Achtsamkeit im Alltag - Loslassen: 4 Schritte, wie du emotionale Anspannung loslassen kannst

Wehrst du dich gegen deine Ängste, deine Wut, deine Einsamkeit? Mach deinem Leiden ein Ende und lasse deine negativen Gefühle los.
Melanie Lotz Yogalehrerin
von Melanie Lotz
Auf dem Sofa entspannen und Gefühle loslassen© Annatamila - Fotolia.com

Loslassen – in vielen Übungen aus dem Bereich Achtsamkeit und Meditation wird immer wieder davon gesprochen, dass wir unsere Gedanken, Gefühle, Wünsche, Erwartungen oder auch körperliche Verspannungen loslassen sollen. Doch was heißt das eigentlich – loslassen? Und wie können wir etwas loslassen, das tief in uns verankert scheint?

Der deutsche Begriff “Loslassen” wird häufig mit “etwas loswerden” in Verbindung gebracht. Bei Dingen ist das einleuchtend: Eine Leine können wir beispielsweise in unserer Hand halten. Wenn wir den Griff öffnen, lassen wir die Leine los, doch um sie “los zu werden”, müssen wir eine weitere Aktion anschließen: Hinlegen. Wegwerfen. Jemand anderem in die Hand drücken.

Erst wenn die Leine sich nicht mehr in unserer Hand befindet, scheint der Vorgang des Loslassens vollständig.

Gefühle loslassen = Gefühle loswerden?

Übertragen auf die geistige Ebene würde Loslassen dementsprechend bedeuten, dass wir ein Gefühl oder auch einen Gedanken los werden können, indem wir aktiv etwas tun, um sie von uns zu weisen.

Und tatsächlich versuchen wir das auch: Wir versuchen Gefühle, die uns unangenehm sind, innerlich wegzuschieben. Wir lenken uns ab, beispielsweise mit viel Arbeit, um an etwas nicht denken zu müssen. Manchmal betäuben wir uns auch mit Alkohol oder übermäßigem Essen, um etwas nicht fühlen zu müssen.

Doch alles Ablenken und Unterdrücken hilft meist, wenn überhaupt, nur kurzfristig. Früher oder später spüren wir den Liebeskummer, die Angst, die Langeweile doch wieder. Wenn nicht in ihrer reinen Form, dann doch als ein unbestimmtes Gefühl von Unglück oder Leere.

Wenn wir uns lange genug ablenken oder betäuben, mögen wir sogar dauerhaft emotional abstumpfen. Doch dann können wir auch Gefühle der Freude und Liebe nicht mehr in ihrer Fülle spüren.

1) Zulassen von Emotionen

Wenn wir uns also in unserer Lebendigkeit vollständig erfahren möchten, dann müssen wir das Leben in allen seinen Facetten annehmen, wie es ist. Gefühle wie Angst, Trauer, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung gehören ebenso zum Menschsein wie Gefühle der Freude, der Begeisterung, der Liebe. Es ist nicht möglich, das eine auszuschalten und nur das andere zu fühlen.

So bedeutet Loslassen zunächst einmal das Gegenteil von “Loswerden”, nämlich: Zulassen. Ja sagen, zu allem, was wir in uns spüren. Annehmen, was ist.

2) Vor dem Loslassen der Gefühle müssen wir ihnen Aufmerksamkeit schenken

Im nächsten Schritt bedeutet Loslassen, dass wir unseren Gefühlen bewusst und wohlwollend Aufmerksamkeit schenken. Wir folgen ihrem Weg in unseren Gedanken und unserem Körper. Das Gefühl der Angst mag beispielsweise von dem Gedanken begleitet werden, dass wir nicht gut genug sind, um eine Prüfung zu bestehen. Wenn wir wütend sind, mögen wir vielleicht denken, dass uns jemand ungerecht behandelt hat.

Es ist eine wechselseitige Wirkung: Der Gedanke löst das Gefühl aus und das Gefühl weckt neue Gedanken, die das Gefühl bestärken. Auch im Körper sind Gefühle deutlich spürbar: Als Krampf im Magen, als Druckgefühl in der Brust oder als Anspannung im Nacken. Indem wir alle unsere Gefühle, Gedanken und körperlichen Reaktionen bewusst wahrnehmen, geben wir ihnen Raum – und damit die Erlaubnis zu sein.

3) Loslassen heißt, sich nicht mit dem Gefühl zu identifizieren

Manchmal erscheinen Gedanken und Gefühle so mächtig, dass sie uns überschwemmen und wir in ihnen versinken. Wir sind dann der Gedanke, zum Beispiel: Ich bin nicht gut genug. Wir sind dann die Angst. Aber auch in Momenten des Alltags identifizieren wir uns mit einem Gedanken und verschmelzen mit einem Gefühl, beispielsweise wenn wir ungeduldig oder genervt sind.

In dem Moment, da wir unsere Empfindungen in einer Art Drauf-Schau beobachten, nehmen wir innerlich etwas Abstand: Da ist etwas in uns, das beobachtet und etwas, das beobachtet wird.

In der Unterscheidung zwischen unserem Bewusstsein und dem Gefühl liegt der Schlüssel zur Nicht-Identifikation. Bewusstes Wahrnehmen ermöglicht einen intensiven Kontakt mit dem, was in uns vorgeht und gleichzeitig eine gesunde Distanz: Ich bin mehr als mein Gefühl.

4) Wenn wir Gefühle gleichwertig behandeln, können wir unser Leid auflösen

Wir haben die Tendenz, nur das spüren zu wollen, was uns ein Wohlgefühl beschert und unterscheiden deshalb in gute und schlechte Gefühle. Wir wehren uns gegen die vermeintlich negativen Gefühle, weil wir glauben, dass wir unter ihnen leiden.

Doch Leid entsteht, wenn wir etwas nicht fühlen möchten und uns dagegen innerlich sträuben. Trauer, Angst, Verzweiflung, Neid sind natürliche und gesunde Reaktionen auf eine Situation, wie beispielsweise einen Verlust.

Gefühle wollen gesehen, anerkannt und vollständig gefühlt werden, erst dann verlassen sie uns. Solange wir Gefühle nicht zulassen, halten wir sie fest und leiden. Umgekehrt entsteht auch Leid, wenn wir versuchen, sogenannte positive Gefühle festzuhalten. Wenn wir alle Gefühle gleichwertig als Ausdruck des Lebens begreifen und wohlwollend annehmend, können wir unser Leiden auflösen.

Melanie Lotz Yogalehrerin
Expertin: Melanie Lotz
Melanie ist Vinyasa Yogalehrerin aus Köln: Ihre Ausbildung machte sie bei Lord Vishnus Couch und unterrichtet nun regelmäßig dort und bei yes!yoga. Seit Mitte 2015 arbeitet sie auch für die evidero Redaktion.

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