Gewissensfragen beim Pelz: Wohin mit Omas Pelz?

Pelze sind out und unmodern. Was also tun mit denen, die man erbt? Soll man die einstmals wertvollen Stücke wegwerfen, verkaufen oder doch gar umnähen lassen?
von Torsten Mertz
Darf man geerbten Pelz tragen? © ChiccoDodiFC - Fotolia.com

Bei unserem letzten Umzug kamen einige Pelzjacken zutage, die meine Frau von ihrer Mutter bzw. Großmutter geerbt hat. Da in unserem Haushalt niemand auf die Idee käme, mit den ollen Tierfellen herumzulaufen, stellte sich die Frage: Soll man die einstmals wertvollen Stücke wegwerfen, verkaufen oder doch gar umnähen lassen? Ist es nicht eine Frage des Respekts, die Felle zu tragen, für die die armen Kreaturen eigens gezüchtet oder gejagt – auf jeden Fall getötet wurden?

Dennoch war mein erster Gedanke, die Pelze wegzuwerfen: Wer einmal Bilder davon gesehen hat, wie Nerze, Füchse, Kaninchen oder Katzen in engen, schmutzige Käfigen ihr kurzes Leben fristen und teilweise bei lebendigem Leib enthäutet werden oder wie Wildtiere in Fallen verenden, der kann Pelzmäntel schlichtweg nicht ohne Ekel betrachten.

Beschämenderweise ist es gesellschaftlich noch immer nicht geächtet, Tiere aus so banalen Motiven wie der jeweiligen Mode zu quälen und zu töten: Trotz der mehr oder weniger erfolgreichen Anti-Pelz-Bewegung der 80er Jahre steigt der Umsatz der Pelzbranche weiter an. Das mag auch daran liegen, dass Felle gefärbt, geschoren oder gewebt im Massenmarkt auftauchen, etwa als Kragen oder an Ärmeln, wo sie oft wie Kunstpelze wirken. China sei Dank sind Kragen aus Katze und Kaninchen offenbar billiger als Kunstfasern.

Dass Menschen, die Pelze kaufen, Verachtung verdienen, versteht sich von selbst.

Was aber ist mit denen, die Pelz tragen? Kein Unterschied, sagen strenge Pelzgegner. Denn auch wenn der Pelz alt ist und lediglich aufgetragen wird, signalisieren Pelzträger, Tierfelle zu tragen sei völlig in Ordnung. Keine Chance ihm oder ihr anzusehen, dass er oder sie dies in kritischem Bewusstsein tut. Helfen würde nur ein Button oder ein Schild mit der Aufschrift „Ich habe diesen Pelz geerbt, finde aber neue Pelze scheiße“.

Vielleicht hilft ein Blick auf den Umgang mit der Wilderei weiter: Illegales Elfenbein etwa wird regelmäßig öffentlichkeitswirksam verbrannt. Was für eine Schande eigentlich, sind die Tiere doch dann umsonst gestorben. Aber das Zeichen ist klar: Es werden keine Gewinne mit unethischen Gütern gemacht, auch wenn man damit vielleicht sinnvolle Projekte finanzieren könnte. Aus dem gleichen Grund verkauft der Zoll ja auch beschlagnahmte Drogen nicht weiter, um damit beispielsweise Entzugsprogramme zu finanzieren.

Die Lösung für das Pelzproblem liegt in der Industrie

Aber wird nicht ein Teil der staatlichen Glücksspielerlöse in die Aufklärung gesteckt? Und die Tabaksteuer in die Krankenkassen? Überschwemmen wir also den Markt mit alten Nerzen, Persianern und Füchsen und vermiesen wir auf diese Weise den Pelzproduzenten das Geschäft. Den Erlös lasst uns in ökologisch produzierte Baumwollmäntel investieren oder an Organisationen spenden, die Druck auf die Staaten und die Industrie ausüben oder hübsche nackte Models gegen Pelze protestieren lassen.

Aber aufgepasst: Wer Pelze von geschützten Tieren besitzt, macht sich beim Verkauf möglicherweise strafbar.

Der evidero agent provocateur: Und jetzt Hand aufs Herz!

Was sagen Sie ? Was tragen Sie? Müssen wir jetzt an Silvester bloß wegen dem Eisbärenfell „Dinner for one“ boykottieren? Kann man 5 Paar Halbschuhe gegen ein Paar Stiefel aufrechnen? Alle nur noch in Leinenschuhen und Gummistiefeln?

Torsten Mertz ist Geograph, Redakteur und Autor. Er arbeitet in einem renommierten Münchner Nachhaltigkeits-Verlag, ist Verfasser des “Schnellkurs Ökologie” und schreibt gerade an einem weiteren Band der Kochbuch-Reihe „Gemüse ist mein Fleisch“. Bei evidero bloggt er über sein Lieblingsthema: die Gewissensfragen, mit denen sich ein interessierter Konsument heute konfrontiert sieht.
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