Welche Partner passen zusammen: Gleich oder verschieden?

Paar-und Familientherapeut David Wilchfort gibt in der evidero-Beziehungsschule Tipps für eine zufriedene Partnerschaft. Dieses Mal: Gleich oder verschieden.
von David Wilchfort
Gleich oder verschieden in einer Beziehung?© Pixaby

Gleich und gleich gesellt sich gern, doch Gegensätze ziehen sich an. Was ist nun besser für eine dauerhafte Beziehung? evidero-Experte David Wilchfort ist Paar-und Familientherapeut und gibt Tipps, wie eine lange und zufriedene Partnerschaft funktionieren kann.

Wenn man sich kennenlernt und ineinander verliebt, braucht man nicht auf die Gemeinsamkeiten achten, denn das kommt ganz von selbst. Worauf man viel mehr achten sollte, wenn einem etwas an einer langfristig befriedigenden Beziehung liegt, ist die Frage: Kann ich mich in dieser Partnerschaft weiterentwickeln?

Dafür gibt es zwei Methoden: Viel streiten und gemeinsame Luftschlösser bauen. „Streiten“ bedeutet in diesem Fall, dass man Unterschiedlichkeiten nicht unter den Teppich kehrt. Es ist wichtiger, die Phase der Begeisterung füreinander zu nutzen, um zu einer für beide befriedigenden Lösung zu kommen. Wenn man in dieser Beziehungsphase nicht einübt, mit Unterschiedlichkeit umzugehen, verschiebt man die Klärung in eine Zeit, in der man mit härteren Bandagen um den „richtigen“ Weg kämpfen wird.

Gemeinsam in die Zukunft blicken und Luftschlösser bauen

Da, wo man sich einig ist, muss man auf die Suche gehen, wie man sich als Paar weiterentwickeln will. Was wollen wir beide noch erreichen? Was wollen wir aus unseren Gemeinsamkeiten machen? Welche Ziele wollen wir verfolgen? Bitte nicht missverstehen: Es geht nicht darum, einen Plan bis zur goldenen Hochzeit zu gestalten, sondern herauszufinden, wie gut man miteinander Pläne entwickeln kann.

Luftschlösser sind extra so luftig gebaut, damit man sie schnell den neuen Lebensbedingungen anpassen kann. Wie weit können wir uns gegenseitig darin ermutigen, noch etwas dazu zu lernen, zu dem, was wir beide eh schon gut beherrschen?

Wir freuen uns, wenn wir jemanden kennenlernen, der so ähnlich tickt wie wir selbst. Wir bekommen dadurch eine Bestätigung, dass unsere eigenen Eigenschaften „OK sind“. Wir sind aber auch fasziniert, dass jemand so ganz anders ist als wir.

Wir werden uns dadurch unserer eigenen speziellen Eigenschaften mehr bewusst. So wie wir durch Reisen das Besondere unserer eigenen Kultur besser erkennen können. Es ist also wahr, „Gleich und Gleich gesellt sich gern“, aber auch „Gegensätze ziehen sich an“. Es steckt jedoch ein unterschiedliches Bedürfnis hinter den beiden Regeln. Beim Ersten ist es die Bestätigung und im zweiten Fall ist es Faszination, die dahinter steht.

Streiten Sie! Streit in der Partnerschaft ist wichtig für die Beziehung

Ungleiche Paare haben mehr Streit, zumindest sollten sie auch mehr streiten. Nun muss man zwischen konstruktivem und destruktivem Streiten unterscheiden. Miteinander ringen, um „win-win“ Lösungen zu finden, ist konstruktiv. Streiten mit dem Ziel herauszufinden, wer mit seiner Art mehr „recht hat“, ist destruktiv. Es kommt also nicht auf das mehr oder weniger von Streit an, sondern nur auf das wie.

Wenn man sich zu ähnlich ist, kann es schnell langweilig werden, es muss aber nicht.  Es wird dann langweilig, wenn man die Einigkeit dazu nutzt, gemeinsam die Herausforderungen des Lebens zu vermeiden. In der Biologie befindet sich alles Lebendige in der Entwicklung. Für mich ist eine Beziehung wie ein organisches Wesen. Eine Beziehung, die sich an den Status quo klammert, wird schnell „tot langweilig“. Damit ist nicht gesagt, dass „ständig Action“ angesagt sein muss. Jeder Partnerschaft muss die passende Geschwindigkeit für ihre Entwicklung finden.

