Kunstfleisch aus Pflanzen: Die Erben der Schweine

Die Zahl an Vegetariern wächst stetig. Für sie werden von der Industrie ständig neue Produkte entwickelt. Der neuste Schrei: Kunstfleisch aus Pflanzen.
von Torsten Mertz
© iStockphoto / Richard Waller

Ist die Welt bereit für Veränderungen? Während es dem ZDF schwerfällt, einen Gottschalk-Nachfolger für „Wetten dass..?“ zu finden, wächst für jedes geschlachtete Rind, Schwein, Huhn etc. sekündlich Ersatz heran. Doch aus ökologischer und sozialer Sicht ist die immer weiter steigende Tierproduktion ein großes Problem. Hier ist dringend ein völlig neues Format gefragt: Tierfreies Fleisch, für das weder Futter noch Schlachthöfe benötigt werden.

Die Menschheit vermehrt sich in nie dagewesener Geschwindigkeit. In den Schwellenländern wächst die Lust auf Fleisch und der Klimawandel bedroht Ackerflächen und Wasservorräte. Die Zeit, innovative Methoden für die Nahrungsmittelproduktion zu entwickeln, drängt also. Ein Blick in die Filmgeschichte ist dabei wenig hilfreich. Weder die Verwertung von Leichen wie im Science-Fiction „Soylent Green“ aus dem Jahr 1973, noch die synthetisch erzeugten Lebensmittel aus der Fabrik im Louis-de-Funès-Film „Brust oder Keule“ aus dem Jahr 1976 weisen in die richtige Richtung. Und der „Replikator“ aus den Star-Trek-Filmen, mit dem sich Lebensmittel duplizieren lassen, würde, so es ihn denn gäbe, Unmengen an Energie verschlingen.

In den Niederlanden wird schon länger an künstlichem Fleisch geforschtFoto: © getty-ImagesFoto
In niederländischen Labors wächst Kunstfleich.

Während die Agro-Gentechnik weitgehend erfolglos versucht, die Produktionsmengen in der Landwirtschaft noch weiter zu erhöhen, ist ein wesentlicher Schlüssel der Welternährung im Fleischkonsum zu finden. Dieser ist bereits heute viel zu hoch. Die weltweite Fleischproduktion gehört zu den größten Umweltzerstörern überhaupt: Sie ist verantwortlich für rund 18 Prozent der Klimagasemissionen, gilt als Hauptursache für die Rodung der Regenwälder, verschmutzt die Gewässer. Die Mast steht für eine beispiellose Verschwendung von pflanzlichem Eiweiß, das anstatt den Nahrungsbedarf von Menschen zu decken in den Tiermägen landet. Über ein Drittel des weltweit produzierten Getreides dient der „Veredelung“ in tierische Proteine, bei Sojabohnen sind es sogar 90 Prozent. Allerdings setzt das Vieh das Futter alles andere als effektiv um: Zwischen drei und zwölf Kilogramm Getreide werden benötigt, um ein Kilo Fleisch zu erzeugen.

Doch Fleisch ist für viele ein Stück Lebenskraft. So haben es uns unsere Eltern und Großeltern eingebläut, so tönt es aus der Werbung, von der Landwirtschaftslobby und an den Stammtischen. Allen Argumenten zum Trotz – die Menschheit ist weit davon entfernt, Vegetarier zu werden. In den Entwicklungs- und Schwellenländern steigt der Fleischanteil der Kost seit Jahren an – in den vergangenen Jahren um jährlich über fünf Prozent. Insgesamt beträgt der weltweite Fleischkonsum rund 270 Millionen Tonnen Tier pro Jahr.

Eiweiß für Techno-Karnivoren – Eine Million Euro für Retorten-Hühnchen

Während Veganer und Vegetarier auf den privaten Verzicht setzen, arbeiten Wissenschaftler an einem radikalen Umbau der Fleischproduktion. Ihr Ziel ist Fleisch, das den extrem verschwenderischen Umweg der klassischen Tiermast überspringt. Kurz: künstliches Fleisch aus dem Labor. Die Idee ist nicht neu: Schon Winston Churchill fand es absurd, ein ganzes Hühnchen aufzuziehen, um dann lediglich eine Brust oder zwei Flügel zu gewinnen. Er forderte 1932, man solle statt dessen die gewünschten Teile als künstliches Fleisch einzeln wachsen lassen. Heute ist die moderne Gewebezüchtung auf dem besten Wege, das „Boeff biotechnique“ Wirklichkeit werden zu lassen. Vor allem niederländische Wissenschaftler forschen an Verfahren, das Fleisch der Zukunft unmittelbar in der gewünschten zellulären Form im Labor zu züchten. Vom Tier stammen dabei nur noch wenige Ausgangszellen, die sich in Nährlösungen vermehren und im Bioreaktor zu küchentauglichem Gewebe heranwachsen.

Noch lehnen die meisten Verbraucher die Idee ab. Aber die Zeit des tierfreien Fleisches wird kommen. Davon ist beispielsweise die Tierschutzorganisation PETA überzeugt. Um die Entwicklung des Laborfleisches – auch In-vitro-Fleisch genannt – voranzutreiben, unterstützt sie seit Jahren die Forschung. Als Anreiz hat sie unter anderem eine Million US-Dollar Preisgeld für denjenigen Wissenschaftler ausgelobt, der bis Ende 2012 künstliches Hühner-Fleisch in großen Mengen herstellen kann.

