The North Face im Test: The North Face – Weder giftiger Regen noch klarer Bergbach

The North Face ist einer der größten Hersteller für Outdoor Kleidung. Aber ist diese auch gut für die Natur?
von Volker Eidems
Foto: UPPA/Photoshot © dpa - Report

The North Face produziert Bekleidung für anspruchsvolle Naturliebhaber. evidero prüft: Ist der Outdoor-Ausstatter denn auch wirklich gut für die Umwelt?

Rauf auf den Gipfel, den Wildbach runter im Kajak, rein ins Zelt – outdoor, also draußen sein, ist in. Um das zu erkennen muss man nicht mal raus in die Natur. Es genügt, sich die Wachstumsraten der Outdoor-Bekleidungshersteller anzusehen. Während die übrige Modebranche stagniert, nimmt der Umsatz mit Funktionskleidung weiter zu. Weltmarktführer ist seit Jahren die Marke The North Face (TNF), vor Unternehmen wie Jack Wolfskin, Patagonia, Schöffel oder Vaude. TNF gehört seit dem Jahr 2000 zum US-Bekleidungsriesen VF Corporation, der die Outdoormarke – trotz der Umsatzgröße – zunächst vor einer nahenden Insolvenz bewahren musste. VF Corporation wiederum ist eine der größten Textil-Aktiengesellschaften weltweit und vereint rund 40 Marken, darunter etwa Lee, Wrangler, Timberland und Eastpak. Über die ökologischen Aktivitäten von TNF gibt es zumindest im deutschsprachigen Raum kaum Berichte, nur wenige Organisationen wie die Kampagne für Saubere Kleidung haben bislang berichtet – eigentlich erstaunlich.

Umwelt und Gesellschaft zunehmend wichtiger

Unternehmen sind nicht automatisch nachhaltig, nur weil ihre Produkte ins Grüne passen, das ist klar. Es gibt in der Branche Kritik an den Produktionsbedingungen für Mensch und Umwelt, wie auch am vielfach verwendeten „Sondermüll“ – im Katalogdeutsch: Hightech-Materialien. Und wo positioniert sich TNF? Eine Marke, der Stiftung Warentest 2004 zwar gute Qualität testierte, aber bemängelte „als Unternehmen ist North Face deutlich weniger für Soziales und Umwelt engagiert.“ Seitdem hat sich TNF auf den Weg gemacht – ist aber noch nicht angekommen. Anders als etwa Schöffel, Vaude oder Mammut ist TNF nicht Mitglied der unabhängigen Fair Wear Foundation, sondern setzt auf die hierzulande eher unbekannte Sustainable Apparel Coalition (SAC). „Die (SAC) ist eine branchenübergreifende Gruppe führender Bekleidungs- und Schuh-Marken, Verkäufer, Hersteller, NGOs, wissenschaftlichen Experten und der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA, die daran arbeitet, die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft […] weltweit zu reduzieren“, zählt Hubertine Roessingh auf, Nachhaltigkeitsmanagerin bei The North Face.

Faire Arbeitsbedingungen durch Audits

Bei den Arbeitsbedingungen zeichnet die TNF-Mutter VF Corporation verantwortlich, ihre Richtlinien und Standards gelten auch für TNF-Zulieferer. Demnach muss ein Hersteller zunächst den „Terms of Engagement“ zustimmen. Inspektoren besuchen dann die jeweilige Fabrik und der Besitzer muss gegebenenfalls die Bedingungen verbessern, um als Zulieferer aufgenommen zu werden. „Die globale VF Lieferkette umfasst die Produktion von 500 Millionen Teilen jährlich in über 1.400 Fabriken weltweit,“ teilt Roessingh mit, „[…] 2010 führte VF 1.785 Inspektionen in 62 Ländern durch.“

Zwar gab es im letzten Rating der Kampagne für Saubere Kleidung keinen einzigen „Gipfelstürmer“ unter den befragten Outdoormarken, TNF gehörte aber nicht einmal zum Mittelfeld, sondern zu den Schlusslichtern in der „Ignoranten“-Gruppe. Roessingh verweist hier auf das Geschäftsgeheimnis: „Wir haben an der letzten Befragung der CleanClothesCampaign (im deutschsprachigen Raum Kampagne für Saubere Kleidung) zu den fairen Arbeitsbedingungen teilgenommen. Allerdings konnten wir aus Gründen der Vertraulichkeit nicht alle Fragen beantworten.“

