Schluss machen durch Ghosting: Wenn der geliebte Mensch zum Geist wird

Eine Beziehung zu beenden ohne ein klärendes Gespräch kann traumatisch sein. Das sogenannte Ghosting, sich einfach nicht mehr melden, ist für viele der Weg des geringsten Widerstandes. Die Folgen sind für beide Partner tiefgreifend.
Yvette Pichlkostner
von Yvette Pichlkostner-Nowak
Frau auf Schaukel vermisst ihren Freund, der per Ghosting Schluss gemacht hat© Antonioguillem - Fotolia.com

Schluss machen – das ist eine schwierige Sache, die Angst machen kann. Leider gibt es nur wenige Forschungen dazu, wie Menschen Beziehungen beenden und ob sich das Verhalten mit der Zeit ändert. Dabei wäre eine Bestandsaufnahme zu einer Art „Schlussmachkultur“ – und wie sie sich auf Menschen auswirkt – sicher interessant. Vor allem vor dem Hintergrund einer immer häufiger diskutierten Methode: dem Ghosting.

Was Sean Penn im Sommer 2015 genau falsch gemacht hat, wissen wir nicht, aber Charlize Theron stahl sich ohne Vorwarnung aus seinem Leben – trotz Liebe, Ehe und allem. Kein Lebenszeichen sendete sie je wieder in seine Richtung, so berichten die Klatschblätter.

Häufiger erfahren wir von Menschen, denen es nach einem Date und zwei, drei Folgetreffen so geht: Die Nummer ist nicht mehr erreichbar, der Facebook-Kontakt blockiert, Mails oder Sprachnachrichten laufen ins Leere – die neue Liebe wird plötzlich zum Geist. Und meist liest man auch nicht in der Regenbogenpresse von ihr. Sie ist einfach weg.

Wenn das Beziehungsende wie aus dem Nichts kommt

Viele schreiben das den modernen Kommunikationsmitteln zu. Schließlich sei Schluss machen per SMS heute auch weit verbreitet. Aber so einfach ist es nicht, denn die Gründe liegen in der menschlichen Seele. Eine Klientin, nennen wir sie Sarah, berichtete mir von einem Kollegen, den wir Gerd nennen wollen. Zwischen ihnen bestand erst freundlich-kollegialer, dann vertraulicher Kontakt – und irgendwann kam es über sie und eine leidenschaftliche Affäre begann.

Nach Monaten stellte Gerd die Kommunikation ohne Vorwarnung ein. Es hatte keine Warnung gegeben, keinen Streit, nicht einmal eine Verstimmung. Sarah realisierte erst nach Tagen, dass er die Beziehung beendet hatte. Sie erlitt eine so tiefe psychische Verletzung, dass sie ihr normales Leben nicht mehr weiterführen konnte. Sie ertrug ihre ganze Umwelt nicht mehr und wechselte Job und Wohnort.

Schluss machen ohne Aussprache ist traumatisch

Ghosting ist vielleicht die asymmetrischste Art, eine Beziehung zu beenden. Sarah wurde nicht nur um die klärende Aussprache gebracht, sondern sogar um den Moment der Erkenntnis. Selbst die Gewissheit, dass es überhaupt vorbei war, musste sie sich erst mühsam erarbeiten.

Abschließen kann man so nur sehr schwer, häufig behindern heftige Scham und Minderwertigkeitsgefühle eine gesunde Trauer um den Verlust des geliebten Menschen. Die Bewältigung des Traumas kann sich über Jahre hinziehen.

Der Täter beim Ghosting ist meist der Schwächere

Was Sarah nicht bewusst war: Sie war gar nicht die Schwächere in der Beziehung. Gerd hatte sich mit seiner Frau versöhnt und tat sich schwer, ihr diese Wahrheit zu sagen. Unsichere Menschen wollen sich oft schützen: vor der heftigen Reaktion des Partners, vor eigenem Einlenken in die andere Richtung, vor Verwirrtheit ob der eigenen Gefühlslage, vor Bindungen überhaupt.

Sie weichen Unangenehmem aus und halten Ghosting für den Weg des geringsten Widerstands, vielleicht sogar für „humaner“ als ein Ende in Streit, Geschrei und Türenknallen.

Verlassen oder verlassen werden: Ohne Aussprache gibt es keinen inneren Frieden

In Wahrheit ist Ghosting nahezu das Schlimmste, was man dem anderen psychisch antun kann – und manchmal auch sich selbst. Denn Beziehungen bestehen im Kopf weiter und das eigene, konfliktscheue Verhalten führt bei vielen zu permanent schlechtem Gewissen und einem quälenden Gefühl der eigenen Feigheit, Unzulänglichkeit oder Schändlichkeit. Denn auch man selbst hat sich um Klärung betrogen.

Verarbeitung des Traumas statt Verdrängung

Sarah erfuhr das durch schieren Zufall. Weil sie in einer kleinen Branche arbeitet, wechselte auch Gerd später zufällig in ihr neues Unternehmen. Sie konnten sich nicht aus dem Weg gehen, erst recht nicht, weil sie den ersten Schreibtisch hinter der Tür belegte und ein Vorbeihuschen absurde Verrenkungen erforderte. Irgendwann hob Sarah die Hand zum Gruß – und Gerd lief sichtlich erleichtert auf sie zu, um sich auszusprechen.

Es war Sarah einerseits eine Genugtuung, ihn als Büßer zu sehen. Andererseits tat er ihr Leid, denn sie hatte zwischenzeitlich mit der Sache abgeschlossen, er offenbar nicht. Es war ohnehin nicht mehr wichtig für sie. Sie war wieder in guten Händen und ist es heute noch.

Bist du von Ghosting betroffen? Diese Tipps können deiner Psyche helfen:

  1. Stelle alle Versuche ein, den Kontakt zum Partner aufzunehmen.
  2. Trauere. Gerne laut, lange und hemmungslos durch alle Phasen. Das heilt.
  3. Gehe aufrecht. Du bist nicht das Problem, sondern der Partner hatte eins mit sich selbst.
  4. Tröste dich. Täter leiden unter ihrer Tat anders, aber oft nicht weniger als die Opfer.
  5. Sei gut zu dir. Gönne dir etwas, sei nachgiebig zu dir selbst. Das tut gut.

Yvette Pichlkostner
Yvette Pichlkostner, Heilpraktikerin (Psychotherapie), ist Expertin für Trennung und Abschied. Seit 2000 in ihrer Kölner Praxis tätig, berät, coacht und therapiert sie Menschen in Hinblick auf wiederkehrende Lebensthemen und schwierige Lebensphasen.

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