Soziale Verantwortung tragen: Wieso wir Hass mit Liebe begegnen sollten

Social Bashing und Cybermobbing sind eine ganz neue Dimension der Verbreitung von Negativität, Bosheit und Hass. Auch wenn sie nur Worte sind, sind sie nicht harmlos. Und wir sollten nicht schweigend zusehen!
von Manuela Hartung
Stark machen gegen Cybermobbing© Pixaby

“Who taught you how to hate” heißt ein Lied auf dem neuesten Disturbed Album. Eine wie ich finde hochaktuelle Frage. Wie kommt es, dass so viel Unfrieden, Vorurteile und tatsächlicher Hass durch die Social Media geistern? Und wie können wir dieser Herausforderung bewusst begegnen?

Ein Kommentar bei Facebook oder Twitter ist schnell geschrieben. Er hat für einen anonymen Nutzer keinerlei Konsequenzen. Vielleicht liefert jemand ein Gegenargument, aber das war es auch schon.

Man stelle sich einmal vor, die vielen bösartigen Hasskommentare wäre keine schriftlichen Nachrichten, sondern der Verfasser würde sie seinem Opfer direkt ins Gesicht sagen. Ich vermute, ein Großteil der Betreffenden würde das nicht fertig bringen, ich halte diese Menschen zumindest nicht für abgrundtief böse. Nicht alle jedenfalls.

Ist der Übeltäter also das Internet? Macht es uns zu schlechteren Menschen?

Shitstorms, Social Media Bashing, Cybermobbing – Ist das wirklich harmlos?

Die Hemmschwelle, Cybermobbing zu betreiben, ist natürlich wesentlich geringer, als einem Menschen aus Fleisch und Blut gegenüberzutreten. Ein schönes Beispiel liefert die Distopia-Serie Black Mirror (Achtung SPOILER!): In der letzten Folge der dritten Staffel taucht ein ominöser Hashtag im Netz auf: #Death to. Die Person, die am häufigsten markiert wird, stirbt. Doch am Ende stellt sich heraus, dass diese nur ein Köder sind, die eigentlichen Ziele des Hashtagentwicklers sind alle, die sich an diesem perfiden “Spiel” beteiligen. Letztlich sterben 400.000 Menschen, die den Hashtag verwendet haben.

Warum das ganze? Weil der Crush des Entwicklers nach einem unpassenden Foto von derartigem Social Bashing betroffen war, dass sie einen Selbstmordversuch beging.

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In unserem Blog GENERATIONENFRAGE schreiben die Gen-Y-evideros über Themen, die sie und ihre Generation beschäftigen, ihren Alltag beeinflussen und zu ihrer Art des bewussten Lebens dazugehören.

Wer sind wir als Mindfull Millenials eigentlich?

Die Folge lässt einen mit einem beklommenen Gefühl zurück (wie eigentlich die ganze Serie). Denn die Realität ist ja gar nicht so weit entfernt. Wer sich durch Kommentare bei Facebook liest, findet erschreckend viele Beispiele dafür, wie Menschen andere heruntermachen oder sexistisches, rassistisches oder homophobes Gedankengut verbreiten, um nur einige Beispiele zu nennen.

Konsequenzen für die Verfasser hat das in keinster Weise, Facebook geht nicht einmal großartig dagegen vor. Allerdings gibt es bereits Gruppen, die sich dieses Themas annehmen und persönliche Angriffe sollten meiner Meinung nach tatsächlich gelöscht werden!

Worte haben Macht!

Denn wie kann man annehmen, dass es keine Konsequenzen für die Betroffenen hätte? Eine sehenswerte Dokumentation dazu, was “Reden” anrichten kann, ist Audrey and Daisy. Darin geht es um Teenager, die, nachdem sie Opfer einer Vergewaltigung wurden, durch Cybermobbing fast oder ganz in den Selbstmord getrieben wurden. Das ist nicht realitätsfern!

