Über das Wesen der Elternschaft: Eltern bleibt man immer, auch nach einer Trennung

Wie wir mit der schmerzhaften Erfahrung einer Trennung als Elternpaar umgehen können.
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von maaS Magazin
Eltern nach der Trennung

Wenn ein Liebespaar sich dazu entschließt, Kinder zu bekommen, dann ist diese Entscheidung eine grundlegende: Das Liebespaar wird zum Elternpaar. Zum Wesen der Elternschaft gehört, dass wir sie nie mehr loswerden, wogegen die Liebe sich häufig als flüchtig erweist.

Eltern bleibt man immer, auch wenn wir den ehemaligen Partner manchmal am liebsten gar nicht mehr sehen würden. Im Falle einer Trennung leiden darunter meist alle Beteiligten. Die eigenen Ansprüche an die eigene Rolle, das Eingeständnis des Scheitern, all die einstigen Wünsche, die mit einer Liebesbeziehung und einer Familiengründung einhergegangen sind.

Und trotz des eigenen Leids gilt es vor allem das Kind vor Leid zu schützen und zu neuem Vertrauen in seine getrennt lebenden Eltern zu führen. Wie das gelingen kann, zeigt der Erfahrungsbericht der Philosophin und Coach/in Lea-Johanna Borkenstein.

Elternschaft und Trennung

Ich war 23 und mitten im Studium, als mein Lebenstraum einer heilen Familie wie eine Seifenblase zerplatzte. Da stand ich nun, mutterseelenallein, mit einem bald einjährigen Kind, fernab der Heimat. Die seelischen Schmerzen, die die Auflösung der Liebesbeziehung und das Ende der Illusion in mir verursachten, waren das Eine, das es galt zu verdauen.

Das Andere war die klare Gewissheit in mir, dass die Elternschaft von der Trennung zwar berührt wird, jedoch weiterhin Bestand hat – und haben wird.

Für mich bedeutete es eine große Herausforderung, zum einen eine glückliche Mutter zu sein (die ich trotz allem wirklich war!) und unter den neuen Umständen für mein Kind bestmöglich da zu sein, während ich gleichzeitig mitten im inneren Nichts voller schmerzhafter Gefühle nicht wusste, wohin mit mir.

Die Rolle des Vaters nach der Trennung einer Ehe

Da die ersten 16 Jahre meines Lebens meinem Vater als Vollzeitvater von 4 Kindern und Hausmann die Erziehungsaufgaben zu einem überwiegenden Teil zukamen, wusste ich, wie wichtig auch die Rolle des Vaters als verlässliche Bezugsperson des Kindes ist.

Dieses Bewusstsein brachte mich dazu, mir umgehend nach der Trennung einen fähigen professionellen Begleiter zu suchen, der mir durch Gespräche und Perspektivwechsel seelische Entlastung verschaffte.

Bei ihm durfte ich weinen, fluchen, loslassen, schimpfen, alles ungerecht und blöd finden – und das tat sooooo gut! Insbesondere gelang es mir mit dieser frühen Unterstützung, die Entwicklung der Vater-Kind-Beziehung nicht zu stören, was ohne diese durch all die verletzten Gefühle, die Ohnmacht und die tiefe Trauer über das Ende dieser Familie wirklich keine leichte Aufgabe ist – und dennoch so wichtig!

Es dauerte noch eine Weile bis ich erkannte: Trennung ist die Geburt von etwas Neuem

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Gemeinsame Elternschaft bleibt trotz Trennung

Nachdem ich die dunkle Talsohle durchschritten hatte, konnte der Weg für mich nun wieder Richtung Licht gehen. Ich fragte mich: Wie kann es Menschen, einem ehemaligen Liebespaar, mit all den offenen Wunden nach gegenseitigen Verletzungen gelingen, einen guten gemeinsamen Weg als Eltern ihrer Kinder zu finden?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieser gemeinsame Weg nur ein lichtvoller sein und werden kann, wenn jeder Mensch für sich, seine Verletzungen, seine Gefühle und seine Wahrheit bereit ist, die vollständige Verantwortung zu übernehmen.

Trennung ist ein langer Prozess

Biographische Fragen tauchten in diesem Prozess in mir auf: Wie wurde ich, wie ich jetzt bin? Welche Muster habe ich unreflektiert aus meiner Kindheit übernommen? Mich spüren bedeutet: Mir auf die Spur kommen. Dies war oft auch schmerzhaft, schaffte über dies jedoch auch den Raum einer größeren Nähe zu mir selbst. Dieser Prozess ermöglichte es mir, meinem eigene n Geheimnis zu lauschen, dem Mysterium Ich näher zu kommen.

