Zu den Quellen des Yoga: Yoga gibt Antworten auf unsere Fragen nach Lebenssinn und Glück

Otto Stricker, Co-Autor des Buches “Zu den Quellen des Yoga”, über das Wesen des traditionell indischen Yogaweges und warum Yoga im Westen immer populärer wird.
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von Otto Stricker
Yoga in Indien InterviewSwami Sundaranand in seiner Hütte in Gangotri © Coni Hörler

Millionen von Menschen weltweit sind im Yogarausch. Längst hat sich Yoga auch seinen festen Platz im Westen erobert: Für manche zunächst als Sport, für viele als Weg der Selbsterfahrung, der Entspannung und der Sinnsuche. In ihrem Buch “Zu den Quellen des Yoga” richten die Yogalehrer Otto Stricker und Dr. Isabell Lütkehaus ihren Blick auf das Yoga in seinem Ursprungsland Indien: Sie stellen eine Auswahl an bedeutenden indischen Yogaschulen und deren Meister vor. Otto Stricker spricht im Interview mit evidero-Redakteurin Melanie Lotz über seine Sicht auf Yoga und warum es auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet.

evidero   Lieber Herr Stricker, der Untertitel zu ihrem Buch lautet: “Echtes indisches Yoga erleben”. Verstehen wir im Westen Yoga vielleicht grundsätzlich falsch?

“Falsch”, nein. Richtig ist: Yoga ist weit wie der Himmel, und praktisch jeder schaut wahrscheinlich gerade nur auf einen ganz kleinen Ausschnitt. Allgemein gesprochen schauen wir im Westen sehr auf das körperliche Yoga, also das Hatha-Yoga. Es gibt viele Yoga-Systeme.

Emil Wendel, Yogaphilosoph, schreibt hierzu im Buch über die Yogaschulen außerhalb von Indien: “Heute gehören die meisten Yoga-Schulen weltweit zum Hatha-Yoga-System und integrieren freizügig Elemente der meisten anderen Systeme.” Im Buch unterscheiden wir zwischen acht Yoga-Systemen. Es gibt beispielsweise Mantra-Yoga, ein System, welches das wiederholte Rezitieren von bedeutungsvollen Silben verwendet. Das uns weitgehend unbekannte Mantra-Yoga ist in Indien sehr populär, vielleicht sogar verbreiteter als körperliches Yoga.

Westliches und indisches Yoga

evidero   Was ist echtes indisches Yoga?

Prashant Iyengar schreibt dazu in seinem Grußwort: “Yoga muss als philosophisches System und als adhyatmische (also spirituelle) Lehre mit eigener spiritueller Ethik verstanden und ausgeübt werden. In der Verantwortung der Lehrer liegt es dann, die Schüler darauf aufmerksam zu machen, dass es sich bei dem, was jenseits des Horizonts liegt, um wahres Yoga handelt.”

evidero   Warum ist Yoga heute in Deutschland so beliebt?

Wir spüren unmittelbar die Vorteile von Yoga – und Yoga ist vielleicht beliebter als andere Bewegungsarten, da hier Körper, Atem und Geist einbezogen werden. Es ist eine Art “zugängliche Ganzheitlichkeit”. Das eröffnet ein Feld, welches weiter geht als die reine Gymnastik.

evidero   Beeinflusst das Yoga des Westens inzwischen auch das indische Yoga?

Die unglaubliche Popularität des Yoga im Westen hat einen großen Einfluss auf Indien. Alles fließt, alle beeinflussen sich gegenseitig. Es sind vielfach von den Amerikanern entwickelte Variationen des Hatha-Yoga, die nun mit eigener Prägung wieder ihren Weg zurück ins Ursprungsland finden.

Westler reisen selber wieder mit einer bestimmten Erwartungshaltung nach Indien. In Goa beispielsweise sind ein guter Teil der Yogalehrer und -schüler Westler. Die “Teacher-Training-Courses” beispielsweise werden nach einem amerikanischen Standard zertifiziert. Dieser “4 weeks/200 hours”-Kurs ist sicherlich nicht in den Himalayas entstanden.

Und in den Großtädten wie Bangalore orientiert man sich an dem modernen, fließenden Yogastilen, wie sie im Westen populär sind. Anmutung und Aufmachung der erfolgreichen Yogastudios aus dem Westen inspirieren zumindest einige indische Studios, insbesondere die in den Großstädten Indiens.

Gibt es ein “richtiges” Yoga?

evidero   Im Westen sind inzwischen viele unterschiedliche Schulen des Yoga beliebt: Ashtanga Yoga, Vinyasa Yoga, Power Yoga, Anusara Yoga, Yin Yoga, Restorative Yoga, Hot Yoga, Acro Yoga… Ist das alles wirklich noch Yoga?

Aus indischer Sicht liegen alle diese Schulen eng beieinander. Und sie decken üblicherweise nur einen kleinen Teil des yogischen Weges ab. Man verwendet einen kleinen Teil der Methoden aus einem Universum von Techniken und Systemen. Vielleicht könnte man aus indischer Sicht sagen: Das erste Ziel all dieser Yogastile ist es, ein Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Körper und Geist zu schaffen.

Keiner zwingt uns, weitere Schritte zu machen – und wenn es nun beispielsweise Hot Yoga oder Power Yoga ist, das mich initial anspricht, dann ist das “richtig” für mich, hier und jetzt. Jeder kann weitere Schritte gehen. Und er wird auf seinem Weg in der Regel darauf angewiesen sein, weitere Methoden und Wege des Yoga zu verwenden.

evidero   Welche der bekannten Yogaschulen kommt dem Ursprung des indischen Yoga am nächsten?

