Stress im Stau: So übersteht man einen Stau ohne Stress und Streit

Zu Beginn und zu Ende der großen Ferien sind die Autobahnen oft verstopft. Kilometerlange Staus trüben die Vorfreude auf den Urlaub. Nutzen Sie die Wartezeit!
Rolf Hess
von Rolf Hess
Kein Stress im Stau© Soloviova Liudmyla - Fotolia.com

Stau, Stress, Ärger und die nächsten zehn Kilometer kein Ende in Sicht. Müssen denn immer alle miteinander in die Ferien fahren? Das ist aber kein Grund zur Verzweiflung! Stress-Experte Rolf Hess weiß weiter, wie wir die Fahrt in den Urlaub – oder die Rückkehr – bewältigen können, ohne gestresster zu sein als vorher.

Endlich gepackt und bereit für die Fahrt in den Urlaub. Alleine die Fahrt von mehreren Stunden oder sogar Tagen bedeutet jedoch erhöhte Aufmerksamkeit. Der Stresslevel steigt erheblich und viele Hormone werden während der ganzen Fahrt vermehrt ausgeschüttet. Unsere Sinne reagieren empfindlicher. Da genügt ein durstiges Kind, das nach Wasser schreit, um gleich an der Autodecke zu kleben. Doch die Vorfreude auf den langersehnten Urlaub gibt uns zum Glück Kraft, bis zum Ferienziel durchzuhalten.

Stress lass nach – Richtig vorbereiten auf den Urlaub

Nehmen Sie sich vor dem Urlaub mindestens ein bis zwei Tage Zeit, um sich von der Arbeit zu verabschieden. Dasselbe gilt auch nach der Heimfahrt vom Urlaub.

Sie brauchen zu Hause Zeit, sich wieder an den Arbeits-Rhythmus zu gewöhnen. Berechnen Sie für die Fahrt genug Pausen für Mahlzeiten und selbstverständlich für die „Pinkel-Momente“ der Familie. Als Mann hat man manchmal das Gefühl, in einem Rutsch von Norddeutschland nach Süditalien fahren zu können, ohne Halt oder Rast. Aber glauben Sie mir, Kinder schaffen das nicht.

Auf den Straßen ist während der Ferienzeit und ganz besonders gegen Schluss der Ferien, wenn alle so schnell wie möglich wieder nach Hause wollen, eine starke Zunahme verschiedenster Aggressionen spürbar. Es wird gedrängelt, unvernünftig überholt und da oder dort mal „der Vogel“ gezeigt.

Sollte die Fahrt nicht bereits ein kleines bisschen Ferien sein? Planen Sie die Anfahrt schon als Urlaub mit viel Zeit und Muße. Wenn Sie zu Hause den Schlüssel drehen, sind Sie in den Ferien und somit ist auch die Fahrt ein Teil des Urlaubes. Auch beim nach Hause kommen enden Ihre Ferien erst beim Öffnen der Haustüre.

Also versuchen Sie, die Fahrt zu genießen! Denken Sie an ausreichend Getränke und etwas zum Knabbern für zwischendurch. Achten sie bei den Snacks vor allem auf nahrhafte Produkte wie zum Beispiel Äpfel oder Bananen, die den Zuckerhaushalt wieder etwas in Schwung bringen. Wenn Sie im Stau stehen, ist eine noch größere Zwischenverpflegung wichtig.

So gibt es keinen Streit im Stau

Wer sich nicht in diesen Strudel hinein begeben will, kann sich bewusst an eigene vorher klar definierte Regeln halten:

  • Wenn ich mich aufregen sollte, fahre ich ganz gemütlich hinter einem Lastwagen her, bis ich mich wieder beruhigt habe und normal denken kann.
  • Ich will die Bedürfnisse meiner Familie über meine eigenen stellen und gehe auf ihre Wünsche ein.
  • Spätestens nach einer bis eineinhalb Stunden Fahrt nehme ich mir Zeit für eine Pause und bewege mich in dieser Zeit, damit mein Blutkreislauf wieder angeregt und stabilisiert wird.
  • Wenn ich müde werde, halte ich an und erlaube mir einen Turbo-Schlaf (ca. 15 Min.). Bitte nur im Sitzen durchführen, weil sich sonst unser Körper zu sehr entspannt und wir in den Tiefschlaf sinken.

