Co-Abhängigkeit in der Beziehung: Wie wir uns helfen können, wenn unser Partner süchtig ist

Wer einen suchtkranken Partner hat, will ihm natürlich helfen. Doch häufig nimmt der Helfende dabei selbst Schaden und benötigt ebenfalls Hilfe.
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von Susanne Behlau
Co-Abhängigkeit in der Beziehung© Pixaby

Angehörige von Suchtkranken haben es meist sehr schwer. Vor allem der engste Partner eines Süchtigen leidet häufig unter den Folgen der Sucht wie der Betroffene selbst. Die Co-Abhängigkeit ist eine Begleiterscheinung der Sucht, die jedoch beim eigentlich gesunden Partner auftritt. So erkennen wir die Co-Abhängigkeit und können ihr angemessen begegnen.

Froschkönig

Wir alle kennen das Märchen vom Froschkönig: Einer Prinzessin fällt ihr Spielzeug, eine goldene Kugel, in den Brunnen. Da erscheint ein hässlicher dicker Frosch, der ihr anbietet, die Kugel wieder herauszuholen. Allerdings unter der Bedingung, dass er fortan bei ihr leben, essen und schlafen darf.

Die Prinzessin will nur ihre Kugel wieder haben. Dass sie danach einen ekligen Frosch in ihrer direkten Nähe dulden muss, erscheint ihr so abstrus und unmöglich, dass sie den Handel voreilig eingeht.

Doch das Unvorstellbare wird Wirklichkeit: Dank der Anweisung des Vaters, dass die Prinzessin ihr Versprechen unter allen Umständen zu halten habe, isst und schläft der Frosch bei der Prinzessin. Die Lage für sie wird unerträglich, am Ende befreit sie sich, indem sie den Frosch an die Wand klatscht.

Co-Abhängigkeit und das Märchen vom Froschkönig

Die Geschichte vom Froschkönig kann als Metapher für die typische Rolle einer/s Co-Abhängigen gedeutet werden. Die Prinzessin sehnt sich innerlich nach echter Verbundenheit, nach einem Prinzen, der zu ihr passt. Aber durch ihr schlechtes Gewissen, im Märchen vom strengen Vater verkörpert, gibt sie sich mit einem ekligen Frosch zufrieden, der ihr Unmögliches abverlangt.

Der Frosch steht für den suchtkranken Partner, dem die Prinzessin aufgrund ihres schlechten Gewissens und verirrter Moralvorstellungen all ihre Liebe und Aufmerksamkeit bis zur völligen Selbstaufgabe zuteil werden lässt. Am Ende verwandelt sich der hässliche Frosch in einen schönen Prinzen.

Das ist die Belohnung für die selbstbewusst eigenmächtige Befreiung der Prinzessin durch den kraftvollen Wandklatscher. Doch dies ist nur im Märchen so, aber leider nicht in der Realität.

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Co-Abhängigkeit in Beziehungen: Wenn die Sucht den Partner trifft

Leider kann sich nicht jeder so konsequent und selbstbewusst aus einer schwierigen Beziehung mit einem suchtkranken Partner befreien. Ist der eigene Partner krank, dann möchte man ihm gerne helfen. Doch häufig gerät dieser Wunsch selbst zum krankhaften Syndrom, indem die Sucht den gesunden Partner ganz und gar einnimmt und der übermäßige Wunsch entsteht, ihn zu retten und seine Sucht kontrollieren zu wollen.

Vieles deutet bei Co-Abhängigkeit auch auf Sex-, Romanzen- oder Beziehungssucht hin. Insgesamt gilt jedoch: Wenn sich alles Denken, Handeln und Fühlen nur noch zwanghaft um den Suchtkranken dreht und die eigene Person, ihre Interessen und Bedürfnisse, völlig in den Hintergrund treten, kann sich eine Co-Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung entwickeln.

Co-Abhängigkeit: Ursachen, Diagnose und Therapie

Die Ursachen der Co-Abhängigkeit liegen häufig bereits in der Kindheit, zum Beispiel wenn der/die Co-Abhängige selbst mindestens ein Elternteil hatte, welches an einer Sucht erkrankt war. Bereits als Kind spüren Betroffene, dass sie diesem Menschen helfen müssen, um überhaupt emotionale oder physische Zuwendung zu erfahren.

