Neue berufliche Identität: Berufliches Scheitern kann ein Tor zur Wandlung sein

Berufliches Scheitern ist hart und schmerzhaft, aber kann es auch genau das sein, was du gebraucht hast? Unsere Expertin Nicole Lindner hat sich genauer mit dem Thema beschäftigt.
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von Nicole Lindner
Frau versteckt ihr Gesicht hinter einem BlattUnsplash

Auf meinem Blog begegnen mir viele feinfühlige Menschen, die das Gefühl haben, in beruflicher Hinsicht gescheitert zu sein. Oft mischt sich in dieses Gefühl Verbitterung, Angst und das Empfinden, für unsere leistungsbetonte Gesellschaft nicht passend zu sein. Dabei bringen zurückhaltende Menschen ebenso wie andere ihr Soll in die Arbeitswelt ein – nur brauchen sie dafür entsprechende Rahmenbedingungen.

Das Gefühl des beruflichen Scheiterns kann ein sehr Belastendes sein, jedoch auch eine Wandlung zu etwas ungeahnt Neuem. Was Scheitern dir bringen kann, möchte ich dir heute berichten.

Scheitern ist schmerzhaft

Scheitern ist – auf den ersten Blick gesehen – nicht schön, das gebe ich zu. Es schmerzt, desillusioniert und erfordert ein hohes Maß an Kraft. Genauso stellt es das eigene Selbstbild in Frage, also das, worüber wir Menschen uns so häufig definieren. Von außen betrachtet hat jemand, der scheitert, sein Ziel nicht erreicht. Er hat es nicht geschafft, ist vielleicht entmutigt auf halber Strecke zurückgeblieben.

Darüber hinaus ist es so:

Die Gesellschaft mag keine Gescheiterten, sie liebt Gewinner

Subjektiv gesehen wird sich der Gescheiterte also leer fühlen, als Versager. Womöglich hat er alles gegeben, gereicht hat es trotzdem nicht.

Der erste Impuls wird sein, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen und die eigenen Wunden zu lecken. Ruhe finden, Auszeiten schaffen, gesund werden – so manche tun das unter professioneller Anleitung in einer Klinik. Dieser zurückgezogene Raum (sei es in einer Klinik oder einer Phase der beruflichen Auszeit) ist ein ungeahnt wichtiger. Er ordnet die Dinge neu, schafft Raum für Bewusstsein. Für Fragen wie „Was kann und will ich eigentlich?“ oder „Wozu bin ich gut?”.

Scheitern kann ein Anfang sein

Heute möchte ich dich dazu einladen, dein Scheitern nicht als Scheitern sondern als möglichen Anfang für eine neue berufliche Identität zu sehen. Neutral gesagt wurde etwas (in welcher Form auch immer) beendet, das nicht zu dir passte. Das verschafft dir die Chance, dich selbst unter einem neuen Blickwinkel wahrzunehmen und zu schauen, was da in dir schlummert und gesehen werden will.

Verzichte bitte darauf, dich selbst abzuwerten (eine häufige Reaktion auf einen beruflichen Misserfolg). Mache dir stattdessen lieber klar:

Du bist ein wertvoller Mensch, auch ohne deine Arbeit.
Du bist ein wertvoller Mensch, auch ohne beruflichen Erfolg.

Dein Wert bemisst sich aus dem Dasein als Mensch und aus nichts anderem. Vielleicht kennst du ja Menschen, die du als wertvoll erachtest – völlig ungeachtet davon, was sie beruflich tun oder nicht tun. Könnte das nicht genauso auf dich zutreffen?

Nochmal:

Du musst nichts erreichen, um wertvoll zu sein.
Du musst sein.

Du bist wertvoll, so wie du bist und unabhängig davon, was du tust – das zu erkennen ist etwas sehr Machtvolles. Doch was bringt dir dann das Scheitern?

Berufliches Scheitern führt dich zu dir selbst

Bei einem beruflichen Scheitern erfährst du sehr viel über dich selbst. Du erkennst, was du leisten kannst und was nicht. Dabei werden dir deine Grenzen überdeutlich aufgezeigt, manchmal so intensiv, dass dein Körper und deine Psyche darunter leiden. Klar sind Grenzüberschreitungen hin und wieder mal drin, dauerhaft jedoch wird es dir wahrscheinlich nicht gut tun, dich selbst zu verleugnen. Du kämpfst dann gegen einen inneren Widerstand, der dich wie ein Schatten begleitet.

Wenn du so einen Widerstand in dir spürst, solltest du wachsam sein. Da gerade sensible Personen ein ausgeprägtes Reflexionsvermögen besitzen, ist es sinnvoll, dir an dieser Stelle Fragen wie diese zu stellen:

  • Lässt sich meine berufliche Tätigkeit mit meinen persönlichen Wertvorstellungen vereinbaren?
  • Entspricht das, was ich beruflich tue, meinem eigenen Herzenswunsch oder ist es eine von außen an mich herangetragene Norm, der ich entsprechen will?
  • Welche beruflichen Rahmenbedingungen brauche ich, um das Beste in mir hervorzubringen usw.?

Wenn du diese Fragen während einer beruflichen Krise für dich klärst, erfährst du sehr viel über dich und setzt einen Wegmarker in eine Richtung, die dir möglicherweise besser entspricht.