Yogis in Savasana (Totenstellung) an den heiligen Ghats von Varanasi Yogis in Savasana (Totenstellung) an den heiligen Ghats von Varanasi © Coni Hörler

Es gibt nicht ‘den einzigen’ Ursprung des indischen Yoga. Und traditionell spielt das körperbetonte Yoga ohnehin keine große Rolle. Was man analysieren kann sind Abstammungslinien, zum Beispiel war Krishnamacharya der Guru von Patthabi Jois (Begründer des ‘Ashtanga Yoga im Mysore Stil’) und B.K.S. Iyengar (Begründer des ‘Iyengar Yoga’).

Im Anusara Yoga finden sich Elemente der exakten Ausrichtung von Iyengar, aber auch Elemente des Flow von Ashtanga und so weiter.

evidero   Yoga ist inzwischen sehr präsent in den sozialen Medien. Vor allem Fotos der teils sehr akrobatischen Yoga Körperhaltungen werden gerne auf Facebook und über Instagram geteilt. Yogis werden so zu Internetstars. Was halten Sie davon?

Yoga ist ein Weg nach innen und eine Beschäftigung mit dem Geist. Also kann man Yoga nicht wirklich mit Bildern darstellen. Aus meinem persönlichen Gefühl sind etwa 50% der traditionellen indischen Yogis sehr unhappy mit diesem Umgang unter dem Namen ‘Yoga’, denn sie sagen “So wird Yoga falsch verstanden”.

Die anderen 50% sagen sich: Wie gut, dass Yoga so populär ist, so kommen viele Menschen in Kontakt mit den Lehren des Yoga. Nicht wenige Yogameister sehen auch beide Aspekte gleichzeitig.

Yoga und Spiritualität – Ist Yoga eine Ersatzreligion?

evidero   Gleichzeitig wird auch im Westen die spirituelle Dimension des Yoga vermittelt. Yogis bauen sich zu Hause einen Altar mit Götterstatuen, Malas (Gebetsketten) und Kerzen. Glauben Sie, dass Yoga zu einer Art Religionsersatz geworden ist?

Lakshmi Dhanaraj vor einem Wandbild des Hindugottes Ganesha Lakshmi Dhanaraj vor einem Wandbild des Hindugottes Ganesha © Coni Hörler

Es gibt in Teilen der Linien eine Vermischung von Yoga und Religion, richtig. Diese liegt aber nicht im Wesen des Yoga. Hierzu erklärte uns auf unserer Reise eine Swamini der Bihar School of Yoga:

„Du musst nicht religiös sein, um Yoga zu praktizieren, nicht einmal ansatzweise, denn Yoga ist eine Wissenschaft von Körper, Geist und Seele. Yoga wurde von den Rishis („Weise“ in Indien) als Wissenschaft erkundet, aber wenn ich Wissenschaft sage, dann meine ich natürlich nicht Physik und Chemie. Es ist die der nach innen gehenden Selbsterkenntnis der verschiedenen inneren Ebenen. Und genau deshalb, weil es nach innen geht, musst du nicht religiös sein und keinen bestimmten Gott anbeten, um Yoga praktizieren zu können. Und das ist es, denke ich, was es so attraktiv macht für Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund.”

evidero   Kann Yoga denn eine Antwort auf unsere zutiefst menschlichen Fragen nach Sinn, Erfüllung und Glück geben?

Ja, das kann Yoga und das ist sogar das Wesen des Yoga. Ob wir im Westen dagegen einfach diesen Weg des Yoga adaptieren können, das ist eine ganz andere Frage. Manchmal habe ich den Eindruck, unsere westliche Konditionierung gibt andere Antworten auf die Fragen nach Sinn, Erfüllung und Glück. Und man kann nicht einfach das Gewand wechseln, das löst Konflikte aus.

evidero   Was glauben Sie, wohin wird sich Yoga in den nächsten Jahren noch entwickeln?

Yoga ist eine Forschung an Körper und Geist. Wir haben viele traditionelle Techniken – und gleichzeitig forschen viele Meister. Meenakshi Devi Bhavanani sagt dazu im Buch über den jüngst verstorbenen Meister Iyengar:

BKS Iyengar (1918-2014) war ein Pionier, was den vielfältigen Einsatz des Körpers angeht. Er begann, mit verschiedenen Grundpositionen zu experimentieren und eine große Zahl von Asanas zusammenzustellen. In seinem Buch „Licht auf Yoga” präsentierte er mehrere hundert Asanas. Das war nie ein Bestandteil traditioneller Spiritualität. Es gab Sitzpositionen, Tapasya-Posen, vielleicht noch einige mehr, oder Positionen aus verschiedenen Strömungen, aus unterschiedlichsten kriegerischen, akrobatischen, gymnastischen Traditionen. Iyengar war es, der zum ersten Mal diesen vielfältigen Körpereinsatz mit Bildern in einem Werk zusammenfasste.”

Wir sehen also, wie jung eigentlich das ist, was wir heute im Westen als Yoga ansehen. Veränderung passiert jeden Tag – und für uns im Westen geht es beim Thema Entwicklung und Veränderung doch zentral um die Anpassung und Interpretation der traditionellen Lehren an das, was mit unserem Lifestyle kompatibel ist.

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Experte: Otto Stricker
Otto Stricker betreibt seit 2010 mehrere Webseiten zu Yoga und Ayurveda. Er ist Autor zweier Bücher zum Thema ‘Yoga in Indien’.

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