Nachhaltige Kreislaufwirtschaft auf der Toilette: Das stille Örtchen und das Geschäft mit dem Rest

Ein ewiger Kreislauf: Was aus dem wird, was in die Toilette gelangt, bestimmen wir tagtäglich selbst.
Dr. Alexandra Hildebrandt
von Dr. Alexandra Hildebrandt
Nachhaltigkeit auf dem Klo© Pixaby

Der Grundsatz der Nachhaltigkeit ist mit Kreisläufen verbunden und beginnt zuerst im Kopf. Wissen und Gewissen sind dabei untrennbar miteinander verbunden. Die bedeutendsten Denker haben allerdings nicht nur große und obere Dinge im Blick (gehabt), sondern auch die unteren Regionen und kleine Verrichtungen. Der Beitrag zeigt anhand zahlreicher Beispiele aus dem Lebensalltag, wie knappe oder umweltbelastende Ressourcen durch bereits vorhandene Materialien geschont und der Wiederverwertung und dem Recycling Vorrang vor dem Abbau neuer Rohstoffe gegeben werden kann: reduce – reuse – recycle. Nachhaltige Kreisläufe messen sich an Vernunft, Klugheit und gesellschaftlichen Fundamenten, die sich als „tragfähig“ erweisen.

Im Zentrum der Ausstellung „Hundertwasser … schön & gut“, die noch bis 5. März 2017 im Bernrieder Buchheim-Museum zu sehen ist, steht eine Humustoilette, die der Maler, Politaktivist und Ökologe Friedensreich Hundertwasser entwickelt hat und dort zitiert wird: „Scheiße wird Erde, die man aufs Dach legt, wird zu Wiese, Wald und Gärten, Scheiße wird zu Gold.“ Diese Aussage hat einen erkenntnisfördernden Wert, auf den der Philosoph Peter Sloterdijk bereits 1983 in seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ verwiesen hat: „Man muß der Scheiße anders begegnen.“

Cradle-to-cradle Konzept für kreislauffähige Produkte

Das taten auch der deutsche Verfahrenstechniker und Chemiker Prof. Michael Braungart und William McDonough, die gemeinsam das Cradle-to-cradle-Konzept entwickelt haben. Cradle to Cradle (C2C) bezeichnet ein Designprinzip für kreislauffähige Produkte, die gesund für Mensch und Umwelt sind. Nichts anderes meint auch Hundertwasser: Es geht darum, das Konzept des Abfalls abzuschaffen und zu zeigen, dass keine Ressource als entbehrlich gelten sollte.

Aber was heißt das nun fürs stille Örtchen? Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde häufig Zeitungspapier im Klohäuschen benutzt, was bedeutete, dass die Druckerschwärze buchstäblich den Allerwertesten „prägte“. Mit kaum einem anderen Produkt haben wir täglich so viele Berührungen wie mit Toilettenpapier.

Wie es besser geht: Das richtige Toilettenpapier

Wer die umweltfreundliche Variante wählt, entscheidet sich vorwiegend für Recyclingpapier, das durch den vielfach geringeren Wasser-, Energie- und Chemikalieneinsatz dem Frischfaserpapier überlegen ist. Durch das Ausgangsmaterial des Recyclingpapiers (Altpapier) kommt es allerdings zuweilen auch zu ungewollten Nebeneffekten, wenn nicht im gesamten Prozess auf eine nachhaltige Wertschöpfungskette geachtet wird: So haben Wissenschaftler in einer Untersuchung unter anderem den hormonell wirkenden Stoff Bisphenol A (BPA) entdeckt.

BPA ähnelt dem weiblichen Hormon Östrogen und wirkt im Körper auf den Hormonhaushalt. Inzwischen lässt sich Bisphenol A im Blut, im Urin und auch im Fruchtwasser nachweisen.

Es führt zum Beispiel zur verfrühten Geschlechtsreife bei Mädchen, zu Übergewicht, Diabetes Typ 2 und Abnahme der Spermienzahlen. BPA kann sich im Klärschlamm ansammeln, Tiere in ihrer Fortpflanzung beeinträchtigen und letztlich wieder in der menschlichen Nahrungskette auftauchen.

Toilettenpapier aus Recyclingmaterial

Empfehlenswert ist Hygienepapier aus Recyclingmaterial mit dem Umweltzeichen Blauer Engel, das zu 100 Prozent aus Altpapier hergestellt wird. Im Toilettenpapier „Pure White“ von Van Houtum zum Beispiel sind keine körperschädigenden Stoffe enthalten. Die Herstellung erfolgt unter Einsatz von 100 Prozent erneuerbaren Energien aus 100 Prozent Recyclingpapier.