Kommen wir zum zweiten wichtigen Punkt der Selbsterkenntnis aus einem beruflichen Scheitern:

Berufliches Scheitern lässt dich lernen

Gibt es eine Schwierigkeit, an die du in beruflicher Hinsicht immer wieder stößt? Mir kommt es zum Beispiel häufig zu Ohren, dass feinfühlige Menschen nur schwer “Nein” sagen können. Auch ich kenne dieses Problem sehr gut. Es ist einfach so: Feinfühlige haben ein sehr großes Herz und möchten andere gerne unterstützen, gleichzeitig jedoch ist ihnen Harmonie wichtig und sie befürchten zwischenmenschliche Spannungen bei Ablehnung einer Bitte.

Lieber laden sie sich dann zusätzliche Arbeit auf, solange bis es nicht mehr geht und sie unter der Last zusammenbrechen. Was dann kommt, hilft leider niemanden: persönliche Krisen, Nervenzusammenbrüche, Krankschreibung und womöglich eine Kündigung.

Manche projizieren diese Probleme auf eine einzige Arbeitsstelle, stellen dann bei einem Wechsel aber verwundert fest, dass es bei der nächsten genauso ist. Ein naheliegender Grund für dieses Phänomen könnte dieser sein:

Du nimmst dich immer mit, egal wohin du gehst.

Das heißt, wenn du an einer Arbeitsstelle nicht “Nein” sagen kannst, wirst du bei der nächsten das gleiche Problem haben – außer, du lernst aus der vorangegangen Erfahrung und eignest dir Denk- und Verhaltensweisen an, die gesünder für alle Beteiligten sind.

So könntest du zum Beispiel nicht jeder Bitte sofort entsprechen, sondern zunächst hinterfragen, ob du sie auch wirklich erfüllen kannst (und willst!). Erbitte dir Bedenkzeit, wäge ab. Und solltest du das an dich Herangetragene nicht wollen, eigne dir Strategien an, wie du es wertneutral ablehnst. Ein paar nützliche Anregungen hierzu findest du in meinem Blogartikel „Ein Ratschlag an Menschen, die nicht Nein sagen können – von einer Jasagerin“ (siehe unten).

Das führt uns zum dritten positiven Effekt eines beruflichen Scheiterns:

Berufliches Scheitern eröffnet dir neue Chancen

In vielen Fällen führt ein berufliches Scheitern und das Hinterfragen der eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu einer neuen beruflichen Existenz, die viel besser zum eigenen sensiblen Wesen passt.

Sehr schön zu erkennen ist das am Beispiel einer meiner Blogleserinnen. Sie war beruflich sehr erfolgreich bis sie eines Tages feststellen musste, dass sie bei dem was sie tat, einfach keine Freude mehr empfand. Jahrelang quälte sie sich trotzdem jeden Tag zur Arbeit, bis eine Depression sie schließlich in eine unfreiwillige Zwangspause katapultierte.

Während dieser Krise ging sie sehr intensiv in sich und hinterfragte ihr bisheriges Leben. Dabei stellte sie fest, dass sie eigentlich immer nur die Ansprüche der anderen erfüllt und das Wahrnehmen ihrer eigenen Wünsche gänzlich verloren hatte.

Am Ende kehrte sie zwar zu ihrem alten Arbeitgeber zurück, eignete sich jedoch Stück für Stück Fertigkeiten an, die ihr eine neue berufliche Aufgabe innerhalb des Unternehmens ermöglichten. Heute ist sie wieder gesund und mehr als dankbar für diese Krise, denn nur sie eröffnete ihr einen Wandel ihres belasteten Berufsdaseins.

Berufliches Scheitern – gut oder schlecht?

Ja, ich gebe es zu, trotz all dieser wohlklingenden Worte: Berufliches Scheitern ist hart. Es führt dich an die Grenzen deiner Leistungsfähigkeit und lässt dich (zunächst!) mutlos und desillusioniert zurück.

Trotz all dieser Misere ist es jedoch auch eine großartige Chance, die Zwangsjacke der gesellschaftlichen Vorstellungen abzulegen und zu erkunden, ob darunter nicht noch etwas ist, was in Zukunft besser zu dir passt.

Möglicherweise in Gestalt einer ganz neuen beruflichen Tätigkeit (in der du zum Beispiel eine Weiterbildung in deinem Wunschbereich absolvierst), eines anderen Arbeitgebers (der dich zum Beispiel als Mensch mit Stärken und Schwächen wahrnimmt und nicht nur als Leistungstier) oder in einer anderen Arbeitsform (in der du zum Beispiel selbständig arbeitest statt angestellt) und so weiter. Möglichkeiten und Optionen, die das berufliche Scheitern eröffnet, gibt es viele.

Deswegen mein Rat für alle Betroffenen: Ziehe dich zurück, erkenne deinen Wert, lege schädliche Denk- und Verhaltensweisen ab und starte nach einer Phase der Besinnung mit neuer Kraft voll durch. Du wirst Bauklötze staunen, was da noch alles in dir steckt!

Alles Gute, deine Nicole.

Der Blogartikel: “Ein Ratschlag an Menschen, die nicht Nein sagen können – von einer Jasagerin”

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Expertin: Nicole Lindner
Nicole Lindner ist Sozialpädagogin und betreibt eine Onlineplattform für feinfühlige Menschen.
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