Im ganzen Fahr-Stress vergessen Sie bitte nicht zu atmen. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen in Stress-Situationen nur noch flach und oberflächlich atmen. Dadurch wird unser Hirn mit Sauerstoff unterversorgt und wir werden viel schneller müde und unaufmerksam. Atmen heißt: Tief einatmen und sich vorstellen, dass die kühle Luft bis tief in den Bauch hinunter fließt. Dann wieder langsam ausatmen und alle negativen Gefühle und Empfindungen gleichzeitig aus uns heraus fließen lassen.

Wenn die Straßensituation und die Hitze im Auto Sie zum Kochen bringt, eignet sich diese Atemübung, um zur Ruhe zurückzufinden. Eine Idee für die Fahrt könnte für die ganze Familie unterhaltsam sein: Erfinden Sie gemeinsam Witze oder erzählen Sie lustige Begebenheiten aus dem Leben und lachen Sie viel. Das erhöht ihren Sauerstoffgehalt im Blut und im Hirn.

Die Zeit nutzen statt Stau-Stress

Die ewig lauernde Autoschlange hat uns erreicht und bereits verschlungen. Ärgerlich wird die Zeit nur, wenn Sie nicht wissen, was Sie damit anfangen sollen.

Wenn Sie sich genug Zeit für die Fahrt genommen und einen eventuellen Stau eingerechnet haben, bleiben Sie eher ruhig. Es gibt sogar Urlauber, die suchen den Stau und freuen sich am „Steckenbleiben“. Die Möglichkeit entsteht, endlich ein Buch zu lesen, welches schon lange im Bücherregal verstaubt oder Sie nehmen sich Zeit, mit den Kindern ein Spiel zu spielen (z.B. „Ich sehe was, was du nicht siehst!“).

Bei stehendem Verkehr ergeben sich vielleicht Gespräche mit der schönen Blonden im BMW links neben Ihnen oder die Kinder finden Kontakt mit der Renault-Familie hinter ihnen. Es gibt auch Menschen, die ihren Lebenspartner im Stau kennen gelernt haben. Wenn Sie alleine in die Ferien fahren, haben Sie bei längerer Wartezeit die Möglichkeit, ein autogenes oder mentales Training einzubauen und ihre Gefühle, sowie ihren Gemütszustand wieder herunterzufahren.

Genießen sie die Ferien und schalten sie vom Alltag ab

„Leider“ muss ich erwähnen, dass zwei Wochen Ferien zu wenig sind. Um vom Alltag abzuschalten, brauchen wir mindestens drei Wochen und die Anreise ist noch nicht mitgerechnet. Ihr Körper braucht eine Woche, um sich an den Ferien-Rhythmus zu gewöhnen und die Arbeit zu vergessen. Ab der zweiten Woche genießen Sie die Ferien und in der letzten Woche fangen die Gedanken wieder an zu kreisen, wie es wohl im Büro zu und her gegangen ist.

Vermeiden Sie in den Ferien jeglichen Kontakt mit Ihrem Betrieb. Lassen Sie am besten das Handy und den Laptop zu Hause oder schalten Sie das Telefon nur im absoluten Notfall ein. Nur ein kleines Problem aus dem Betrieb versaut Ihnen die ganzen Ferien und lässt Sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Genießen Sie den Urlaub mit Ihrer Familie, dem Partner, mit Freunden oder auch ganz alleine.

Es spielt keine Rolle, ob Sie in den Bergen eine Klettertour machen oder sich am Strand in der Sonne räkeln. Die Ferien sind da, um wieder aufzutanken. Jeder darf sich in seiner Erholung die Zeit so einteilen, dass der Stresslevel bis Ende Ferien gegen Null sinkt. Ob viel Bewegung, ein Abenteuer oder ein Bad im Meer mit viel Nichtstun, kann nicht gegeneinander aufgewogen werden. Grundsätzlich ist alles erlaubt, was Sie entspannt.

Ich wünsche Ihnen erholsame Ferien und kommen Sie wieder stressfrei nach Hause.

Rolf Hess
Experte: Rolf Hess
Rolf Hess ist Stressregulationsexperte und Leiter des Schweizerischen Zentrums für angewandte Stressforschung (SZS) in Solothurn (CH). Nach 10-jähriger Anstellung in einem gerontopsychiatrischen Altersheim...

Tipp
Für die Autofahrt