Geschwindigkeitsbegrenzung in Städten: Tempo 30 in der Stadt?

Würde eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h in der Stadt wirklich etwas verbessern?
von Volker Eidems
Schild Tempo 30©iStockphoto.com/ Stephen Rees

Immer mal wieder diskutieren Stadträte über ein generelles Tempolimit:  Tempo 30 – ein Allheilmittel für die einen, ein rotes Tuch für viele andere. Insbesondere mehr Sicherheit soll das bringen, in erster Linie für Radfahrer und Fußgänger – Ausbremsen des Verkehrs wettern die Gegner.

Eine aktuelle Studie der Uni Duisburg-Essen belegt ein ganzes Füllhorn an Vorteilen, vom besseren Verkehrsfluss über steigenden Rad- und Fußverkehr bis hin zu weniger schlimmen Unfällen. Schön und gut, für mich liegt das Grundproblem aber woanders: Da lese ich zum Beispiel von Marco Eisenack im Newsletter „Münchner Klimaherbst“, er habe neuerdings Angst vor dem Radfahren, weil in München eine Radlerin totgefahren wurde.

Und er zählt auf, was Radfahrer alles durchmachen: sie müssen vor (motorisierten) Rechtsabbiegern stoppen, die sie gerne übersehen; werden geschnitten, sind ständig in der Defensive. Und dann schreibt er tatsächlich: „Nicht dass ich als Autofahrer anders unterwegs wäre.“

Na super. Ist also völlig normal, dass man beim Einstieg ins Auto sein Gehirn abgibt und zum rücksichtslosen Trampel mutiert? Ständig zu schnell fährt, weil man die Stauminuten wieder reinholen muss? Finde ich nicht.

Rücksichtsvoller fahren anstatt 30er Zonen einzurichten

Klar weiß ich, dass es einfacher wäre, Tempo-30-Zonen einzurichten, als allen Autofahrern eine rücksichtsvolle und defensive Fahrweise beizubringen. Aber ich bin auch kein Freund vom Rumeiern im zweiten oder dritten Gang – der Verkehr auf Hauptadern sollte schon rollen.

Mein Vorschlag wäre eher, dass unsere Ordnungshüter statt sich ihr Weihnachtsgeld bei Radfahrern ohne Licht oder Radlern auf der falschen Straßenseite zu verdienen mal die Autofahrer ins Visier nehmen: In München kenne ich Ecken, wo es bei so gut wie jeder Ampelphase zu einem Beinahe-Zusammenstoß von Radlern und rechtsabbiegenden Autofahrern kommt.

Dort würde ich eine Polizeistreife hinstellen, die den Vorfahrtmissachtenden verwarnt, ebenso wie den wild hupenden, der das ganze Umfeld stresst („Wer entgegen § 16 StVO Schallzeichen gibt ohne dass er 1. ausserhalb geschlossener Ortschaften überholt oder 2. sich oder andere gefährdet sieht, handelt gem § 49 I Nr. 16 ordnungswidrig. Der Regelsatz hierfür beträgt gem Nr. 70 des Bußgeldkataloges 10 Euro.“).

Bei Wiederholungstätern könnte man – neben dem großen bösen Entzug der Fahrerlaubnis – eine Art Nachschulung fordern. Die Verkehrspsychologen haben sicher einiges an Ideen, wie sich auch der verstockteste Autofahrer mal in die Lage eines anderen, schwächeren Verkehrsteilnehmers versetzen lässt. Und wenn die Stimmung dann entspannter ist, kann mich gern jeder mit Tempo 50 überholen, anstatt mit knapp 30 hinter meinem Rad herzujuckeln – ein bisschen zu schnell für die Radlergeschwindigkeit, aber eben auch zu langsam, um einfach vorbeizuziehen.

