Unsicherheit überwinden: Warum bestimmte Ängste in uns so tief sitzen und wie wir sie für uns nutzen können

Unsicherheit oder mangelndes Selbstvertrauen sind eine häufige Angst der Menschen. Überwinden kann man sie, wenn man diese Seite von sich annimmt.
Jan und Susanne von Wille
von Jan und Susanne von Wille
Unsicherheit überwinden - Keine Angst mehr vor freier Rede© storonka - Fotolia.com

Als ich 18 Jahre alt war, erlebte ich etwas, was mich bis heute geprägt hat. Damals war der Begriff „Flashmob“ noch nicht bekannt, aber als Teil einer kirchlichen Jugendgruppe hatten wir an einem Samstag ein spontanes Theater auf der Einkaufsstraße unserer Stadt gespielt. Ich hatte keine Rolle zugewiesen bekommen und wollte eigentlich nur zuschauen. Und dann passierte es. Der Leiter der Gruppe zeigte mit dem Finger auf mich und ich hörte nur noch undeutlich die Worte: „Jetzt wird Jan etwas aus seinem Leben erzählen…“

Es sollte ja ein spontanes Theater sein, aber das hatte ich nun doch nicht erwartet. Mein Mund war im selben Augenblick völlig trocken, meine Hände zitterten. Ich brachte keinen Ton heraus, denn mein Kopf war völlig leer.

Vermutlich kennst du auch solche Momente des Lampenfiebers oder eines Blackouts.

  • Vielleicht bei der klassischen Vorstellungsrunde, wo jeder ein paar Worte über sich sagen soll
  • Beim Bewerbungsgespräch, wo du dem Führungsgremium des Unternehmens gegenüber sitzt
  • Vor einem Akquise-Anruf bei dem Entscheider eines Unternehmens
  • bei einer Prüfung nach einer überraschenden Frage, mit der du nicht gerechnet hast

Wir fühlen uns dann blockiert und gelähmt, und können unsere gewohnten Verhaltensweisen nicht mehr ausüben. Dabei kann der Auslöser eine größere Gruppe oder auch eine Einzelperson sein.

Warum fühlen wir uns unsicher?

Ausgelöst durch mein eigenes Erlebnis habe ich inzwischen in verschiedenen Trainings zur Persönlichkeitsbildung folgende Übung eingeführt:

Jeder Teilnehmer soll in die Fußgängerzone gehen, sich an einem beliebigen Ort hinstellen und eine kurze Ansprache halten. Das Thema ist frei zu wählen.

Wenn ich diese Übung vorstelle sind die ersten Reaktionen immer gleich: „Das werde ich niemals machen!“, „Das kann ich nicht.“ usw. Wenn wir diesen Reaktionen dann etwas tiefer nachgehen, kommt in der Regel folgender Gedanke zum Vorschein: „Die Leute werden mich für verrückt halten“

Und da hilft auch nicht der Einwand, dass man diese Menschen doch wohl niemals wieder sehen wird. Die Angst wird dadurch nicht verringert.

Da ich diese Übung mit anderen und auch selbst schon öfter durchgeführt habe, kann ich sagen, was wirklich passiert. Die meisten Passanten kümmern sich überhaupt nicht darum, was da vorgetragen wird. Sie schauen geradeaus, telefonieren, oder schauen nur kurz hin und gehen weiter.

Warum ist diese Angst vor anderen so stark?

Die Antwort hängt stark mit dem zusammen, was C.G. Jung in seiner Forschungsarbeit „Archetypen“ nannte.

Er beschreibt dabei ein bestimmtes Muster, wie man die Welt wahrnimmt und auf sie reagiert. Dieses Muster gehört zum kollektiven Unbewussten der Menschheit. Mit am wichtigsten für jeden Menschen ist der Archetyp des Schattens. Denn im Schatten ist all das konzentriert, was wir an uns nicht mögen und wofür wir uns schämen.

Diese Anteile haben wir ins Unbewusste verdrängt und dadurch aus unserer Selbstwahrnehmung verbannt. Meist weil wir früh erfahren haben, dass bestimmte Eigenschaften nicht erwünscht sind. Wir haben aus vergangenen Erfahrungen geschlussfolgert, dass wir auf eine bestimmte Art nicht sein können, wenn wir uns nicht von der Liebe und Zuneigung unserer frühen Bezugspersonen abschneiden wollen.