Egal, wie unterschiedlich oder ähnlich man ist, eine Beziehung muss gepflegt werden. So wie jede Pflanze einer unterschiedlichen Pflege bedarf, so muss sich jedes Paar um seine Beziehung bemühen. Ziel muss sein, das Beste aus der gewählten Konstellation herauszuholen.

Wichtig ist der gemeinsame Nenner

Auch wenn es merkwürdig klingt, die Definition von „gut zusammen passen“ ist nicht so eindeutig wie man oberflächlich betrachtet glaubt. Es gibt keine objektiven Kriterien für „gut“, sondern nur individuelle Wünsche. Während der eine sich in einer guten Beziehung erlebt, wenn es nie Streit gibt, findet das ein anderer schrecklich langweilig. Und wenn einer den Sex als höchste Priorität sieht, dann nimmt er gerne dafür in Kauf, dass jeder seine Hobbys verfolgt. Ein anderer erlebt sich in einer guten Beziehung, wenn er möglichst viel Zeit in seinem Oldtimer verbringen kann und seine Braut ihn als ständige Beifahrerin begleitet.

Deshalb ist meine Definition einer guten Beziehung: Je höher die Wohlfühlsumme beider Partner ist, desto besser ist die Beziehung oder sie haben es geschafft, sich füreinander passend zu machen. Es kommt also nicht darauf an, ob sie Dinge gemeinsam machen oder sich nur punktuell sehen. Es kommt nicht einmal darauf an, ob sie unterschiedliche oder gegensätzliche Ansichten haben. Das einzige Kriterium, das zählt, ist, wie oft sie beide das Gefühl haben: Schön, dass ich diesen Partner habe!

Haben Partnersuchprogramme die richtigen Kriterien?

Es gibt Untersuchungen, die vergleichen, was Menschen in Partnersuchprogrammen als Mindestvoraussetzung festgelegt hatten, und welche Kriterien der Partner erfüllte, den sie dann tatsächlich gewählt haben. Es wurden oftmals erstaunliche Unterschiede festgestellt. Daraus kann man schließen: Menschen sind oftmals überzeugt davon, was ihre Mindestübereinstimmung mit einem potenziellen Partner sein muss. Was ihre tatsächliche Wahl zeigt, ist jedoch, dass sie ganz andere Kriterien nutzen, als ihnen bewusst sind.

Im Gegensatz zu unserer heutigen Internetzeit gab es in den meisten Zeiten nur eine relativ kleine und in manchen Bergdörfern eine extrem kleine Auswahl von möglichen Partnern. Trotzdem haben Menschen immer wieder gefühlt, einen Partner gefunden zu haben, der „nur für sie geschaffen“ worden sei.

Deshalb glaube ich nicht, dass man objektive Kriterien für einen niedrigsten gemeinsamen Nenner finden kann. Am erfolgreichsten (nicht nur „längsten“) sind Beziehungen, die sich auf ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede einstellen. Je mehr man erwartet, dass der Partner so sei, wie man selbst, desto destruktiver wird man streiten. Und je mehr man sich mit dem Partner auf den Bereichen der Gemeinsamkeiten ausruht, desto langweiliger wird die Beziehung werden.

Andererseits: Je besser man sich im Klaren ist, wo man in seinen Erwartungen und Interessen auseinander liegt und wo man die gleichen Schwerpunkte hat, desto besser wird man damit umgehen. Wie gesagt: Über Unterschiede muss man lernen konstruktiv zu streiten und über Gemeinsamkeiten muss man versuchen, Wege der Weiterentwicklung zu finden.

David Wilchfort, Jahrgang 1946 ist Doktor der Medizin. Der Paar-und Familientherapeut ist Ausbildungsleiter für Verhaltenstherapie und Psychoanalyse. Seit 1973 betreibt er seine Praxis in München. Außerdem war er schon für zahlreiche Fach-und Laienmedien als Autor und Interviewpartner tätig.

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