Bluesign®-Standard für Produktsicherheit

Bei den verwendeten Materialien gibt es zwei Handlungsfelder: Zum einen sollte das Bemühen erkennbar sein, nachwachsende oder recyclingfähige Rohstoffe einzusetzen, bestenfalls gibt es ein unternehmenseigenes Recyclingprogramm. Zum anderen sollte die Schadstoffbelastung so klein wie möglich sein, die Imprägnierungen etwa enthalten vielfach langlebige Gifte, wie eine Monitor-Sendung von Anfang März berichtet. TNF reagiert seit 2008 mit dem unabhängigen Siegel bluesign®. „Der bluesign®-Standard berücksichtigt sämtliche Umwelteinflüsse unserer Herstellungsprozesse, sowohl auf Input- als auch auf Outputseite. Teil dieser Prozesse ist unter anderem auch die Beurteilung der chemischen Belastung zu Beginn des Produkt-Lebenszyklus unserer Produkte“, schreibt Adam Mott, Senior Manager für Corporate Sustainability auf der Bluesign®-Website. „Derzeit sind 37 Prozent unseres gesamten Materialvolumens nach diesem Standard geprüft, unser Ziel liegt bei 65 Prozent.“ fügt Roessingh auf Anfrage hinzu: „Wir folgen immer dem Ansatz, die meistverwendeten Materialien und unsere größten Zulieferer vorrangig zu behandeln um den größten und schnellsten Effekt zu erzielen.“ In den vergangenen Jahren wuchs das bluesign®-zertifizierte Sortiment um etwa sieben Prozent jährlich.

Materialauswahl verbesserungswürdig

TNF-Konkurrent Jack Wolfskin hat Ende Mai angekündigt, ab Sommer 2013 ausschließlich Baumwolle aus zertifizierter Bioproduktion einzusetzen. TNF bleibt da zurückhaltender, gibt zum Beispiel die Menge verwendeter Biobaumwolle durch die Zahl der verkauften Kleidungsstücke an – das können also auch 50 Halstücher und müssen keine 50 Pullover sein. 2009 waren 7,1 Prozent der TNF-Textilien aus Biobaumwolle, 2011 waren es 12,9 Prozent, teilt Roessingh mit: „Aktuell überarbeiten wir unseren Gesamtansatz zur Baumwolle, um wirklich alle Nachhaltigkeitsbereiche abzudecken, statt uns ausschließlich auf zunehmende Verwendung von Biobaumwolle zu fokussieren.“

Beim Thema Recycling wiederum ist Konkurrent Patagonia Vorreiter, der Bereich spielt gerade bei der synthetischen Funktionskleidung eine Rolle. TNF ist auch hier langsamer und verliert sich in Allgemeinplätzen: „Recycelte Textilien […] sind ein vieldiskutiertes Themenfeld. Für uns hat es Priorität und wir bringen derzeit mehr über verschiedene Recyclingprogramme in Erfahrung. Wir erkennen die Wichtigkeit aus sozialer, Umwelt- und Unternehmensperspektive und werden es in Zukunft aufgreifen.“, schreibt Roessingh.

Fazit

Mit einer Ausrüstung von TNF zieht der Bergsteiger weder Blutspur noch Chemiewolke hinter sich durchs Gebirge. Gerade in den letzten Jahren sind zunehmend Bemühungen erkennbar, dass sich TNF auf den Weg zur Nachhaltigkeit gemacht hat. Allerdings geht es in sämtlichen Bereichen schleppend voran, zu den Vorreitern im Outdoorbereich zählen sicherlich andere Anbieter. Das ist erstaunlich, denn TNF ist keine Billigmarke und könnte aufgrund seiner Größe und Eingebundenheit in die Strukturen der VF Corporation sicher mehr erreichen, wenn das Thema Priorität hätte. Aber vielleicht ist das vergleichsweise nachhaltigkeitsorientierte Europa auch gar nicht die Hauptzielgruppe des Unternehmens, und in anderen Ländern genügen die bisherigen Schritte schon, um TNF als „nachhaltige Marke“ zu positionieren. Die nur auf englisch verfügbaren Informationen auf der Website könnten darauf hindeuten.

Volker Eidems (Soziologe M.A.) ist gern unterwegs, am liebsten mit dem Rad. Wenn die Strecken aber zu lang oder die Koffer zu groß für den Fahrradanhänger sind, nutzt er möglichst das ökologischste alternative Verkehrsmittel – und das ist gar nicht so einfach zu ermitteln...