Aerial Yoga: Die beste Kombination aus Entspannung und Akrobatik

Beim Aerial Yoga hängen die Übenden in einem elastischen Tuch, das an der Decke befestigt ist. So sind Stellungen wie der Handstand sogar für Anfänger machbar.
Sabrina Gundert - Fotografin Alexandra Stehle
von Sabrina Gundert
Aerial YogaFoto: Juergen Tap © picture alliance/HOCH ZWEI

Mit Aerial Yoga sind Stellungen wie der Kopfstand sogar für Anfänger mühelos machbar. Bei diesem Yoga-Stil aus den USA hängen die Übenden in einem elastischen Tuch, das mit einem Karabinerhaken an der Decke befestigt ist. Das Tuch gibt Halt und ermöglicht, was sonst im stressigen Alltag oft nicht denkbar ist: Loslassen. evidero-Autorin Sabrina Gundert hat Aerial Yoga getestet.

Freitagabend in einem Gewerbegebiet in Kiel. Wo vor wenigen Minuten noch große Boxsäcke von der Decke des Kampfsportcenters hingen, baumeln jetzt blaue, rosafarbene und weiße Tücher. Aufgehängt mit einem Karabinerhaken an der Decke bilden die langen, elastischen Tücher eine U-förmige Schlaufe. Schwerelosigkeit und ein unglaubliches Glücksgefühl verspricht diese luftige Form des Yoga.

Aerial Yoga – Muskeltraining, Entspannung und Massage

Aerial Yoga ist die neueste Entdeckung aus Amerika, eine Mischung aus Yoga und Akrobatik. Nicole Quast ist eine der wenigen Aerial Yoga-Lehrerinnen, die diesen Stil auch in Deutschland anbieten. Seit September 2012 gibt sie Workshops in Kiel, im November ist der erste wöchentliche Kurs gestartet. Die Resonanz: Bis Januar 2013 sind alle Workshops ausgebucht.

„Die meisten Teilnehmenden sind nach der ersten Stunde absolut begeistert vom Aerial Yoga und strahlen übers ganze Gesicht“, erzählt Nicole Quast, die außerdem als Personal Trainerin arbeitet und klassisches Yoga anbietet.

„Mit anderen Sportarten wie Joggen oder Fitnesstraining ist Aerial Yoga kaum vergleichbar, denn es ist sportliches Training, Entspannung, eine Förderung der Körperwahrnehmung und Tiefengewebsmassage in einem.“

Letztere spürt jeder, der sich mit dem ganzen Körpergewicht in die Tuchschlaufe legt, um zum Beispiel in eine der Kopfüber-Haltungen zu gehen und wie eine Fledermaus von der Decke zu hängen.

Das Tuch drückt auf die Hüfte, es zieht und schmerzt. „Am Anfang kann es blaue Flecken geben“, ruft Nicole Quast in die Freitagabendrunde der Teilnehmenden, die meisten von ihnen Anfänger. „Das ist aber nicht so schlimm, mit der Zeit gewöhnt man sich dran“, fügt sie noch hinzu.

Glücksgefühle pur beim Yoga in der Luft

Dann erzählt sie von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Tuch während ihrer Lehrerausbildung. Davon, wie sie nach drei Tagen Dauertraining überall blaue Flecken hatte, aber so glücklich war, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Es sind vor allem ihre eigenen Erfahrungen, die sie dazu gebracht haben, Aerial Yoga-Kurse anzubieten und ab kommendem Jahr auch selbst Trainer auszubilden. „Nach meinem ersten Workshop habe ich so positive Veränderungen in meinem Körper gespürt“, sagt die 38-Jährige. „Ich fühlte mich drei Kilo leichter, alle Gelenke waren ganz mobil, das schweben in der Luft hat mir ein ganz neues Lebensgefühl vermittelt.“

Aerial Yoga Foto: Juergen Tap © picture alliance/HOCH ZWEI

Yoga kopfüber und schwerelos

Klingt gut, doch fast zu schön, um wahr zu sein. So hänge ich mich selbst ins Tuch, erst noch zaghaft, ausprobierend, ob das Tuch wirklich hält. Ich schwinge nach links und nach rechts, mache Drehbewegungen, dehne mich.

Nach wenigen Minuten geht es ans Eingemachte: Körper nach vorne beugen, Hände auf den Boden, Beine in die Luft. Es schwingt und schlingert, das Tuch drückt auf die Hüfte.

„Und jetzt die Beine um das Tuch wickeln“, weist Nicole Quast an und eilt hier und da zur Hilfe. Nach wenigen Minuten hängen alle fünf Teilnehmenden verkehrt herum in der Luft, der Kopf schwingt knapp über dem Boden leicht vor und zurück. Ich lasse immer mehr los, gebe mein ganzes Gewicht an das Tuch ab.

Als ich wieder auf den Beinen stehe, weiß ich, was Nicole Quast mit dem Glücksgefühl gemeint hat. Und auch damit, dass manche Übungen Mut brauchen. Mut, der mit einem starken Wohlfühl-Hormon-Cocktail im Körper belohnt wird. Wann sonst habe ich mir schon mal einen Handstand zugetraut? Oder gar in der Luft zu baumeln?

Sanftes Training auch bei Rückenproblemen

Alle Stellungen, die es beim klassischen Yoga gibt, können auch im Aerial Yoga geübt werden. Manche stellt das allerdings komplett auf den Kopf, wie die Taube, die im Tuch kopfüber ausgeführt wird — etwas, was auf dem Boden undenkbar wäre.

„Aerial Yoga ist gerade auch für unsportlichere Menschen oder solche mit Rückenproblemen gut geeignet“, so Nicole Quasts Fazit. „Viele Übungen gehen im Tuch einfach leichter und rückenfreundlicher. Die Kopfüber-Haltungen sorgen beispielsweise dafür, dass die Wirbelsäule mal so richtig schön langgezogen wird und lösen oft auch Blockaden, wie starre Hüften.“

Blockaden, die auch auf der energetischen Ebene liegen können. Immer wieder macht die Trainerin die Erfahrung, dass sich Aerial Yoga auch auf andere Lebensbereiche auswirkt. Plötzlich ist mehr Mut da, eine andere Sichtweise, ein Perspektiv-Wechsel. Manchmal werden auch längst überfällige Schritte — wie eine Trennung — endlich gehbar. Außerdem bringt das schwerelose Üben in der Luft eine kindliche Freude und Verspieltheit mit sich, die im Erwachsenenalltag meist gänzlich verloren gegangen ist.

Entspannung beim Aerial Yoga

Zum Abschluss der Stunde liegen wir alle komplett eingehüllt in unseren Tüchern und schaukeln sanft hin und her. Fast wie in einer Hängematte, doch noch viel besser, denn das Tuch bietet keinen Widerstand, gibt keine feste Form vor, sondern passt sich genau der Körperform an. Dann drehen wir uns auf die Seite und plötzlich scheint es mir, als läge ich auf dem Wasser, sanft getragen von den Wellen.

Schon lange habe ich mich nicht mehr so sicher, geboren und entspannt gefühlt wie in diesen Minuten und muss zugeben, dass Nicole Quast recht hatte, als sie sagte: „Nach der Stunde steigen die meisten mit einem zufrieden breiten Lächeln wieder aus dem Tuch.“

Sabrina Gundert - Fotografin Alexandra Stehle
Expertin: Sabrina Gundert
Sabrina Gundert ist Schreibcoachin, freie Journalistin und Autorin. Ihr Studium der Geographie hat sie die äußere Welt erforschen lassen, das Schreiben die innere...
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