Umweltbildung durch Naturverbundenheit: Die Natur vor der eigenen Haustür erleben

Querwaldein bringt Kinder und Erwachsene wieder in direkten Kontakt mit der Natur.
Annette Coumont
von Annette Coumont
Blumenwiese© Pixabay

Mehr denn je ist Natur- und Umweltbildung wichtig, um Menschen, vor allem Kindern, frühzeitig eine mitfühlende Beziehung zur Natur zu ermöglichen. Denn die emotionale Bindung zur Natur ist eine Basis für ein glückliches und nachhaltiges Leben. Querwaldein hat sich das auf die Fahne geschrieben und bietet Kindern und erwachsenen Menschen mit urbaner Naturpädagogik Angebote und Konzepte, um die Natur mit intensiven Erlebnissen direkt in ihr Leben zu lassen. Ich spreche mit Alexa Schiefer, Geschäftsführerin des Vereins, der auf Landesebene als Bildungseinrichtung für nachhaltige Entwicklung zertifiziert wurde.

evidero   Liebe Alexa, du gehörst zum Gründerteam von Querwaldein e.V., einer Bildungseinrichtung für Natur- und Umweltbildung. Wie kam es zu der Idee, den Verein ins Leben zu rufen?

Die ursprünglichen Gründer von Querwaldein e.V. sind Stephan Weinand und Marcel Hövelmann Beide haben Kindern zunächst auf Klassenfahrten die Natur nähergebracht und kamen dabei auf die Idee, dieses Konzept auch direkt vor der eigenen Haustür umzusetzen. Ich selbst bin 2007 dazugestoßen und dann haben wir 2009 gemeinsam den gemeinnützigen Verein Querwaldein ins Leben gerufen.Querwaldein

evidero   Was macht der Verein Querwaldein e.V. genau?

Die ursprüngliche Idee “Natur vor der eigenen Haustür zu erleben” möchten wir Menschen aller Altersstufen nahebringen, weil wir dies als eine wichtige Grundlage dafür sehen, dass Menschen nachhaltig leben. Also ihre Entscheidungen – Konsum- und sonstige Lebensentscheidungen – auf eine nachhaltige Basis stellen. Eine Grundlage dafür ist, dass gerade Kinder frühzeitig eine positive emotionale Beziehung zur Natur entwickeln können. Und dass sie Natur nicht nur aus dem Fernsehen kennen, sondern direkt, mit allen Sinnen, vor Ort erleben bzw. erfahren können.

Aus meiner eigenen Kindheit weiß ich, dass meine positiven Erfahrungen, die ich als Kind in der Natur hatte, bis heute nachwirken und mich als Mensch mit all meinen Lebensentscheidungen nachhaltig geprägt haben. Naturerfahrung und eine positive Verbindung zur Natur sind eine lebendige Ressource, auf die wir später als Erwachsene ein Leben lang zurückgreifen können.

evidero   Wie sehen denn die Angebote zur Schaffung von Naturverbundenheit konkret aus?

Es ist wichtig, dass Kinder diese Naturerfahrung möglichst frühzeitig machen, dass sie Impulse für Naturerlebnisse bekommen und positiv in ihren Erfahrungen mit der Natur unterstützt werden. Dabei ist es essenziell, dass sie nicht nur in ihrer Freizeit mit der Natur in Kontakt kommen, sondern auch schon im Kindergarten oder in der Schule, wo sie heutzutage häufig schon die meiste Zeit verbringen.

Wir gehen natürlich auch punktuell mit Schulen und Kindergärten in die Natur. Aber wichtig ist uns eigentlich die Kontinuität. Um eine gewisse Regelmäßigkeit und Langfristigkeit in die Erfahrung mit der Natur zu bringen, bieten wir bevorzugt naturpädagogische Veranstaltungsreihen an, wie z.B. wöchentliche AGs an Schulen, wöchentliche Garten-Clubs oder wöchentliche Waldspielgruppen für Kinder unter drei Jahren oder ältere Kinder. Wir haben auch Veranstaltungsreihen mit Förderschulen im Programm, die durch Stiftungen finanziert werden, deren Finanzierungsmotivation vor allem durch die Langfristigkeit der umweltbildenden Maßnahmen genährt wird.

