Vernichtete Wegwerfmode: Warum verbrennt H&M seine Ware?

Was sich nicht verkaufen lässt, das landet auf der Müllkippe. Ein Phänomen, das wir von Amazon und Lebensmittelunternehmen kennen, scheint auch in der Fast-Fashion-Industrie Anklang zu finden.
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von Esther Hilger
Auch neue Kleidung wird manchmal verbranntPhoto by Petter Rudwall on Unsplash

Die schwedische Fashion-Kette H&M machte 2018 Negativ-Schlagzeilen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machten darauf aufmerksam, dass H&M seine Ware verbrennt.

Vor nicht allzulanger Zeit berichteten wir über Amazons Umgang mit Retouren. Statt diese wieder in Umlauf zu bringen, um sie zu verkaufen, wurden tonnenweise Produkte vernichtet. Ähnliches macht H&M nun mit Kleidungsstücken, um Lagerkosten einzusparen.

Verbrannt wird laut Frontal 21 Ware, die sich nicht verkaufen lässt. H&M ist ein Fast-Fashion-Unternehmen. Das heißt, das Sortiment ändert sich ständig. Die Kleidung wird nicht etwa pro Jahreszeit ausgewechselt, sondern nach Trends.

Laut Greenpeace ändert sich beim Konkurrenten Zara alle elf Tage das Angebot. Entsprechend werden auch alle elf Tage Kleidungsstücke aus den Geschäften genommen. Zwar sind diese dann häufig noch Online erhältlich, allerdings kann auch das Online-Angebot nicht bis ins Unendliche weitergeführt werden.

Welche Produkte werden bei H&M vernichtet?

Diese permanente Überproduktion führt dazu, dass extrem viele Produkte gelagert werden müssen. Zeigt sich, dass diese Ware womöglich gar nicht mehr verkauft wird oder eine längerfristige Lagerung sich finanziell nicht rechnet, greift H&M scheinbar zu einer erschreckenden Lösung: die Ware wird verbrannt.

H&M streitet diese Vorwürfe ab. Wenn Kleidungsstücke verbrannt wurden, dann nur gesundheitsgefährdende Ware, zum Beispiel durch Schimmelbefall. Laut Frontal 21 wurde vielfach die Vernichtung von Ware anberaumt, die laut H&M-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern allerdings in fehlerfreiem Zustand war. Zahlen zu verbrannter minderwertiger Ware gibt der Bekleidungshersteller auch nicht preis.

Welche Alternativen zur Verbrennung der H&M-Ware wären möglich?

Auf der Hand liegt, dass eine solche Überproduktion, der kaum Grenzen gesetzt sind, zu Problemen führt. Die Wegwerfmentalität und kurzlebige Trends machen es möglich, dass ständige Sortimentswechsel akzeptiert werden. “Kein Kunde möchte Fashion in der nächsten oder übernächsten Saison noch im Store sehen, auch nicht Online” (Prof. Christiane Beyerhaus).

Den Kauf attraktiver zu machen, indem die Kosten für einzelne Kleidungsstücke gesenkt werden, verkauft letztlich auch nicht jedes Kleidungsstück. Aktuell findet man online allein in der Rubrik SALE knapp 7000 Produkte, die es wiederum in unterschiedlicher Auflage und Größen gibt.

Kleidungsstücke spenden

Wenn ein Großunternehmen wie H&M Sachspenden spendet, dann aus Prestigegründen, nicht für einen nachhaltigen Umgang mit Waren. Das Problem: die Umsatzsteuer.

Auf alle Sachspenden kommen in Deutschland 19 Prozent Umsatzsteuer hinzu. Sprich, spendet H&M Kleidungsstücke im Wert von 2.000 Euro an eine Flüchtlingsunterkunft, würden 380€ Steuern hinzukommen. Für H&M finanziell unattraktiv. Günstiger scheint es, die Ware zu verbrennen.

Ist die Lösung nun die Steuer auf Sachspenden wegfallen zu lassen? Schläft der Staat in Sachen Umsatzsteuer? Ohne Umsatzsteuer würden die Unternehmen nicht automatisch mehr spenden. Denn Produkte unentgeltlich abzugeben würde im Grunde einen zweiten Markt eröffnen. Einen Markt, in dem kein Geld fließt – weder Umsatz für Unternehmen, noch Steuereinkünfte für den Staat. Ein zweiter Markt wäre also für die Wirtschaft aus Effizienzperspektive unattraktiv.

Warenproduktion drosseln

Alternativ könnte H&M weniger Ware produzieren. Je weniger produziert wird, desto weniger Ware muss gelagert werden und Lagerungskosten können eingespart werden. Allerdings baut das Konzept der Fast-Fashion-Industrie auf übermäßigem Konsum auf. Eingespart wird in der Textilindustrie vor allem durch Produktion in Billiglohnländern.

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass H&M, seit deutlich wurde, dass der Verkauf rapide sinkt (laut Spiegel.de sank der Umsatz 2017 um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr; der Kurs der H&M Aktie ist zwischen 2015 und 2017 um fast 70 Prozent gefallen), auch weniger Kleidung produziert – neues Sortiment gibt es trotzdem ständig.

Pseudo-Recycling bei H&M

Im Zuge dieser Berichterstattung wurde auch darauf aufmerksam gemacht, dass H&M mit einer Recycling-Aktion womöglich die Verbraucherinnen und Verbraucher täuscht. Um ihr Image aufzupolieren wirbt der Textilhersteller damit, getragene Kleidung anzunehmen und diese zu recyceln.

Tatsächlich aber werden aus der bunten Mischung aus Baumwolle, Polyester und Co. bloß Putzlappen und Dämmstoff herstellt und Energie gewonnen, statt wie versprochen neue Kleidung zu produzieren.Tonnenweise Dämmstoff und wieder verbrannte Kleidung – ist das wirklich umweltfreundlich?

H&M versucht es mit Greenwashing

Nun wissen wir dank Investigativ-Journalismus, dass es sich bei H&M um reines Greenwashing handelt. Im Fall H&M hat sich ein geschicktes PR-Team überlegt, mit welcher Methode sie dem Unternehmen ein grüneres, umweltfreundliches und nachhaltiges Image verpassen können und die Recycling-Aktion gestartet. Da dieses Image scheinbar reine Fassade ist, spricht man von Greenwashing.

In der Vergangenheit hat beispielsweise auch McDonalds versucht, sich mit dem Bio-Burger ein grüneres Image zuzulegen.

Den Versuch das Image zu verbessern kennen wir von H&M auch schon aus der Vergangenheit. In diesem Artikel berichtet unsere Autorin Annette Bonse von der H&M Conscious Collection und klärt die Frage, wie nachhaltig diese Kollektion wirklich ist

Was sind die Konsequenzen für Verbraucherinnen und Verbraucher?

Hinterfragen, recherchieren und verzichten. Was nicht profitabel ist, wird von Fast-Fashion-Unternehmen und anderen Großunternehmen vermieden. Entsprechend sollte man bei Nachhaltigkeitsversprechen genau hingucken. Solche Verbrauchertäuschungen werden glücklicherweise häufig aufgedeckt.

Für Käuferinnen und Käufer heißt es in diesem Moment: recherchieren und hinterfragen. Im Anschluss bleibt die Frage: verzichten, Alternativen finden oder trotzdem kaufen? Diese Frage muss jeder für sich selbst klären.

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Autorin_Esther_Hilger
Esther, 1993 in Köln geboren, studiert Sozialwissenschaften und irgendwas mit Medien an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
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