Wassersparen in Deutschland: Vom Sinn und Unsinn des Wassersparens

Macht es in einem Land wie Deutschland Sinn, Wasser zu sparen, oder schadet das etwa eher?
von Annette Bonse
Ist Wasser sparen sinnvoll?©iStockphoto.com/Tarek El Sombati

Wassersparen wird in Deutschland großgeschrieben. Den Hahn dreht man beim Zähneputzen zu, duschen ist besser als baden und zu lange duschen sollte man auch nicht. bei der Klospülung gibt es manchmal sogar getrennte Abzugs-Schalter für viel oder wenig Wasser. Macht das wirklich Sinn? evidero-Bloggerin Annette Bonse hat sich mit dem Thema auseinander gesetzt.

Wenn ich als Kind beim Zähneputzen das Wasser laufen ließ, kam meist prompt einer meiner Eltern zum Waschbecken gehechtet, um den Hahn zuzudrehen und den baldigen Weltuntergang aufgrund von Dürrekatastrophen zu prophezeien. Inzwischen habe ich das Wasser-Sparverhalten so verinnerlicht, dass mir allein der Gedanke an einen tropfenden Wasserhahn schlaflose Nächte bereiten kann. Doch vor kurzem las ich einen Artikel, der mein vom Spartrieb geprägtes Öko-Ich bis in die Grundfesten erschütterte. In dieser Reportage einer großen deutschen Wochenzeitung hieß es, dass Wassersparen in Deutschland unsinnig sei.

Wie bitte?! Zunächst kam mir diese Aussage so absurd vor, als erzähle mir jemand, dass Rauchen die Gesundheit fördert (einmal davon abgesehen, dass das definitiv die beste Nachricht des Jahres wäre!). Doch die weiteren Ausführungen in dem Artikel waren erstaunlich nachvollziehbar. Dort hieß es erstens, dass man Kinder in Afrika nicht vor dem Verdursten retten kann, wenn man hier in Deutschland Wasser spart. Denn wie sollte das in Deutschland eingesparte Wasser bitteschön nach Afrika gelangen? Soweit hatte ich bisher noch nie gedacht – aber dass man keine Abermillionen Tonnen Wasser täglich nach Afrika einfliegen kann, fand ich dann doch nachvollziehbar.

Ist Wasser sparen eher schädlich, als nützlich?

Zweitens aber – und hier wurde der Artikel richtig interessant – hieß es, dass der Deutschen Lust am Wassersparen in vielen Fällen eher kontraproduktiv sei. Wir hätten unseren Wasserverbrauch inzwischen so weit reduziert, dass die Wasserleitungen und die Kanalisation einiger Städte nicht mehr ordentlich durchspült würden. Die Folge sei die Bildung von Keimen, Verunreinigungen und schädlichen Ablagerungen. Einige Städte, hieß es, müssten inzwischen zusätzliches Frischwasser durch die Rohre pumpen, um eine ordentliche Durchspülung zu gewährleisten.

So richtig Glauben schenken wollte ich dem Artikel trotz einer nicht zu verleugnenden Logik immer noch nicht. Genauso ging es den Leuten, denen ich von meinen neuen Erkenntnissen erzählte. Die meisten reagierten, als wäre ich dabei, eine Verschwörungstheorie zu verbreiten. Deshalb habe ich im Internet recherchiert. Und musste einsehen, dass die Nachteile übermäßigen Wassersparens zunehmend anerkannt und beklagt werden.

Wasser – und auch das haben wir schon als Kinder gelernt – ist Teil eines Kreislaufs und wir im wasserreichen Deutschland verbrauchen laut Aussagen des Wissenschaftlers und Wasserexperten Hans-Jürgen Leist nur 20 Prozent der Menge, die sich jährlich erneuert.

Heißt das jetzt, wir können in Zukunft sorgenfrei das Wasser laufen lassen, so lange wir wollen?! Abgesehen vom Preis: Im Prinzip ja – nur einen Haken hat die Sache: Das Erhitzen von Wasser kostet trotzdem Energie. Tägliches Wannenbaden sollte also weiterhin tabu bleiben – es sei denn, man hat entsprechende Ökotechnik im Haus – oder entscheidet sich fürs Kaltbad.

