Lebendig sein: Das Leben ist ein Fest!

Warum es so wichtig ist, dass wir Lebendigkeit statt Effizienz in unserem Leben feiern.
Andreas Weber
von Andreas Weber
Das Erdfest für mehr Naturverbundenheit und Lebendigkeit© Pixaby

Fruchtbar zu sein ist ein Fest: Auf der Welt sein und am Begehren danach, mit anderen Körpern in Kombination zu treten, teilzuhaben, ist eine Feier der Lebendigkeit – ein „Erdfest“. Darum haben die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt und der Philosoph und Biologe Andreas Weber die Idee eines neues Festes gehabt: die ERDFEST-Initiative.

In diesem Jahr wird das „Erdfest“ zum ersten Mal begangen, auf der Höhe des Sommers vom 22.–24. Juni, gemeinsam mit deutschland- und weltweit über 50 Initiativträgern und Partnern, gefördert vom Bundesamt für Naturschutz. Anlässlich der ERDFEST-Initiative schreibt Andreas Weber über die Bedeutung der Lebendigkeit für unsere menschliche Zukunft.

Lebendig sein heißt, ein Fest der Erde sein

Die Welt im Frühsommer ist ein Ort der Geschenke. Klangkaskaden der Nachtigall im Park, zum Verweilen einladene Parks und Brachbiotope, Blüten und Duft von den Hecken, die sich kostenlos an alle verteilen – was das intensive Lebensgefühl der Vegetationsperiode ausmacht ist das: dabei zu sein, dazu zu gehören, sich als Teil eines gedeihenden Ganzen zu entfalten. Das Leben ist Fest, und ich bin mitten darin.

Veränderte Naturlandschaft durch effiziente Landwirtschaft

Darin ist die Großstadt heute oft mehr Natur als das Land. Wer in die nähere Umgebung hinausfährt, um dort Landschaftsschönheit zu genießen, dem kann es passieren, dass er ganz schnell wieder zurück ist. Seltener werden die Orte, an denen wir erleben können, wie Vielfalt und Gegenseitigkeit zu Blüte und mehr Vielfalt führt.

Die Welt da draußen, immer stärker verengt: Monochromes Gelb von Raps, eintöniges Grün von Futtergras. Was vom Leben blieb, ist zu häufig ein Monopol, das ausschließt.

Lebendig sein heißt, mit anderen zu teilen

Leben aber heißt Teilen. Und Teilen macht lebendig. Das sind einfache Wahrheiten, die wir alle schon gespürt haben, in jenen Momenten, die am Ende als die schönsten in der Erinnerung blieben: gemeinsam mit den Kinderfreundinnen und –freunden auf der Brache an einem endlosen Sommerabend, beim Lachen mit Kollegen während eines intensiven Arbeitsprojektes, im Blüttenblätter-Gestöber unter den Heckenkirschen des Grunewaldes.

Gerade in der Natur zu sein heißt vor allem das: Teilen, die eigene Lebendigkeit mit der anderer zu teilen. Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, lebendig zu sein.

Erdfest Logo

Unser Event-Tipp: Die neue ERDFEST-Initiative

In diesem Jahr wird zum ersten Mal das „Erdfest“ begangen, mitten im Sommer, vom 22.–24. Juni, mit über 50 Initiativträgern und Partnern, gefördert vom Bundesamt für Naturschutz. Mehr Infos und Mitmachen findest du hier.

Wahrnehmung ist die Erfahrung der eigenen Lebendigkeit

„Wahrnehmung beschreibt die Fähigkeit von Körpern, mit anderen Körpern in Kombination zu treten“, sagt der US-amerikanische Anthropologe Bruce Braun. Wahrnehmung ist Erde sein, könnte man sagen: Eine grundsätzliche Eigenschaft, die darin enthalten ist, als Akteur zu einer Welt zu gehören, die sich nur in Gemeinsamkeit entfalten und gemeinsam fruchtbar werden kann.

Wahrnehmung – ich nehme mich als mich selbst wahr, in dem ich in Berührung und Kontakt mit anderem und anderen trete – ist also nie etwas, was alleine funktioniert. Das Ich, das alleine sein könnte, ist bereits ein Wir.

Das Ich ist Erde – und als solches, als Ich, ein „Erdfest“ – eine Feier in jedem Atemzug, dass dieses Wir die konzentrierte und individuelle Erfahrung ermöglicht, auf der Welt zu sein.

Diese Wahrnehmung ist die Erfahrung der eigenen Lebendigkeit. Sie enthält das Erlebnis, dass die ganze Wirklichkeit lebt, sich wandelt, begehrt, alte Verbindungen bekräftigt, andere auflöst, zu neuen hinstrebt, und insgesamt mehr von sich selbst, mehr Lebendigkeit, hervorzubringen anstrebt. Sich als lebendig zu erfahren heißt, sich als fruchtbar in einer fruchtbaren Welt zu erfahren.

Lebendigkeit und Verbindung mit unserer Erde hilft mehr als Nachhaltigkeitspolitik

Lebendigkeit schließt das natürliche Bedürfnis ein, mit anderen in Verbindung zu stehen. Die herrschende Ideologie aber, die sowohl das Wirtschaftsdenken bestimmt als auch unsere Auffassung von uns selbst als Lebewesen, behauptet das Gegenteil.