Es gibt schon jetzt der viele Tempo 30 Zonen

Interessanterweise gibt das Münchner Kreisverwaltungsreferat den Anteil von Tempo-30-Zonen an der gesamten Verkehrsfläche bereits jetzt mit kaum vorstellbaren 80 Prozent an. (Auf Nachfrage kann man mir dort allerdings nicht genau sagen, wie das berechnet wurde. Ob sie wohl Parkplätze, Rad- und Fußwege mitgezählt haben? Ein Stadtplan mit den entsprechenden Zonen ist auf die Schnelle nicht zu bekommen). Verkehrsberuhigung in Wohngebieten und Schul- oder Kindergartennähe ist also schon jetzt an der Tagesordnung – wird nur vielleicht nicht immer durchgesetzt?

Auch die oben genannte Studie sieht 87 Prozent der Autofahrer in Tempo-30-Zonen zu schnell unterwegs: mit durchschnittlich 38 km/h, in der Tempo-50-Zone hingegen mit durchschnittlich 43 km/h. Die Umsetzungsmängel – und eine sinnvolle Verkehrserziehung – sind also das Hauptproblem, an dem man ansetzen muss.

Für die verbliebenen Hauptverkehrsadern sollte es dagegen doch möglich sein, sichere Rad- und Fußgängerwege zu bauen. Dem Unterbewusstsein der Autofahrer die eingebaute Vorfahrt zu nehmen wird sicher nicht einfach, erscheint mir aber als Grundvoraussetzung für einen sicheren Verkehr – denn auch mit rücksichtslos eingesetzten Tempo-30 können Unfälle für andere Verkehrsteilnehmer tödlich sein.

Weitere Informationen:

Tempo 30 Studie der Universität Duisburg-Essen
Volker Eidems (Soziologe M.A.) ist gern unterwegs, am liebsten mit dem Rad. Wenn die Strecken aber zu lang oder die Koffer zu groß für den Fahrradanhänger sind, nutzt er möglichst das ökologischste alternative Verkehrsmittel – und das ist gar nicht so einfach zu ermitteln...
  • Stefan Münz

    Wenn es nicht so viele sinnlos nervende, von irgendwelchen gelangweilten Amtsärschen aufgestellte Schilder gäbe, würde es im Verkehr wahrscheinlich viel entspannter zugehen. Was wollen wir? Eine Gesellschaft von erwachsenen 6jährigen, denen man auf Schritt und Tritt irgendeine genaue Regel vorgeben muss? Oder eine Gesellschaft tatsächlich Erwachsener, von denen sich die meisten freiwillig vernünftig verhalten? Und bei denen, die sich partout unvernünftig verhalten, helfen auch keine Schilder. Was bitte soll ein 30er-Schild, wenn man sich nachts allein auf einer weithin einsehbaren, gut ausgebauten innerörtlichen Straße befindet? Und was soll die innerörtliche 50-Regel, wenn zahlreiche Kurven, Parkhindernisse, zahlreiche schwächere Verkehrsteilnehmer usw. ohnehin nicht viel mehr als Schritttempo erlauben? Um den Verkehr flüssiger und sicherer zu bekommen, muss man sich vor allem mal von dem Konzept der Überregulierung verabschieden. Ich möchte nicht wissen, wie viel zusätzlicher Sprit allein täglich durch die völlig sinnfreie Rechts-vor-Links-fast-überall-Philosophie in die Luft entlassen wird, nur weil man auf kilometerlangen Geradeausstraßen alle 30 Meter wieder anhalten und rechts gucken muss. Alle Maßnahmen, die zu unnatürlichem Ausbremsen des natürlichen Verkehrsflusses führen, führen letztlich zu mehr Stress, Unverständnis und "Rachegelüsten" bei genervten Verkehrsteilnehmern.