Jung sagt, dass alles Unbewusste projiziert wird. Und was wir bei uns selbst nicht wahrnehmen können, fällt uns umso mehr bei anderen auf. Jeder kennt zum Beispiel Situationen, in denen Eltern an ihre Grenze kommen und ihre Kinder anschreien: „Schrei nicht so herum!“. Alle Außenstehenden merken dann sofort, wie widersprüchlich das Verhalten der Eltern ist. Nur sie selbst scheinen blind dafür zu sein.

Jesus hat schon lange bevor der Begriff „Schattenarbeit“ bekannt wurde, den goldenen Satz geprägt:

„Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem eigenen Auge aber siehst du nicht?“

Das heißt konkret für unseren Alltag: „Alles, was mich am anderen stört, ärgert, aufregt, in Wut geraten lässt und was ich anders haben will, habe ich selbst in mir.“ Da mir diese Anteile jedoch nicht bewusst sind, erlebe ich sie nur als Projektion in anderen und genau dort ist die Verbindung zur Angst.

Unbewusstes aufdecken: Wie finde ich den Schatten?

Da per Definition der Schatten im Unbewussten liegt, ist dies für einen selbst nicht einfach. Der erste Schritt jedoch ist schon getan, wenn ich mir der Projektion bewusst werde.

Ein Beispiel dazu: Ich stehe in einem Supermarkt in der Schlange an der Kasse und bin ziemlich unter Zeitdruck. Eine Frau geht an der Schlange vorbei direkt zur Kasse, um ihre Waren zu zahlen. Ich ärgere mich darüber. Der erste Schritt wäre: mich nicht im Ärgern verlieren, sondern mir selbst die Frage stellen: „Warum ärgere ich mich darüber“? (Ich könnte diesen Anlass auch nehmen, um zu beobachten, was nun bei den anderen wartenden Leuten abgeht…)

Ganz spontan kommen sicher folgende Gedanken: so eine Frechheit. Die hat kein Benehmen. Mit diesem Gedanken bin ich aber nicht bei mir, sondern im außen, also außer mir. Wenn ich meine Aufmerksamkeit aber nach innen richte, stelle ich vielleicht fest, dass ich mich am liebsten genauso verhalten hätte. Aus verschiedenen Gründen verbiete ich mir aber solch ein Verhalten. Ein anderer Mensch nimmt sich jedoch einfach die Erlaubnis dafür. Auf diese Weise kann diese Situation für mich ein Spiegel sei, durch den ich Zugang zu meinen Schatten finde.

Hilfreich ist auch folgende Übung:

  1. Schließe deine Augen und stell dir vor, dass du vor einer Person oder einer Gruppe stehst, bei der du unsicher, gehemmt oder aufgeregt bist.
  2. Konzentriere dich auf die Gefühle, die du jetzt wahrnimmst.
  3. Lass jetzt diese unangenehmen Gefühle aus dir heraus fließen, und stelle sie dir bildlich vor, wie sich daraus ein Wesen mit einem Gesicht und einem Körper formt.

Jetzt hast du deinen Schatten „gesehen“. Vielleicht ist es ein trauriger kleiner Junge. Oder ein dickes, pickliges Mädchen, das aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen worden ist. Oder der Neue in der Klasse mit den dicken Brillengläsern und dem komischen Dialekt.

Ein Weg heraus aus der unbewussten Angst

Die gute Nachricht ist: Unterhalb des Schattens liegt eine Kraft, die stärker ist als die Angst, die sich mit den Schatten verbunden hat! Und diese Kraft heißt „Selbstausdruck“.

Am klarsten können wir sie oft bei kleinen Kindern entdecken: Sie können sich frei und ausgelassen ausdrücken, ohne die Bedenken, wie sie auf andere wirken. Oder die Momente, in denen du total überzeugt von einer Sache sprichst, weil du davon begeistert bist.