Beim langfristigen Aufbau von Naturverbundenheit sind übrigens vor allem Rituale wichtig, die es den Kindern ermöglichen, zu einzelnen Orten oder Bäumen ganz intensive Beziehungen aufzubauen. Wir sind immer wieder erstaunt, wenn die Kindern noch Jahre später davon berichten und noch genau wissen, wie es war, wie es sich in der Natur angefühlt und ausgesehen hat, wie es gerochen hat oder welches Tier sie gesehen haben. Naturbindung über wiederkehrende Rituale ist ein wichtiger Baustein unserer naturpädagogischen Arbeit.

evidero   Ihr seid jüngst Regionalzentrum im Landesnetzwerk Bildung für Nachhaltige Entwicklung geworden. Was tut ihr in diesem Rahmen?

Unter der rot-grünen Landesregierung wurde 2016 das Landesnetzwerk Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) ins Leben gerufen. Im Vorfeld sind wir als Einrichtung für Bildung für nachhaltige Entwicklung zertifiziert worden und in diesem Jahr zum Regionalzentrum für Köln geworden. In diesem Rahmen arbeiten wir zusammen mit anderen außerschulischen Lernorten in Köln und ganz NRW daran, die Umweltbildung inhaltlich weiterzuentwickeln und die öffentliche Wahrnehmung zu erhöhen.

Als Regionalzentrum setzen wir auf lokaler Ebene das um, was auf globaler Ebene mit den SDGs (Social Development Goals) verabschiedet worden ist.

evidero   Ihr seid außerdem außerschulischer Partner von der Kampagne „Schule der Zukunft“. Worum geht es genau in diesem Projekt des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz?

Die Kampagne “Schule der Zukunft” möchte vor allem Schulen, aber auch Kitas dazu bringen, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in die einzelnen Einrichtung zu integrieren und umzusetzen, aber auch sichtbar zu machen. Viele Schulen oder Kindergärten sind bereits in diesem Rahmen aktiv und diese Projekte sollen mehr gebündelt und durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit und Preisverleihungen sichtbar gemacht werden und schließlich als Vorbild auch für andere schulische Einrichtungen dienen.

In diesem Rahmen ist Querwaldein außerschulischer Partner, der zum einen mit den Schulen Projekte umsetzt und weiterentwickelt, sie aber auch berät und bei der Bildung von Netzwerken unterstützt.

evidero   Ihr habt in Köln auch das Konzept der Garten-Clubs in strukturschwachen Gebieten ins Leben gerufen. Warum ist es vor allem hier so wichtig, in Kontakt mit natürlicher Aktion und Umgebung, wie Gärtnern in einem Garten, zu kommen?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Kinder aus strukturschwachen Gebieten besonders wenig Kontakt zur Natur haben und häufig gar nicht aus ihrem Wohnumfeld herauskommen. Wenn wir also diesen Kindern Naturerfahrung und Naturerlebnisse ermöglichen wollen, müssen wir zu ihnen gehen. Daraus ist eine Kooperation mit der GAG Immobilien AG entstanden, die uns Gelände in deren Siedlungen zur Verfügung stellt.

Die Kinder nehmen das Angebot sehr gut an. Meist warten sie schon ungeduldig am Tor auf unsere Gartenpädagoginnen und Pädagogen. Neben dem Gärtnern wird das selbst angebaute Gemüse auch gekocht und gegessen. Und es schmeckt den Kindern! Was sie zu Hause oft nicht anrühren, das schmeckt und wird mit Freude genossen, wenn es in Gemeinschaft gekocht und verzehrt wird. Dabei lernen sie auch nebenher, was eigentlich gesunde Ernährung bedeutet und warum Regionalität, Saisonalität oder Bioanbau so wichtig sind.

Die Naturzeit in den Garten-Clubs baut auf Eigenständigkeit. Die Kinder können hier sehr viel mitgestalten, sie können Handlungswissen erlernen, wie z.B. handwerkliche Fähigkeiten, und erfahren nebenbei das Gefühl von Selbstwirksamkeit in ihrem Tun – und das alles ohne Geldeinsatz. Sie lernen z.B. spielerisch, wie man Wertstoffe recyceln kann, wie man aus kaputten Sachen etwas Neues bauen kann und lernen wieviel Spaß es macht, in der Gemeinschaft an solchen Projekten zu arbeiten. Im Sinne der Gemeinschaftlichkeit versuchen wir auch die Eltern und andere Menschen aus der Nachbarschaft miteinzubeziehen. Damit ist das Projekt der Garten-Clubs nicht nur ein nachhaltig ökologisches, sondern auch ein soziales.

Die Gartenclubs wurden schon mehrfach ausgezeichnet und wir würden uns für die Zukunft wünschen, dass dieses sozial nachhaltige Naturbildungsmodell auch in anderen Städten Anklang findet. Erste neue Projekte mit Geflüchteten zeigen, dass es sich auf weitere Zielgruppen ausweiten lässt. Und perspektivisch möchten wir auch gartentherapeutische Angebote etablieren.

