämlich nicht, dass ihr schon satt seid. Das ist viel besser, als sich auf eine Mangel-Diät zu setzen.

Experte: Antje Brand
Antje Brand, bekannt aus Funk und Fernsehen, ist eine außergewöhnliche und äußerst erfolgreiche Trainerin und Body-Coach.

Buchtipps
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