Berufstätig und hochsensibel : Hochsensible – Mimosen in einer Gemeinschaft übermächtiger Grizzlybären?

Bist du zu zart besaitet? Eine Frage die viele Hochsensible quält. Besonders der Arbeitsalltag kann eine große Herausforderung darstellen. Unsere Expertin Sandra Tissot schreibt aus eigener Erfahrung.
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von Sandra Tissot
Hochsensibilität im BerufPhoto by Bethany Legg on Unsplash

Zu schnell, zu laut, zu sinnbefreit … Unsere Arbeitswelt wird von den Lauten dominiert. Wer am besten brüllt und am weitesten seine Ellenbogen ausfahren kann, der klettert die Karriereleiter schnell nach oben. Je dicker das Fell, desto weniger wird der Mensch verletzlich, umso erfolgsversprechender gestaltet sich sein Lebensweg. Gibt es hier überhaupt noch Raum für Hochsensibilität?

Was tun die 20 bis 25 Prozent der Hochsensiblen, die oft bereits in ihrer Kindheit als Mimosen bezeichnet wurden, mit dem freundlich versehenen Hinweis der Erwachsenen, sich doch endlich ein „dickeres Fell“ wachsen zu lassen?

Diejenigen feinfühligen Menschen, die sich oft auch lange nach der Pubertät in der Mitte ihres Lebens nach der Sinnhaftigkeit in ihrem Beruf fragen? Hochsensible die sich in ihrem vordefinierten Arbeitsumfeld eingesperrt, abhängig und fremdbestimmt fühlen und unternehmerische Fehlleistungen von Kollegen und Vorgesetzten ausbaden? Sinnlosen Arbeitsabläufen folgen und unbezahlte Überstunden machen? Deren feine Antennen unter all der Reizüberflutung kollabieren und ihnen das ständige Gefühl vermitteln, sich vollkommen verrannt zu haben?

Hochsensibilität und die Erkenntnis: das Leben ist endlich

Zunächst einmal heißt es für Hochsensible, die gerade an diesem Punkt der Sinnsuche angekommen sind, INNEHALTEN. Denn nur allzu oft sind viele kleine Aufgaben und Ärgernisse des Alltagstrotts der Grund dafür, dass sie das große Ganze aus den Augen verlieren. Der Wunsch nach Empathie ist groß, und die Suche danach bleibt oft unerfüllt.

Toxische Menschen in ihrem täglichen Umfeld, die unter anderem mit narzisstischen Zügen systematisch das Leben Hochsensibler vergiften, sollten genau hinterfragt werden. Nur so können Hochsensible erkennen, dass sie so viel mehr sind, als man ihnen gesagt hat.

Dabei hilft ihnen eine ganz einfache aber effektive Frage: Handelt es sich gerade um eine lebensbedrohliche Situation? In den meisten Fällen lässt sich diese Frage mit einem klaren Nein beantworten. Gefolgt von der Erkenntnis, dass sich Hochsensible oft viel zu sehr selbst quälen und selbst an ihren Fähigkeiten zweifeln. Genau dieses Bewusstsein führt zu einer weiteren Feststellung: das Leben ist endlich!

Tipp: Hinterfrage dein hochsensibles Naturell selbst. Vertröstest du im Job und im Privatleben häufig auf später, weil du scheinbar nie Zeit hast? Arbeitest du nur um der Arbeit willen und nicht mehr für dich selbst? Versinke nicht in endlosen Gedankenschleifen und Selbstmitleid! Es gibt nur einen einzigen Menschen, der diesen Kreislauf durchbrechen kann – du selbst.

Hochsensibles Naturell und der notwendige Ausgleich

Wer setzt eigentlich die hohen Erwartungen an Hochsensible? Bist du es am Ende nicht am häufigsten selbst, weil du glaubst, einer subjektiven Gesellschaftsnorm entsprechen zu müssen?
Fakt ist, ein hochsensibles Naturell wird immer anders ticken. Dies konnte mittlerweile übrigens sogar unter anderem von Bianca Acevedo und Jadzia Jagiellowicz durch diverse Verfahren belegt werden, die zeigen, dass bestimmte Gehirnareale von Hochsensiblen besonders aktiv sind unter anderem jene, die in Zusammenhang mit Aufmerksamkeit, Empathie, Handlungsplanung oder der Verarbeitung von Information stehen.

Du bist selbst für deine Befreiung verantwortlich

Einen Befreiungsschlag finden Hochsensible im passenden Ausgleich. Diesen kannst nur du selbst herbeiführen. Manchmal geht er mit einem Jobwechsel einher, der mehr flexible Arbeitszeiten, mehr Kreativität, Freiräume und Pausen zulässt.

Oft bedeutet für Hochsensible ein Befreiungsschlag aber auch eine einschneidende Veränderung der Lebenssituation, wie beispielsweise durch eine berufliche Selbstständigkeit. In der Hochsensible sich plötzlich frei entfalten können, ihrem Bedürfnis nach notwendigem Ausgleich nachgehen können … ihr ausgeprägtes Harmoniebedürfnis häufiger selbst stillen … oder ihre feinen Antennen in der Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern neu schärfen … Und plötzlich stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit in der Arbeitswelt immer seltener, weil die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben oft fließend werden und sich eine tiefe Lebensfreude einstellt.

Tipp: Das folgende Zitat von James Allen kann Hochsensiblen als eine Art Wegweiser dienen:

„Du bist heute, wo deine Gedanken dich hingebracht haben,
du wirst morgen dort sein, wo deine Gedanken dich hinbringen werden.“

Richte deinen Fokus auf etwas aus, führt der Gedanke daran dich systematisch genau an diese Stelle. Mit ihren feinen Antennen können Hochsensible sicher sein, dass sie ihrer Intuition vertrauen können und automatisch den passenden Weg gehen und so ihren individuellen Ausgleich finden. Nur eins müssen sie tun, den ersten, selbstbestimmten Schritt wagen …

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Expertin: Sandra Tissot
Sandra Tissot ist Expertin für Hochsensibilität und schreibt über ihren erfolgreichen Wechsel in die Selbstständigkeit.
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