Oder sogenannte „Flow-Erlebnisse“. Du erlebst etwas, worin du total aufgehst und deine Umwelt ganz vergisst. In solchen Situationen bist du nicht vom Beifall der anderen abhängig. Du bist ganz du selbst – und bringst dich auf authentische Weise zum Ausdruck.

Sobald du jedoch von deiner Angst beherrscht wirst, ist das alles weg. Du bist dann nur noch damit beschäftigt, deinen Schatten zu verbergen.

Die „Innere Autorität“ – So kannst du deine Ängste für dich nutzen

Jetzt wird es spannend. Gegen unseren Schatten anzukämpfen hat keinen Sinn. Ähnlich wie beim Schattenboxen haben wir ja keinen direkten Zugang. Wir können den Schatten jedoch für uns nutzen, wenn wir uns mit ihm verbünden, ja, regelrecht „gebrauchen“.

Denk noch einmal an die Übung der Visualisierung zurück. Hier hast du ja deinen Schatten visualisiert. Probiere es ruhig noch einmal aus. Du musst den Schatten nicht wirklich sehen. Entscheidend ist, dass du seine Präsenz spürst.

  1. Jetzt stell dir vor, dass du vor einem Publikum stehst, das dich unsicher macht. Oder du bist mit einer Person in einem Raum, vor der du Angst hast, die dir sehr unangenehm ist.
  2. Nun sieh gleichzeitig neben dir deinen Schatten, der dich anschaut. Richte deine Aufmerksamkeit vom Publikum oder der einzelnen Person weg auf deinen Schatten und konzentriere dich auf ihn. Spüre die Verbindung, die schon seit so vielen Jahren zwischen euch beiden besteht. Gemeinsam seid ihr furchtlos!
  3. Wende dich jetzt zusammen mit deinem Schatten entschlossen zum Publikum und befehle im Stillen: „Zuhören!“ Spüre die Autorität, die sich zeigt, wenn du und dein Schatten mit einer Stimme sprecht.

Diese Übung ist ungemein kraftvoll! Warum?

Der Grund liegt darin, dass wir keine Energie mehr verschwenden, um unseren Schatten zu verstecken. Sondern den Schatten als Teil, der zu uns gehört auf die Bühne des Lebens holen.

Man kann dies gut mit einem „coming out“ vergleichen. Jemand, der schwul ist und es vielleicht aus Scham niemandem verraten hat, erlebt eine Freisetzung durch das öffentlich-machen. „Hört alle her – ich bin schwul! Oder wie es der ehemalige Berliner Bürgermeister Wowereit ausdrückte: „Ich bin schwul und das ist gut so.“ Die meisten Leute reagieren mit einem „Aha“. Mehr nicht.

Die Verbindung zur „Inneren Autorität“ kann dein Coming-Out werden. Und das Gute ist: Du machst es ganz still für dich, in deinem Inneren.

Probiere diesen Weg aus, wenn du das nächste mal unter Druck stehst, oder das Gefühl hast, etwas beweisen zu müssen. Das kann ein Verkaufsgespräch sein, eine Rede auf einem Geburtstag, eine Präsentation oder das erste Rendezvous. Beginne mit kleineren Anlässen, wo deine Angst nicht allzu groß ist.

Letzter Gedanke: Nimm dich selbst an, dann bist du stark

Um unseren Schatten und die damit verbundene Scham zu verbergen, wenden wir jeden Tag ungeheure Energie auf. Wir wollen in bestimmten Lebensbereichen anders sein, als wir es wirklich sind. Tag für Tag rauben wir uns selbst dadurch viel Kraft.

Zwei Sätze sind mir hier eine große Hilfe geworden:

  • „Nur was ich angenommen habe, kann auch verwandelt werden.“ (Autor ist mir unbekannt)
  • und was C.G. Jung in diesem Zusammenhang in einem prägnanten Satz formuliert hat: „Ich will lieber vollständig sein, als vollkommen.“

Entdecke also deinen Schatten. Mit ihm zusammen bist du stark.

Jan und Susanne von Wille
Die Mischung von Susannes Wissen aus der Systemische Therapie und Jans Erfahrungen aus der geistlichen Begleitung und der TZI-Ausbildung bilden die Grundlage ihrer Arbeit...
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