Das beste Mittel gegen Glatteis: Streusalz, Splitt oder gleich Zucker?

Weder Streusalz noch Splitt haben eine wirklich gute Ökobilanz. Aber gibt es überhaupt eine Alternative?
von Volker Eidems
Salz oder Splitt streuen?©iStockphoto.com/Andrew Penner

Im Winter wird es wieder glatt auf den Straßen. Die Ausrutschgefahr ist besonders am Morgen groß, wenn es nachts gefroren hat. Doch was hilft am besten gegen Glatteis? Streusalz, Splitt oder doch regulärer Haushaltszucker?

Gefahr im Winter: Ausrutschen bei Glatteis

Da hatte es einen hingehauen. Der Mann vor mir fluchte und rieb sich sein schmerzendes Bein, Handschuhe hatten weitere Verletzungen verhindert, sein Fahrrad lag mit verdrehtem Lenker zwei Meter weiter. Er schimpfte auf den mit Splitt gestreuten Radweg, auf die „Öko-Spinner“, und auf die Stadt, die kein Streusalz einsetzt und damit jede engere Kurve zur Schikane werden lässt.

Die Frage „Streusalz oder Splitt“ beschäftigt derzeit auch die Nordlichter der Republik. Wenn Schnee und Eis dann einmal vorkommen, wird heiß diskutiert – oft und gerade nach Unfällen. Dabei kommt mir der Ruf nach Splitt als ausschließliche Alternative wie ein Mythos aus der 80er-Jahre-Umweltbewegung vor, denn dessen Ökobilanz ist alles andere als optimal – und in manchen Situationen schneidet der Kontrahent Salz einfach besser ab.

Streusalz oder Splitt?

Bereits in den 60er- und 70er-Jahren war Streusalz in die Kritik geraten, weil es Pflanzen schädigt und das Grundwasser belastet, doch in den letzten Jahren hat Salz eine Renaissance erlebt. Dennoch muss auch bei der Frage nach dem richtigen Winterdienst eine differenzierte Antwort lauten: Sowohl als auch. Und der neueste Hit könnte tatsächlich Zucker heißen.

Der Blick über den Tellerrand in die Schweiz nämlich zeigt, dass man dort mit einem relativ neuen Produkt namens Safecote gute Erfahrungen gemacht hat: Eine Pilotstudie des Tiefbauamts im Kanton Bern empfiehlt das Produkt, damit man in Zukunft weder die Schneesuppe versalzt, noch seine Berge zermahlen auf die Straße kippen muss. Die deutsche Bundesanstalt für Straßenwesen hingegen kommt nach Praxistests im Jahr 2010 zu grundlegend anderen Schlüssen: Der Streustoffzusatz Melasse habe nicht zu einer längeren Wirksamkeit des Salzes auf der Straße geführt, bei extremen Temperaturen zwischen -15 und -20 Grad Celsius käme es sogar zu früherer Eisbildung als in vergleichbar hoch konzentrierter Salzlösung.

Zudem verschmutze der Zusatz die Streugeräte und würde das Streugut unnötig verteuern, insgesamt heißt es:

Aufgrund der Messergebnisse […] ergibt sich, dass Melasse als Zusatz zum Natriumchlorid keine betriebswirtschaftlichen Vorteile sondern nur zusätzliche Aufwendungen für den Winterdienst bringt. Eine Empfehlung zur Anwendung kann daher nicht gegeben werden.“

Safecote ist ein Mittel gegen Glätte aus Zucker

Die Hochschule Osnabrück, die vor gut einem Jahr eine kritische Studie zum Streusalzeinsatz veröffentlicht hat, lässt verlauten, dass zumindest aus ökologischer Sicht „alle bisherigen Informationen darauf hindeuten, dass Safecote weniger problematisch ist als MgCl2 oder NaCl“ (Streusalze). Leider lägen keine detaillierten Informationen vor. Wie die geradezu gegenteiligen Ergebnisse in Schweizer und deutscher Studie zustande kommen bleibt rätselhaft.

Safecote stammt überraschenderweise aus der gemäßigten Klimazone Großbritannien – wo es weder nennenswerte Schneemassen noch Zuckerrohranbau gibt. Denn Safecote wird aus Abfallprodukten der Zuckerproduktion hergestellt, der Melasse, wohl der größte Haken in der Ökobilanz, da der Rohstoff aus Übersee herangeschifft werden muss.

 Streusalz schädigt Bäume am Straßenrand

Für alle, die die Streusalzproblematik in den letzten Jahren nicht so verfolgt haben: Salz schädigt Bäume am Straßenrand, Gewässer und nicht zuletzt Metalle, von der Leitplanke bis zur Fahrradkette. Für den Rostfraß an Autos etwa wird zu 50 Prozent das Streusalz verantwortlich gemacht.

Splitt dagegen wird unter hohem Energieeinsatz hergestellt, auf Fahrbahnen schnell an den Rand gewirbelt und kann nur aufwendig wieder eingesammelt werden, sonst verstopft er Abwasseranlagen oder erstickt die Gräser am Wegesrand. Wiederverwenden lässt er sich nicht, da es zu aufwendig und teuer würde, ihn auch noch zu waschen und aufzubereiten.

Der moderne Winterdienst arbeitet mittlerweile nach der Hierarchie „Räumen – abstumpfende Mittel (Splitt/Sand) streuen – Salz streuen“. Nebenstraßen werden in manchen Kommunen konsequent nur geräumt, mit gutem Erfolg: Es gibt Studien, die weniger Unfälle bei festgefahrener Schneedecke zählen als bei gesalzter Fahrbahn. Autofahrer passen ihre Fahrweise also an, wenn es nötig ist; bei scheinbar freier Straße schwindet die Vorsicht dagegen schnell. Und um die Geschichte rund zu machen: Auch die Radler müssen wohl oder übel ihre Fahrweise im Winter anpassen.

Ob der Radweg nun verschneit ist oder noch die Splittreste von letzter Woche liegen, richtig schnelles Fahren ist in eisigen Zeiten nicht drin – und mir ist das lieber, als wenn ich über eigens für mich und die fünf anderen Ganzjahresradler gesalzte Radwege fahren würde. Böte man mir eine gezuckerte Strecke an würde ich aber vielleicht schwach …

Volker Eidems (Soziologe M.A.) ist gern unterwegs, am liebsten mit dem Rad. Wenn die Strecken aber zu lang oder die Koffer zu groß für den Fahrradanhänger sind, nutzt er möglichst das ökologischste alternative Verkehrsmittel – und das ist gar nicht so einfach zu ermitteln...

Weiterführende Informationen:

Pilotstudie Kanton Bern zu Safecote

Hochschule Osnabrück zur Streusalzproblematik

Die BASt-Ergebnisse wurden in zwei Zeitschriften veröffentlicht:

Untersuchungen zum Nutzen des Streustoffzusatzes Melasse für den Straßenwinterdienst

in VKS News           157. Ausgabe, 2011 Heft Juli/August, Seite 15-16,   VKS-Service GmbH

Süß statt salzig? Einsatz von Melasse

in Kommunaltechnik         14. Jahrgang, Heft 04/2011, Seite 27-29, Beckmann Verlag

Ausrutschgefahr!
Gegen Glätte im Winter