Nach seiner Benutzung kann das Toilettenpapier als gesunder Nährstoff in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden. Dafür erhielt das Unternehmen vom Cradle to Cradle Products Innovation Institute ein Silber-Zertifikat. Zu kaufen gibt es das Toilettenpapier zum Beispiel bei Cradleution und memolife, wo auch das zweilagige Satino Black Toilettenpapier in Premiumqualität auf Basis von 100 Prozent hochwertigem Recyclingpapier erhältlich ist.

Es wird ohne den Einsatz optischer Aufheller hergestellt und ist ausgezeichnet mit dem europäischen Ecolabel und dem FSC®-Zertifikat.

Toiletten mit iPad ausstatten?

Sämtliche Dinge und Reservate auf der Landkarte unseres Lebens sind heute vom „schlauen“ Eingriff in Beschlag genommen. Auch das stille Örtchen gehört inzwischen zu den bedrohten Schutzgebieten. Im Zeitalter der Digitalisierung sollen auch Toiletten smart werden.

So geht es beim Projekt „Quantified Toilets“ beispielsweise darum, in öffentlichen und privaten WCs Sensoren zu installieren, die die Menge und Zusammensetzung der Ausscheidungen analysieren. Die Dateien sollen Erkenntnisse über den menschlichen Gesundheitszustand liefern. In den USA gibt es inzwischen auch Toilettenstühle für Kleinkinder, die mit einem iPad ausgestattet sind, weil die Eltern davon überzeugt sind, dass die Kinder dann noch nebenbei etwas lernen könnten.

Ob solche Ideen die Welt oder ein Leben ohne Toilettenpapier wirklich besser machen, sei dahingestellt.

Geld stinkt nicht

Dennoch ist auffällig, dass gerade Toiletten heute buchstäblich „Gold“ wert sind. Geld stinkt nicht. Die lateinische Redewendung Pecunia non olet gilt noch heute. Der Ausspruch geht auf den römischen Kaiser Vespasian zurück, der damit seine Steuer auf menschlichen Urin verteidigte, den römische Bürger kauften, um damit Leder zu gerben und Kleider zu waschen.

Vespasians Sohn empfand darüber Ekel – doch der Kaiser hielt ihm eine Münze unter die Nase und fragte, ob sie schlecht rieche. Der Sohn verneinte und Vespasian erklärte ihm, dass sie mit Urin verdient worden sei. Das zeichnet auch manches „Geschäft” der Gegenwart aus.

Ums reine Verdienen geht es dem Kieler Geografie-Professor Christoph Korves, Initiator des Lernprogramms „Yooweedoo”, allerdings nicht. Er entwickelte einen “Changemaker-Kurs”, der an 15 deutschen Universitäten angeboten wird, aber auch als Onlinekurs absolviert werden kann. Ein Ideenwettbewerb schließt daran an. Entwickelt und erfolgreich umgesetzt wurde beispielsweise der Goldeimer:

Die mobile Komposttoilette kann auf Festivals und Großveranstaltungen eine Alternative zu den Dixie-Klos sein. Der Eimer kommt ohne unangenehme Gerüche, Chemie und Wasserverschwendung aus. Nach jedem Toilettengang werden sie ehrenamtlich von einem der Mitarbeiter gereinigt, der dafür einen kostenlosen Festivalbesuch erhält. Das erwirtschaftete Geld geht an die Hamburger Wasserinitiative „Viva con aqua”.

Nachhaltige Toilettenkreisläufe und Reinigungsmittel

In einer Kreislaufwirtschaft werden die Nährstoffe, die in der Nahrung in die Stadt gelangen, in wasserlosen Toiletten gesammelt. Diese nutzen Holzspäne, Holzkohle und effektive Mikroorganismen, um in Fermentations- und Kompostierungsprozessen Urin und Fäzes wieder in fruchtbaren Humusboden zu verwandeln.

In Nürnberg gibt es ein nachhaltiges Toilettenhaus im Stadtgarten: Es ist aus Lärchenholz gefertigt, mit abgeflachtem und begrüntem Dach, einer Rampe für Rollstuhlfahrer/innen und einem bepflanzbaren seitlichen Wandbeet. In der Toilette befinden sich Streugutbehälter. Der Urin fließt (sofern er nicht von den Spänen gebunden wird) als Sickerflüssigkeit in den durch eine Lochplatte abgetrennten unteren Teil des Trockenklos. Die festen Bestandteile vermischen sich mit dem Streugut und muten in dieser Form bereits fast wie Erde an. Die 2013 gebaute Komposttoilette wurde von Bluepingu e.V. initiiert.