Querwaldein Eindrücke

evidero   Warum suchen immer mehr Menschen den Kontakt mit der Natur?

Meiner Erfahrung nach suchen vor allem die Erwachsenen die Ruhe in der Natur. Die Welt beschleunigt sich immer mehr, das Leben ist vollgepackt. Wir kommen immer weniger zur Ruhe. Da ist die Natur ein Ruhepunkt, den viele suchen. Wir hören immer wieder von unseren Seminarteilnehmerinnen und Teilnehmern, wie glücklich sie sind, dass wir diese Ruhe ermöglichen, in der sich eine Zeitlosigkeit einstellt, in der sie zu sich kommen können. Dazu gehört aber auch der soziale Aspekt, also das gemeinsame Naturerleben, der Austausch darüber, das Teilen der schönen Erlebnisse.

Ein anderer Aspekt, was das gärtnerische angeht, ist der Gegenpol zum Konsumieren. Man macht etwas mit den Händen, schafft etwas Eigenes.

Was wir auch erleben und vermitteln wollen: Es geht auch darum, wieder zur eigenen Natur zu finden. Der Mensch ist der Natur mehr und mehr entfremdet und sieht sich ja eigentlich gar nicht mehr als Naturwesen. Aber es gibt diese große Sehnsucht, sich selber als Teil des Ganzen zu erleben, als Teil der Natur.

Auch die persönliche Weiterentwicklung in und mit der Natur wird zunehmend wichtiger. Wir bieten mittlerweile prozessbegleitende Seminare in der Natur an, weil die Natur ein Ort ist, in der ich mir selbst auch nochmal anders begegnen kann. Die Natur sozusagen als Spiegel meiner Selbst. Die Menschen kommen in die Natur, um sich selber besser zu verstehen und sich weiterzuentwickeln im eigenen Leben.

evidero   Gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen frühzeitiger Umweltbildung und nachhaltigem Verhalten?

Es ist sicher die Basis und unterstützende Voraussetzung für nachhaltiges Handeln, aber leider keine Garantie. Um wirklich Konsum und sonstige Verhaltensweisen nachhaltig ökologisch zu gestalten gehört noch sehr viel mehr dazu. Umweltbildung und Naturerleben ist aber eine Grundvoraussetzung dafür. Und eine Basis, um sich überhaupt für die Natur und andere Lebewesen zu interessieren und sich Wissen anzueignen.

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) will u.a. Empathie auslösen und unterstützen, also die Mitgefühlsentwicklung für schwächere Lebewesen fördern, ob sozial oder für Tiere und Pflanzen. Die Empathie ist die absolute Basis für nachhaltiges Handeln. Aber dann geht es um lebenslanges Lernen in und mit der Natur für alle Altersgruppen.

evidero   Ihr bildet auch urbane Naturpädagogen aus. Was machen Natur- und Wildnispädagogen? In welchen Bereichen findet ihre Qualifizierung Anwendung?

Zu uns kommen viele Menschen, die bereits in schulischen, sozialen oder anderen Bildungseinrichtungen arbeiten, in die sie gerne naturpädagogische Impulse hineinbringen wollen. Vielen kommen aber auch aus ganz anderen Berufsfeldern und wollen ihr Leben umgestalten. Wir beobachten dazu einen starken Anstieg der Nachfrage nach Jobs und Ausbildung. Es ist ein Berufsbild, was sich immer noch aus einer vormals oft ehrenamtlichen Tätigkeit heraus entwickeln.

Die meisten Menschen, die als Naturpädagogen oder Naturpädagoginnen arbeiten, sind bei außerschulischen Lernorten tätig und dies meist freiberuflich. Querwaldein versucht weg von der Freiberuflichkeit zu kommen und unseren Mitarbeitenden Anstellungen zu ermöglichen. Dadurch können wir die Mitarbeitenden langfristig halten und besser qualifizieren -interne Schulungen sind uns sehr wichtig.

Aber ob ehrenamtlich, freiberuflich oder angestellt – alle, die sich naturpädagogisch engagieren sind willkommene Multiplikatorinnen und Multiplikatoren auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit!

evidero   Liebe Alexa, vielen Dank für das spannende Interview!

Weiterführende Infos und Links:

www.querwaldein.de http://www.bne-portal.de/

http://www.unitedworldschools.org/

Annette Coumont
Annette arbeitet als freie Redakteurin und Autorin mit Schwerpunkt Achtsamkeit und bewusst nachhaltige Lebenstile. Sie schreibt auch für die evidero Redaktion…