Übergewicht loswerden und abnehmen: Wie wird man überschüssige Pfunde wieder los?

Im zweiten Teil des evidero-Interviews mit Peter Mersch klären wir die Frage, wie man abnehmen kann und warum so viele Diäten einfach nicht funktionieren.
von Peter Mersch
Übergewicht loswerden© artmim - Fotolia.com

Im ersten Teil des evidero-Interviews mit Buch-Autor Peter Mersch haben wir erfahren, wie Übergewicht entsteht. Im zweiten Teil klären wir die Frage, wie man wirklich abnehmen kann und warum so viele Diäten einfach nicht funktionieren.

evidero Es gibt wahnsinnig viele Diätformen, was taugen die eigentlich? Gibt es Ihrer Meinung nach DAS Rezept gegen Übergewicht?

Nein, DAS Rezept gibt es sicherlich nicht. Viele Menschen sind aus den schon genannten Gründen übergewichtig. Sie sollten sich an die von mir empfohlenen Maßnahmen halten.

Allerdings trifft dies nicht auf alle Übergewichtigen zu. Bei manchen Menschen liegt eine Stoffwechselerkrankung vor, andere werden übergewichtig, weil sie ein bestimmtes Medikament einnehmen müssen; auch kann chronischer Stress eine Rolle spielen. Die jeweiligen Ursachen sind im Einzelfall abzuklären. Allerdings sollte man keineswegs zu vorschnell schließen, die Hauptursache könnte Stress sein. Viele Übergewichtige leiden allein schon deshalb unter Dauerstress, weil ihr Gehirn nur aus Glukose Energie gewinnen kann. In den Nahrungspausen (insbesondere in der Nacht) kommt es bei ihnen dann immer wieder zu einer verstärkten Ausschüttung von Stresshormonen, die mit einer Verzuckerung von Körperproteinen (Muskeln, Bindegewebe etc.) einhergeht, und zwar zur Versorgung ihres Gehirns mit Glukose. Der Stress ist in diesem Fall jedoch nicht die Ursache des Übergewichts, sondern dessen Folge. Gleichzeitig schwächt die häufige Proteinverzuckerung die Körpersubstanz. Ich beschränke mich in meinen Büchern auf Übergewichtige, die ansonsten gesund sind. Bei allen anderen müsste man gegebenenfalls genauer hinschauen.

evidero Welche Rolle spielt Sport beim Abnehmen? Und welcher Sport ist der sinnvollste?

Sport spielt insbesondere dann eine große Rolle beim Abnehmen, wenn ich mich kohlenhydratreich ernähre und dabei auch bleiben möchte. Denn wie bereits geschildert, kann das Gehirn unter solchen Ernährungsbedingungen das Körperfett nicht nutzen. Man kann überreichliches Körperfett dann nur über zusätzliche Muskelarbeit verbrauchen. Die Sportart selbst ist meiner Meinung nach weniger entscheidend, solange sie körperlich ausreichend fordernd ist, sodass auch tatsächlich Fett verbrannt wird. Das wäre beim Schachsport beispielsweise noch nicht der Fall.

Bei sehr kurzzeitigen Ertüchtigungen, bei denen nur die Glykogenspeicher (Glukosespeicher) der Muskeln geleert werden, bringt Sport im Allgemeinen nicht viel. Beim Sport sollte ich auch nicht ständig kohlenhydrathaltige Sportgetränke und Energieriegel zu mir nehmen. Sie führen nämlich zu einer Insulinreaktion und verhindern die Fettmobilisierung.

Gleichzeitig leiden viele Übergewichtige unter einer geschwächten Körpersubstanz, deshalb sollten sie gelenkbelastende Sportarten lieber weglassen, selbst wenn sie für die Fettmobilisierung eigentlich optimal wären. Ernährt man sich so, wie ich es empfehle, dann muss man nicht unbedingt noch zusätzlich Sport betreiben, um Gewicht zu verlieren, da dann das Gehirn bereits für eine ausreichende Fettverbrennung sorgt. In diesem Fall könnte man sogar beim Schachspielen Gewicht verlieren. Denken statt Sport könnte die Devise lauten.

evidero   Was können Sie übergewichtigen Menschen raten, um sie zum Abnehmen zu motivieren?

Es ist für Übergewichtige viel wichtiger, ihren Gehirnstoffwechsel zu trainieren, als sich sklavisch an eine Diät zu klammern. Denn viele Diäten haben so viele Regeln und Einschränkungen, dass sie auf Dauer nur schwer durchzuhalten sind. Wer seinen Kreislauf trainieren und seine Ausdauer verbessern möchte, muss auch nicht den ganzen Tag durch die Gegend rennen. Es reicht, dies zwei- oder dreimal in der Woche zu tun und sich ansonsten wie gewohnt zu verhalten. Bei Diäten scheint man aber noch immer zu glauben, die Übergewichtigen müssten sich unbedingt wochenlang, jahrelang oder sogar lebenslänglich penibel an bestimmte Regeln halten, und zwar Tag für Tag. Das halte ich für falsch. Auch scheint mir der Versuch, über einen längeren Zeitraum zu hungern (das heißt, sich unterkalorisch zu ernähren, z. B. mittels FDH), eher demotivierend zu sein.