Ich hatte schnell erkannt, dass Projektionen des Bösen auf den ehemals geliebten Partner „Jetzt machst du wieder, dass ich mich scheiße verhalte!“, „Du bist an allem schuld!“, „Wenn du nicht …, dann würde ich nicht so reagieren!“ und der unreflektierte Umgang mit unerfüllten Erwartungen schnurstracks ins Unglück führen. Diese Projektionen können wahre Teufelskreise in Gang setzen und die bereits vorhandenen Verstrickungen verfestigen und wie Schlingen fester um den Hals ziehen.

Der Liebespartner wird zum Elternpartner

Der wichtigste Schritt in Richtung Zukunft ist es, ja zum Leben zu sagen, so wie es sich jetzt zeigt. Und ja zu mir, so wie ich jetzt bin. Und ja zu dir, so wie du jetzt bist. Jenseits von Projektionen, Illusionen und Schuldzuweisungen. Ein Hinnehmen und Annehmen. Ein Hinwenden zu dem, was ich erschaffen und wofür ich die Verantwortung tragen möchte.

Statt an der unbewussten Erschaffung der bisherigen Teufelskreise wirke ich durch mein Denken, Fühlen, Handeln und Kommunizieren an einer Segensspirale mit, die mich, meinen ehemaligen Liebes- und für immer Elternpartner und insbesondere unsere Kinder aus der Vergangenheit durch eine immer heller und klarer werdende Gegenwart in eine vielleicht golden strahlende, vielleicht auch einfach in eine gute, anders-gemeinsame Zukunft trägt.

Vertrauen des Kindes zu den Eltern schaffen

Bei wem wird unser Kind leben? Seit der Trennung vor 10 Jahren – mein erster Sohn wird 11 – habe ich mich damit auseinandergesetzt, dass er irgendwann vielleicht den Wunsch haben wird, bei seinem Vater zu wohnen. Zu Beginn fühlte sich diese Möglichkeit für mich wie sterben an.

Doch im Laufe der Zeit, beschleunigt durch verschiedene Reflexionsprozesse, veränderte sich meine Perspektive immer mehr. Ich gewann die Einsicht, dass mein Sohn, unser Kind, auch bei meinem Expartner, seinem Vater, gut ins Leben begleitet werden würde.

Als die Frage des möglichen Wohnortwechsels im Alter von 9 Jahren bei meinem Sohn tatsächlich aufkam, suchte ich mit seinem Vater das Gespräch. Ich fragte ihn, ob er die Betreuung und Begleitung unseres Sohnes gewährleisten könne und würde. Da er dies bejahte, hatte unser gemeinsamer Sohn tatsächlich die freie Wahl. Um Loyalitätskonflikten vorzubeugen, ließ ich ihn mithilfe eines professionellen Coaches selbst herausfinden, wo er seinen Lebensmittelpunkt nach dem Schulwechsel zur weiterführenden Schule haben möchte.

Dieser ergebnisoffene Prozess hat unsere gemeinsame Elternschaft und das Vertrauen unseres Sohnes in uns als seine Eltern gestärkt. Gleichzeitig hat unser Sohn gespürt und erfahren, dass wir beide als seine Eltern ihn ernst nehmen und seine Wünsche hören und respektieren.

Tipps für Eltern nach der Trennung

Do´s

  • Professionelle Unterstützung durch einen Coach oder Therapeuten in Anspruch nehmen
  • negative Projektionen auf den Expartner in Aufforderung zum Wachsen und zur Selbstreflexion weiterentwickeln
  • Es gut sein lassen, auch wenn es schlecht war
  • immer wieder einen neuen (Gesprächs-)Anfang machen: Ich-Botschaften statt Du-Botschaften
  • Gut für sich sorgen: Selbstwertstärkung aktive Selbstfürsorge (Dinge tun, die mir guttun)

Dont`s

  • Sich in Anwesenheit des Kindes/der Kinder schlecht über den Expartner äußern Kinder geraten dadurch in einen Loyalitätskonflikt und sind der Gefahr des Partnerersatzes ausgesetzt
  • Sich selbst oder dem Expartner allein die „Schuld“ für das Scheitern (oder Ende?) der Liebesbeziehung geben
  • Alle Konzentration und Energie auf das, was nicht mehr ist, lenken  – Fokus auf die „Säulen“, die jetzt noch tragen: Freundschaften, Beruf, Wachstum der Kinder, …
Die Autorin dieses Artikels ist Lea-Johanna Borkenstein. Sie ist Philosophin, Coach, Autorin. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und fünf Kindern in einer bunten Patchwork Familie.
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Autoren: maaS Magazin
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