Lebendigsein heiße, für seinen eigenen Vorteil zu sorgen, heiße effizienter zu werden, Gewinne zu maximieren, Macht anzuhäufen. Wir sind mehr, als wir denken, von den Grundannahmen dieser „Lebensökonomie“ infiltriert. Sie bestimmt mit ihrem Geiz und ihrer Enge auch das Denken derer, die gegen sie zu Felde ziehen. Letztlich, so der immer noch herrschende Tenor, ist diese Welt ein Ort toter Materie, den man beherrschen muss.

Aber dieses Denken ist falsch. Es folgt einem Irrtum. Und dieser liegt im Zentrum all der fehlgeschlagenen Versuche unserer Kultur, eine Politik der Nachhaltigkeit zu stiften. Es geht nicht um Nachhaltigkeit – die immer auch effizient sein muss.

Es geht um Lebendigkeit. Es geht darum, jeden Schritt im Leben als einen kreativen Austausch des Gebens und Nehmens zu verstehen, als einen Prozess schöpferischer Verwandlung, an dem jeder mit Haut und Haar, Körper und Geist, Ratio und Gefühl beteiligt ist.

Enlivenment – eine neue Kultur der Lebendigkeit

Das ist der wichtigste Gedanke der gegenwärtig anbrechenden Epoche des „Anthropozäns“. Aber er wird oft nicht in seiner ganzen Tragweite erfasst. Ich bezeichne dieses Denken als „Enlivenment“, als eine Kultur der Lebendigkeit. „Enlivenment“ versucht, die Aufklärung (das „Enlightenment“) ernst zu nehmen und ein weiteres Mal, an einer schicksalhaften Schwelle unserer Zivilisation, mit einem falschen Selbstbild ins Gericht zu gehen.

Denn das Projekt der Aufklärung ist noch nicht beendet. Wir stecken mitten darin – und in unserem Glauben an die rationalen Ideale der Effizienz sind wir ganz ihre Kinder. Aber die Aufklärung hat nur den menschlichen Geist aus Hierarchien und Aberglauben befreit.

Heute geht es darum, seinem Herzen wieder eine Heimat zu geben, der Courage, als ein körperliches Wesen den eigenen gesunden Bedürfnissen folgen zu dürfen.

Erst eine solche Auffassung ist in der Lage, auch unsere Wirtschaft, auch unsere Gemeinschaft zu verwandeln: in Bereiche, in denen nicht „auch“ das Wohlergehen wichtig ist, sondern wo Lebenslust und materielles Gelingen untrennbar verzahnt sind.

Teilhabe, Aushandeln, Kompromisse – Eine neue Ökonomie mit Kopf und Herz

Ökonomen beziehen sich immer auf die Natur als Muster rücksichtlsosen Erfolges. Es ist dieses Denken, das uns die gelben Rapsfelder und grünen Silowiesen beschert hat, und das, was Natur einst war, verdampfen lässt. Das Interessante ist, dass ein neues Denken, und damit eine neue Lebenspraxis der Lebendigkeit, oftmals nicht auf diesem verbrauchten Land einsetzt, sondern in den Metropolen mit ihrer Mischung von selbstorganiserten Commons-Projekten, low-budget-Teilhabe, Gärten und Brachen, Wildnis und Spontanität.

Was hier geschieht, ist ein Naturprozess – wenn man Natur richtig versteht, als das Reich kreativer Verwandlungen ohne Effizienzziel, als das Refugium schöpferischer Experimente, als ein Besessensein mit Teilhabe, Aushandeln – und Kompromissen.

Natur ist nicht effizient, sondern Fülle und Teilhabe

Ein neues Denken der Lebendigkeit stützt sich darauf: Emotionen, ein eigenes Selbst und subjektive Erfahrungen gehören essenziell zur lebenden Wirklichkeit. Natur ist nicht effizient: Der Wirkungsgrad der Photosynthese liegt bei lächerlichen sieben Prozent.

Damit ein einziges Paar Dorsche durch ein Paar Nachkommen ersetzt wird, muss das Weibchen Millionen Eier legen, die mit ihrer Substanz die anderen Wesen des Meeres füttern und das Ökosystem nähren.

Natur ist nicht effizient, sondern essbar. Alles in ihr muss jederzeit geteilt werden können, damit künftige Existenz in Fülle möglich ist. Ein Fünftel unserer Gene stammt von Viren, die unseren Vorfahren einst an den Kragen wollten. Heute sind diese Teil der eigenen Substanz – einer Substanz, die nicht sie selbst sein könnte, wenn sie nicht durch den Austausch mit anderen verwandelt worden wäre.

Der Mensch im Zentrum der Natur

Das Bild, das wir heute von der Wirklichkeit zeichnen können, ist das eines zutiefst poetischen und empfindsamen Universums, eines Universums, in dem die menschlichen Subjekte nicht von den anderen Organismen getrennt sind, sondern gemeinsam ein Netz des Lebens bilden, das „Fleisch der Welt“, das sich vielleicht am besten im künstlerischen Ausdruck erfassen lässt, als ein schöpferisches Spiel.

Indem wir daran teilhaben, sind wir, und alle anderen Wesen und alle anderen Dinge, immer im Zentrum der Natur.

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Unser Event-Tipp: Die neue ERDFEST-Initiative

In diesem Jahr wird zum ersten Mal das „Erdfest“ begangen, mitten im Sommer, vom 22.–24. Juni, mit über 50 Initiativträgern und Partnern, gefördert vom Bundesamt für Naturschutz. Mehr Infos und Mitmachen findest du hier.

Andreas Weber
Experte: Andreas Weber
Andreas Weber arbeitet als Schriftsteller und Journalist sowie als Hochschuldozent mit Lehraufträgen an der Leuphana Universität Lüneburg und der Universität der Künste Berlin.
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