Ob ich es in Zukunft schaffen werde, das Wasser beim Zähneputzen laufen zu lassen? Ich glaube nicht – manche Angewohnheiten sitzen einfach zu tief.

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Autorin: Annette Bonse
Annette Bonse hat ihre Kindheit und Jugend in Deutschlands Metropole der Wutbürger verbracht. Da von Stuttgarts revolutionärem Geist zu dieser Zeit noch nicht viel zu spüren war, verschlug es sie auf der Suche nach Alternativen zur schwäbischen Beschaulichkeit unter anderem nach Kansas, Montpellier und Guatemala...

Tipp
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  • GRÜNWILD

    Ein Mensch kann durchschnittlich 550.000 Liter Wasser sparen, wenn er denn den Hahn zudreht. Also sollte er es auch tun, denn er verschwendet prinzipiell sein eigenes Trinkwasser. Er würde ja auch keine Flasche Vittel einfach so über dem Becken ausgießen …

  • Peter

    mmh, die Wasserwerke haben – insbesondere im Osten Deutschlands nach der Wende – den (steigenden) Wasserverbrauch total überschätzt und deshalb sehr dicke Rohre verlegt. Jetzt machen die Nutzer durch Wasserspareinrichtungen und Bevölkerungsschwund ihnen einen Strich durch die Rechnung und wir sollen das Wasser laufenlassen, damit die Rohre durchgespült werden? Weil die Spülstöße mittlerweile mehr Wasser kosten – das natürlich alle zahlen – als der eigentliche Verbrauch? ich muss bei diesem Thema immer an den Vergleich mit Autos denken: Wir bauen immer noch mehr Autobahnen und Straßen, dabei wird das Energieproblem – und vielleicht auch eine Wirtschaftskrise, wer weiß das schon – in Zukunft mit ziemlicher Sicherheit für weniger Autoverkehr sorgen. Verteilen wir dann Tankgutscheine, damit die Straßen weiter genutzt werden? Wenn die Rohre zu dick sind, muss man an Rückbau denken, wenn die Wasserwerke dafür zu blöd sind, müssen wir leider für Spülstöße zahlen, es sei denn, die Politik wird aktiv. Und noch ein Gedanke: Nicht nur bei erhitztem Wasser wird unnötig Energie verschwendet, auch die Aufbereitung von einfachem, kaltem, klaren Trinkwasser und spätere Aufbereitung des Abwassers etc. kostet Energie. Bei einer schrumpfenden Bevölkerung wird der frühere Verbrauch sicher nicht zu halten sein – und das ist auch gut so!

  • Anton B.

    Peter hat Recht: Vor allem für das Aufbereiten, Erwärmen und die Reinigung wird viel Energie verbraucht. Auch gibt es Regionen in Deutschland, wo das Wasser (aus klimatischen und geologischen Gründen) nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht. So müssten riesige Wassermengen aus dem Bodensee in trockenere Regionen nördlich gepumpt werden. Wassersparen ist aber vor allem auf einen andere Art sehr wichtig: Über den Verbrauch in anderen Ländern via Produkte oder Dienstleistungen: Das „virtuelle Wasser“ – welches in einem Produkt oder einer Dienstleistung enthalten ist oder zur Herstellung verwendet wurde. Das ist überraschend viel und oft stammen die Produkte aus Ländern, in denen Wassermangel herrscht (Baumwolle, Gemüse, Fleisch). Siehe auch hier: http://www.virtuelles-wasser.de/virtuelles_wasser

  • Dann sollte man zunächst einmal damit beginnen, für die Toilettenspülung auf Trinkwasser zu verzichten, könnte man denken. Allerdings würde dies ein zweites Zuführsystem erfordern, eine Bilanzierung wäre dennoch interessant, habe ich aber noch nicht gesehen. Gibt es so etwas schon?