Biotech-Burger

Diesen Jackpot wird wohl kein Forscher knacken, denn von der Marktreife ist das In-vitro-Fleisch noch weit entfernt. Doch einige Wissenschaftler haben das künstliche Fastfood schon recht konkret vor Augen. Beispielsweise Mark Post, Professor für Physiologie der niederländischen Universität Maastricht, der schon 2012 den ersten Hamburger aus Laborfleisch vorstellen möchte. Dass das erste Kunst-Produkt ein Burger und kein Steak sein wird, liegt daran, dass es zwar möglich ist, in Bioreaktoren Muskelgewebe aus Stammzellen zu züchten; bislang gelingt dies allerdings nur in sehr dünnen Schichten und in einer Konsistenz, die anspruchsvolle Konsumenten kaum überzeugen würde. Schmackhaftes Fleisch braucht die richtige Kombination von Muskel- und Fettgewebe. Zudem fehlten den Forschern essbare Gerüste, auf denen die Zellen dreidimensional wachsen können. Auch die Frage, wie es möglich ist, Gewebe ohne Blutgefäße mit Nährstoffen zu versorgen, ist weitgehend ungeklärt.

Für all diese Herausforderungen gibt es zahlreiche Ideen. Bis die Massenproduktion kultivierten Fleisches beginnt, werden allerdings noch einige Jahre vergehen. Letztlich werden vor allem Aussehen und Textur darüber entscheiden, ob die Verbraucher das Produkt annehmen. Den richtigen Geschmack und Geruch des Fleisches zu treffen, sollte dabei das kleinste Problem sein. Denn darin, geschmacklose Materialien durch Salz, Zucker und Chemie zu Kassenschlagern aufzubessern, hat die Lebensmittelindustrie jedenfalls ausreichend Talent bewiesen.

Pflanzenfleisch für echte Vegetarier

Suelze© evidero
Die Idee des Kunstfleisch stammt nicht aus diesem Jahrhundert. Sülze besteht aus Gelatine und Fleischstücken.

Einstweilen können die Konsumenten, die zwar mit der Zucht oder Schlachtung von Tieren nichts zu tun haben wollen, auf dessen Geschmack zugleich aber ungern verzichten, auf Fleischimitate auf pflanzlicher Basis zurückzugreifen. Lange Tradition in der asiatischen Küche hat die Gewinnung eiweißreicher Produkte aus Hülsenfrüchten – vor allem Soja ­– und Getreide. Doch das Ergebnis ist nicht immer und für jeden Gaumen überzeugend. Wer schon mal lasche Sojahacksteaks mit aufgemalten Grillstreifen oder breiige Sojawürste gekostet hat, mag da seine Zweifel haben. Aber es geht auch anders: Weizeneiweiß (Seitan) etwa lässt sich ausgezeichnet zu Würsten, Gulasch und Döner, aber auch zu veganem Geflügel (inklusive Haut und Knochen!) veredeln.  Pflanzliche Rindersteaks, Pseudo-Shrimps oder Tintenfisch sind zum Teil schon Blindtest-tauglich.

Was die Vorreiter vegetarischer Fertiggerichte in Großbritannien oder Holland schon seit Ende der 1980er Jahre auf dem Teller haben, gibt es bis heute nicht in Deutschland: Quorn heißt der beliebte Fleischersatz aus fermentiertem Schimmelpilzmyzel. Das klingt eklig, ist aber von der Konsistenz und vom Geschmack her echtem (Geflügel-)Fleisch recht ähnlich. Wer es probieren will, muss einen Migros-Markt in der Schweiz aufsuchen oder in Belgien und Holland in die Kühlregale schauen, wo es Quorn als Schnitzel, Pfeffersteak, Cordon bleu oder Wurst gibt. Warum Quorn in Deutschland nicht angeboten wird, ist unklar. Zum einen kann es daran liegen, dass das Produkt den hohen biologischen Ansprüchen der Bioläden nicht genügt. Zum anderen mögen potenzielle Importeure befürchten, Pilzmyzele mit Laborherkunft mögen den Verbrauchern zu suspekt erscheinen. In einschlägigen Internetforen schwärmen die User hingegen von dem fettarmen, eiweißreichen Fleischersatz.

International wird Kunstfleisch aus pflanzlichen Proteinen und Pilzmyzel als „Novel Protein Foods“ (NPF) bezeichnet. Führend sind hier wieder einmal die Niederländer: Im Projekt Profetas beschäftigen sich zahlreiche Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen seit einigen Jahren mit der Frage, wie der Proteinbedarf der Welt am besten gestillt werden könnte. Die Frage „Pigs or Peas?“ beantworten sie klar mit „Erbsen statt Schweine“

Torsten Mertz ist Geograph, Redakteur und Autor. Er arbeitet in einem renommierten Münchner Nachhaltigkeits-Verlag, ist Verfasser des “Schnellkurs Ökologie” und schreibt gerade an einem weiteren Band der Kochbuch-Reihe „Gemüse ist mein Fleisch“. Bei evidero bloggt er über sein Lieblingsthema: die Gewissensfragen, mit denen sich ein interessierter Konsument heute konfrontiert sieht.