Woher kommt bloß all dieser Hass? Was treibt Menschen dazu, einem anderen Nachrichten zu schicken, er solle sich umbringen? Psychologisch gibt es sicher viele Erklärungsmöglichkeiten, ebenso wie für Fremdenfeindlichkeit oder Sexismus: Unzufriedenheit mit sich selbst oder der eigenen Situation, Angst um eigene Privilegien, das Gefühl abgehängt zu werden, nicht genug vom Kuchen abzubekommen, Neid und Eifersucht, oder schlicht und ergreifend reine Bosheit.

Und das Internet bietet die perfekte Möglichkeit, alle negativen Gefühle auszuleben, die Wut rauszulassen, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben weiterzugeben, diesen schweren Rucksack an dumpfer Sinnlosigkeit auf einen anderen Menschen abzuschieben.

Achte auf deine Worte, denn sie werden zu deinen Taten

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen persönlichen Angriffen auf eine konkrete Person und allgemeinen negativen Äußerungen etwa über bestimmte Menschengruppen. Doch mit diesen fängt es ja an. Wer Homosexuelle beschimpft, Frauen abwertet oder alle Muslime als Terroristen abstempelt tut ja den ersten Schritt in Richtung einer Einstellung, unter der irgendwann konkrete Individuen zu leiden haben können.

Da hat es Meryl Streep in ihrer Golden Globe Rede auf den Punkt getroffen, als sie sagte, wenn der mächtigste Mann der Welt genau solch ein Verhalten vorlebt, wird es geradezu legitimiert, verbale Gewalt auszuüben.

Ja, ich spreche bewusst von Gewalt, denn dieser Begriff ist nun einmal nicht auf körperliche Übergriffe beschränkt. Verbale Gewalt kann tiefe seelische Verletzungen hervorrufen, eine Gesellschaft spalten, sie kann ausufern und zu Taten werden. Hass zu verbreiten ist nicht harmlos und auch kein Bestandteil der Meinungsfreiheit.

Wie wir Hass begegnen können

Manchmal fühle ich mich sehr hilflos, wenn ich Kommentare lese, die einen derartigen Mangel an Empathie und Mitgefühl zeigen, dass ich an der Menschheit zu zweifeln beginne. Diskussionen mit diesen Menschen sind in der Regel unnütz, denn sie wollen gar nicht über ihre Meinung nachdenken, sondern von Gleichgesinnten in ihr bestätigt werden.

Es schweigend hinzunehmen ist jedoch auch keine Option. So wie sich überall auf der Welt ziviler Widerstand regt gegen die rückständigen Taten Trumps, haben wir alle eine Verantwortung, die Werte zu verteidigen, die sich die Menschheit über viele Jahrhunderte erkämpft hat.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurden mit Blut erkauft, doch sie müssen mit Liebe erhalten werden. Mit friedlichen Protesten, Aufklärung, sozialem Engagement, politischem Interesse. Mit einer Beteiligung am gesellschaftlichen Leben, einer liebevollen Mitgestaltung. Mit Nächstenliebe.

Das kann darin bestehen, keine schwerwiegenden Diskussionen zu beginnen, sondern liebevolle Botschaften zu verteilen. Menschen zu unterstützen, die gemobbt werden und ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Positive anstatt negative Nachrichten zu verbreiten. Vorurteile durch Aufklärung abzubauen, an Schulen, auf der Arbeit, im direkten Umgang mit Menschen, denen man begegnet. Jeder von uns kann als positives Beispiel vorangehen und Liebe säen, um den Hass im Keim zu ersticken.

Wir müssen nicht zusehen, wie unsere Gesellschaft sich zum Negativen verändert. Und wir müssen “Kampfslogans” wie “Wir sind das Volk” nicht denen überlassen, die andere ausgrenzen wollen.

Zum Abschluss noch ein Zitat aus meiner Lieblings-Anime-Serie Noir: “Hass kann niemals Menschenleben retten”. Und Hass kann man auch nicht mit Hass bekämpfen.

Weitere Infos:

evidero-Redakteurin Manuela Hartung hat an der Uni Köln Germanistik, Linguistik und Phonetik studiert. Zu ihren Hobbies zählen Radfahren und kreatives Schreiben.
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