  • Wasser zu verschwenden finde ich ehrlich gesagt wenig sinnvoll. Es ist wie ein Aufruf zur allgemeinen Unmäßigkeit und fördert den weiteren Werteverfall in einer Wegwerfgesellschaft. "Wir sollen mehr Wasser verbrauchen, damit die zu dicken Rohre besser durchspült werden und sich keine Keime bilden?" Ich bin dafür dass man die Rohre schnellstmöglich an den Wasserverbrauch anpaßt und nicht umgekehrt, vor allem dann, wenn jetzt schon offensichtlich die Gefahr besteht, dass sich Keime bilden können… Man kann schlußendlich auch nicht vom Wasserverbraucher erwarten, dass er den Mehrverbrauch von Wasser, der für ihn ja gar nicht nötig wäre, auch noch selbst finanzieren muß. Sinnvoller wäre es dann, dünnere Rohre zu finanzieren, um eine Verkeimung der Rohre langfristig abzuwenden. Die Idee von Herrn Rudert für die Toilettenspülung anderes als unser teuer aufbereitetes Trinkwasser zu verwenden finde ich ebenso sinnvoll. Wir sollten lieber weiterhin in die Verbesserung von Technik investieren und uns neuen Gegebenheiten anpassen und nicht einen "status quo ante" künstlich aufrecht erhalten durch Verschwendung… _

    • Kommunalpolitiker

      Zitat:
      "Ich bin dafür dass man die Rohre schnellstmöglich an den Wasserverbrauch anpaßt und nicht umgekehrt"

      Genau und wenn es dann ein Unwetter gibt und die kleineren Rohre die Wassermassen nicht packen können bist du die erste die über die unfähigen Planer schimpft.

  • Das ist schon zweischneidig. Ich bin auch kein Freund von Verschwendung.
    Aber ich kann das Problem mit der Wartung der Kanalisation durchaus Bildhaft nachvollziehen:
    Wenn ich mein Häuflein nur mit einem kleinen Wasserstoß aus der eigenen Toilette in die Kanalisation spüle und sich das dann zu vielen anderen gesellt, und dann nicht genug Wasser nach- und durchläuft, dann wird das (und die anderen Fäkalien) auch nicht so leicht bis zum nächsten Klärwerk gespült.
    Das liegt dann da rum und krustet vor sich hin. Kann nicht gut sein. Auf Dauer werden sich da andere Sachen festsetzen und zu Problemen führen. Die Wartungs- und Reinigungsarbeiten, das Durchspülen mit Frischwasser verursachen dann natürlich Kosten, die auf die Verbraucher umgelegt werden. So könnte (kann ich natürlich nicht verifizieren, macht aber IMO Sinn) das Sparen von Wasser zu letztendlich höheren Wasser- und Abwasserkosten und den Problemen mit üblen Gerüchen und Keimherden (besonders im Sommer) führen. Das ist ja auch nicht so toll.

    • – übergangsweise versteht es sich glaube ich von selbst, dass die "Häuflein" möglichst an ihr Ziel gelangen sollten, darum ging es mir in meinem Kommentar zum Beispiel nicht. Langfristig kann es aber keine Dauerlösung sein, dass wir Wasserfall-Oasen, die ich in freier Natur ja recht hübsch finde, nun in unseren Badezimmern,Toiletten- und Waschbecken gestalten… http://www.youtube.com/watch?v=9-14tkEfpNw

  • Christiane M.

    Wie auch immer, das Thema Nachhaltigkeit wird sehr einseitig betrachtet und lässt zum Beispiel außer Acht, dass gerade Zusatzmaßnahmen wie Zusatzreparaturen nötig werden. Es entsteht gerade dadurch Schimmel, weil nahezu hermetisch abgedichtet worden ist, statt ein paar undichte Fenster zu belassen. Als Abhilfe müssen dann, wie ich in der Berliner Zeitung kürzlich las, sogar Lüftungsanlagen in einigen Schulen eingebaut werden. Es muss der Mensch immer mit betrachtet werden, erst dann wird es rund oder nachhaltig.

  • Finde ich interessant… btw an alle, die hier von Wasserverschwendung reden: Das Wasser, was im Abfluss verschwindet, ist nicht weg! Das verbleibt im Kreislauf und wird aufbereitet. Soweit ich weiss ist der Aufwand des Aufbereitens geringer, je weniger verunreinigt die Gesamtmenge an aufzubereitendem Wasser ist, volkswirtschaftlich gesehen, könnte es tatsächlich sogar insgesamt sinnvoll sein, garnicht bis wenig verunreinigtes Wasser zirklulieren zu lassen (die Italiener z.B. Spülen ihr Geschirr soweit ich weiss immer noch traditionell unter fliessendem Wasser, auch wenns mal 20 Minuten dauert). Individuell steigt damit natürlich trotzdem die Wasserrechnung…