Ich empfehle jedem, der abnehmen will, jede Woche mindestens zwei aufeinander-folgende strikt kohlenhydratarme Tage einzulegen. Bei Normalgewichtigen reicht meist ein Tag, um die einmal erlangten Fettverbrennungsfähigkeiten des Gehirns nicht wieder zu verlieren. In früheren Jahren war es üblich, einmal im Jahr eine Fastenzeit durchzuführen. Die Wirkungen beider Maßnahmen dürften durchaus vergleichbar sein: In beiden Fällen erfolgt ein baldiger Wiederanschluss des Gehirns an den Fettstoffwechsel.

An den restlichen Wochentagen können sich Übergewichtige dann so ernähren, wie es ihrem Geldbeutel, ihren Vorlieben (z. B. Geschmack) und Ansprüchen (z. B. ethischer Art) und grundsätzlichen gesundheitlichen Erwägungen (sodass sie z. B. nicht nur Softdrinks und Süßigkeiten zu sich nehmen) entspricht. Die Wahl der Diät an diesen Tagen ist nicht unbedingt entscheidend. Viel wichtiger ist, dass sie lernen, über mehrere Tage notfalls ganz ohne Nahrungskohlenhydrate auszukommen. In der Altsteinzeit war eine solche Fähigkeit Grundvoraussetzung für das tägliche Überleben.

Wichtig beim Abnehmen ist, dass man dabei etwas lernt und dass sich im Organismus etwas Entscheidendes umstellt und ändert. Diäten, die das nicht leisten, sind im Grunde nutzlos, da man nach Beendigung im gleichen Stoffwechsel ist wie zuvor, sodass es leicht zum gefürchteten Jojo-Effekt kommen kann.

Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass der von mir empfohlene Wiederanschluss des Gehirns an den Fettstoffwechsel (beziehungsweise die Wiedererlangung der Ketolysefähigkeit des Gehirns) einen sehr guten Schutz vor einer späteren Demenzerkrankung darstellt. Auch scheint er sich positiv auf Migräne, Epilepsie und andere neurologische Erkrankungen auszuwirken. Umgekehrt ist Übergewicht in mittleren Jahren ein klarer Risikofaktor für die relativ frühzeitige Entstehung einer Alzheimererkrankung. Auch solche Faktoren könnten übergewichtige Menschen zusätzlich zum Abnehmen motivieren.

evidero   Vielen Dank für das Gespräch

Die Fragen stellte Tanja Korsten

Experte: Peter Mersch
Peter Mersch, Jahrgang 1949, ist Systemanalytiker und Zukunftsforscher. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Gebieten Migräne, Evolutionstheorie, soziokulturelle Evolution, Demografie und Soziologie. Von ihm stammen die Systemische Evolutionstheorie, das Familienmanager-Konzept und die energetische Migränetheorie. Daneben beschäftigt er sich mit den Ursachen der Übergewichts- und Demenzepidemie...
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  • Medley

    Ist die repressive, soziale Gesellschaftsnorm des "Schlank_sein_müssens" nicht ein Ausdruck eines reaktionären, bürgerlichen Leistungsdenkens, wo Menschen entsprechend den Kapitalverwertungsinteressen der Hochfinanz und der Großkonzerne körperlich und mental fit gemacht werden sollen, um so aus ihnen, -gemäß dem kapitalistischen Profitmaximierungsgedanken- noch mehr Gewinne für die gierigen 1% der Gesellschaft rausquetschen zu können und ist dann "Dick_sein" nicht ein befreiender Akt emanzipatorischen, zivilen Ungehorsams, um der menschenverachtenden Ausbeutung des Menschen durch den Menschen einen kalorienstarken Fettriegel vorzuschieben? Würde mich doch mal ganz-ganz stark interessieren.

    Glukosereiche Grüße,
    Medley

  • Peter Mersch

    @Medley
    Erstaunlich, dass Sie das so sehen. Dabei scheint es doch genau umgekehrt zu sein: Übergewicht breitet sich auf der Erde überall dort auf geradezu epidemische Weise aus, wo die "kapitalistische" moderne Lebensmittelindustrie eingekehrt und angestammte tradionelle Ernährungs- und Lebensweisen aufgegeben werden. Die weltweit durchschnittlich höchsten BMIs findet man aktuell auf den Südsee-Inseln. Auf Nauru beispielsweise sollen erwachsene Frauen heute einen durchschnittlichen BMI von 35 haben (Quelle: http://www.laenderdaten.de/gesundheit/bmi.aspx, siehe die dort angegebene Studie von Finucane et al.), auf Französisch-Polynesien – wozu auch Tahiti gehört – immerhin von über 32. Es hätte garantiert keine Meuterei auf der Bounty gegeben, wäre das auch 1789 schon so gewesen.

    Wenn Sie schon meinen, die Interessen der Hochfinanz und Großkonzerne ins Spiel bringen zu müssen, dann dürfte viel mehr der Satz "Zucker ist Opium fürs Volk" passen. Nicht der körperlich und mental fitte Mensch steht im Vordergrund, sondern der willige Konsument. Und der kann durch die moderne Zivilisationskost regelrecht in körperliche und mentale Abhängigkeiten geraten: Ich weiß, wovon ich rede, ich selbst war jahrzehntelang kohlenhydratsüchtig. Kohlenhydratsucht ist das genaue Gegenteil von Emanzipation.

    Fettreiche Grüße
    Peter Mersch

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