  • fritz

    Das wichtigste ist die Durchschnittsgeschwindigkeit, welche in der Stadt sowieso meist gering ist, von daher kann man Tempo 30 einrichten, da dies sowieso auf vielbefahrenen Straßen mit Ampeln gefahren wird…

  • Anna Huber

    Na, wenn das mal kein gelungener Beitrag zur Entschleunigung ist: Seit gut zwei Woche dreht sich alles in der politischen Diskussion um den Bundespräsidenten, sein Amtsverständnis, seinen Angriff auf die Pressefreiheit, seinen Freundeskreis und sein Verhältnis zur Wahrheit oder was er dafür hält. evidero liefert als ersten Beitrag nach dem Redaktionsauftakt kurz vor Weihnachten diese Geschichte zur Verkehrspolitik. Genial daneben seitens der Redaktionsleitung. Schade, denn der Fall Wulff böte einiges, was unter dem Stichwort Nachhaltigkeit hier aufgegriffen werden könnte.

    • Frank Happel

      nachhaltig, verändernd, investigativ … ein echter evidero-beitrag. so! muss es sein, danke!

      ähmmm … soll jetzt tempo 30 .. oder doch nicht?

      • Volker Eidems

        Hallo Frank, genau das ist die Frage: ob das die Frage ist:
        ich finde, bevor flächendeckend Tempo 30 diskutiert wird, sollten die bestehenden Tempo 30-Zonen erstmal durchgesetzt und es sollte für eine andere "Stimmung" im Verkehr gesorgt werden. Und Hauptverkehrsadern gehören durch Rad- und Fußverkehrlösungen entschärft, danach können wir gerne über Tempo 30 reden.
        Nach den jüngsten Studien wäre Tempo 30 aber in jedem Fall sinnvoll – mit entsprechenden informativen Begleitmaßnahmen, die den Autofahrern erklären, dass man ihnen nicht das Spielzeug kaputt macht …

  • finaleweisheit

    Tempo 30 wäre okay…so könnte man schon während der Fahrt ins Büro die wichtigsten Telefonate führen, die Mails checken, Brote schmieren, essen, trinken, Post lesen, Zeitung lesen, etc…vorne passiert eh nicht viel…das würde den Verkehr bestimmt sicherer machen…:-)

  • Fred Flintstone

    Tempo 30 wird ja wie auch unsere Radarkästen vorgeblich zur Steigerung der Verkehrssicherheit eingesetzt..im Falle Radarkasten
    wiederlegen die obligatorischen Bremsspuren an jeder Anlage das diesem vorgeblichen Sicherheitsziel diametral entgegengewirkt wird.Dennoch werden diese Geräte mit manischem Verfolgungseifer betrieben weil der wahre Zweck die finanzielle Erleichterung
    der "Ertappten" ist.Ähnlich ist auch das Tempo 30 Ansinnen zu bewerten.Wo Tempo 30 tatsächlich zwingend notwendig erscheint
    sollte die Straße bzw.der Weg zur autofreien Zone gemacht werden anstatt den Verkehrsteilnehmer verdrußstiftend zu melken..

  • Mobilmann

    Interessant ist dazu ganz aktuell auch ein Artikel in einem ADAC-Blog: http://forummobilitaet.wordpress.com/2012/01/27/t
    Das fasst es eigentlich ganz gut zusammen…

    • Volker Eidems

      Naja, das ist der klassische ADAC-Standpunkt mit der m.E. klassisch-falschen Herangehensweise aus Sicht des Autofahrers. Wenn ich vom ADAC lese "Nicht akzeptierte Tempo 30-Zonen, die den schwächeren Verkehrsteilnehmern falsche Sicherheit vermitteln, sind abzulehnen." heißt das ein Zementieren des Recht des Stärkeren, der nunmal eine Tonne Stahl um sich rum hat. Es müsste heißen "Nicht akzeptierten Tempo-30-Zonen muss mit geeigneten Maßnahmen zur Akzeptanz verholfen werden damit schwächeren Verkehrsteilnehmern zur ihnen zustehenden Sicherheit verholfen wird".