Wassertoiletten verschlingen Unmengen an Wasser und Energie. Aber darauf verzichten? Das kommt wohl für niemanden in Frage. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, auch hier auf Nachhaltigkeit zu achten. Dazu gehört zum Beispiel, nichts ins WC zu spülen, was nicht dafür vorgesehen ist – wie Essensreste, Hygieneartikel, Chemikalien und Medikamente. Insbesondere chemische Substanzen und Arzneimittel belasten das Abwasser, weil viele Kläranlagen diese Rückstände nicht vollständig herausfiltern können.

Auf chlorhaltige Reinigungsmittel und WC-Reiniger mit Salz- oder Salpetersäure sollte verzichtet werden. Leider wird darüber zu wenig in den Medien berichtet – hier steht oft nur neue die Neukundengewinnung oder die Innovation der Hersteller von Reinigungsmitteln im Vordergrund, zum Beispiel Duftspüler eines Konzerns, der mit parfümierten und schäumenden Klokugeln wirbt, die von Marzipankartoffeln inspiriert wurden. Der Nachhaltigkeitsgedanke fehlt allerdings bei diesem Geschäft mit den Putzmitteln.

Verzicht auf Phosphate und Palmöl bei WC-Reiniger

WC-Reiniger mit natürlicher Milchsäure beseitigen effektiv Schmutz und Bakterien in der Toilette. Reinigungs- und Pflegemittel von Ulrich bestehen beispielsweise aus hochwertigen nachwachsenden Rohstoffen und sind so gering umweltbelastend wie möglich. Verzichtet werden auf Phosphate und Erdöltenside, optische Aufheller, Palmöl und Duft- oder Farbstoffe sowie petrochemischen Inhaltsstoffe. Das enthaltene Zitronenöl stammt aus kontrolliert biologischem Anbau. Die Flasche besteht aus recycelbarem Polyethylen (PE).

Bei ökologischen Wasch- und Reinigungsmittelfirmen wie zum Beispiel SODASAN sind alle Produkte (auch die WC-Reiniger Tabs) frei von Konservierungsmitteln oder chlorabspaltenden Substanzen und mit dem Vegan-Logo gekennzeichnet. Sämtliche Inhaltsstoffe erfüllen die Kriterien von Ecogarantie und Ecocert.

Kopf und Klo

An einem Objekt wie der Toilette, von denen es mehr als 5000 verschiedene Modelle weltweit gibt, zeigt sich, wie es heute um uns steht und dass wir zuweilen sogar den letzten Rest von Selbstbestimmung und Eigenzeit aufgeben, um mit der Welt vernetzt zu sein.

Ein schönes Beispiel für die Verbindung der alten Toilettenkultur mit den unerschöpflichen Geburten des Geistes findet sich im Herausgeberband von Insa Wilke über den Intellektuellen Roger Willemsen. Sein „Territorium“ war zwar nicht die Toilette, sondern von Anfang an das geschriebene Wort – aber auch hier gibt es buchstäblich eine fließende Verbindung zum WC: Da er schon von früh an redselig war, nannten ihn seine Eltern „Klokasten“ (der Wasserkasten unter der Decke, der wieder voll lief, wenn man an der Strippe zog).

Alle großen Geister haben die „Niederungen“ des Alltags nicht vernachlässigt: So sann Luther vor 500 Jahren „in cloaca“ über Gottes Gnade nach. Sein Plumpsklo in Wittenberg gilt heute als ein heiliger Ort des Protestantismus. Auch daran sollte zum Jubiläum des 500. Jahrestags seines Thesenanschlags im Jahr 2017 erinnert werden.

Für zahlreiche Hintergrundinformationen und Produktverweise bedanke ich mich bei Claudia Silber.

Weiterführende Links und Informationen:

https://www.memolife.de/Satino-Black-Toilettenpapier-4-Stk.html?ono=H1306
https://www.memolife.de/Bioabfall-Behandlung-mit-Tonerde-Streu.html
https://www.blauer-engel.de/de/produktwelt/unternehmen/memo-ag
https://www.memolife.de/WC-Reiniger-mit-Milchsaeure.html?ono=H1132
http://www.sodasan.com/wc-reiniger-tabs.html

Dr. Alexandra Hildebrandt
Dr. Alexandra Hildebrandt ist Publizistin, Herausgeberin, Wirtschaftspsychologin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft...
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