Oft sieht der Betroffene in der Beziehung zu einem Suchtkranken eine Lösung für alte Probleme und Verletzungen. Hinzu kommen meist ein geringes Selbstwertgefühl und eine Angst vor wirklicher Nähe.

Diagnose der Co-Abhängigkeit

Bei der Diagnose der Co-Abhängigkeit spielen folgende Symptome, emotionale Störungen oder Auffälligkeiten eine große Rolle:

  1. Abhängigkeitsspezifische Symptome: Hier steht der Wunsch im Vordergrund, dem suchtkranken Partner unter allen Umständen helfen und die Sucht selbst kontrollieren zu können. Denken, handeln, fühlen – alles dreht sich nur noch um die Befindlichkeiten des Suchtkranken. Das völlige Eingenommensein vom suchtkranken Partner führt zur Vernachlässigung eigener Bedürfnisse und Interessen.
  2. Schamkomplexe oder sozioemotionale Störungen: Scham, Schuldgefühle und Selbstzweifel können dazu führen, dass sich Angehörige von Süchtigen die Schuld an der Sucht des Partners selbst zuschreiben. Sie glauben, es wäre ein Mangel an Liebe oder Zuwendung ihrerseits, dass ihr Partner süchtig ist oder bleibt. Die betroffenen Co-Abhängigen wirken, trotz innerer Verzweiflung, nach außen stets freundlich, hilfsbereit und beflissen in ihrer Absicht, es anderen recht zu machen.
  3. Zusätzliche Auffälligkeiten: Häufig leiden Co-Abhängige auch unter depressiven Störungen oder traumatischen Belastungen. Symptome hierfür sind zum Beispiel Freudlosigkeit, Erschöpfung, Nervosität, Ängste, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, übertriebene Gleichgültigkeit oder Schreckhaftigkeit.

Selbsttest Co-Abhängigkeit: Die eigene Co-Abhängigkeit erkennen

Um grob abschätzen zu können, ob man selbst von einer Co-Abhängigkeit betroffen ist, hilft zunächst ein Selbsttest. Werden deutlich die meisten Aussagen ehrlich mit “JA” beantwortet, sollte man darüber nachdenken, ein Beratungsgespräch bei einem/r qualifizierten Therapeuten/in in Anspruch zu nehmen.

  • Es fällt mir grundsätzlich schwer ja oder nein zu sagen
  • Probleme oder das Verhalten anderer bringen mich um den Schlaf
  • Ich werde von Menschen angezogen, die mich brauchen
  • Ich fühle mich für die Probleme anderer (mit-) verantwortlich
  • Wenn mir ein Fehler passiert, rege ich mich fürchterlich auf
  • Ich mache mir über die kleinsten Dinge Sorgen
  • Ich kann mich nur schlecht entspannen
  • Es macht mich wütend, wenn meine Vorschläge missachtet werden
  • Ich weiß stets, was das Beste ist für meine Freunde und meine Familie
  • Es ist mir unangenehm, wenn mich jemand lobt
  • Ich mache mir häufig Sorgen darüber, wie andere wohl über mich denken
  • Ich sage mir häufig, dass es weniger schlimm ist, als es scheint
  • Ich bin meist zu beschäftigt, um über mich selbst nachzudenken
  • Ich muss meine/n Partner/in stets bitten, mir zuzuhören
  • Ohne eine enge Beziehung fühle ich mich unvollständig
  • Wenn ich abnehme, dann liebt mich mein Partner mehr
  • Meine Kinder muss ich meist bestechen, damit sie etwas essen
  • Ich frage mich, warum mich mein/e Partner/in so häufig verletzt
  • Jemandem zu vertrauen, fällt mir nicht leicht
  • Ich bin der / die Einzige, die ein wichtiges Problem wirklich lösen kann
  • Ich bin in Beziehung mit jemanden, der mich missbraucht, aber ich komme davon nicht los
  • Meine Freunde mögen mich nicht, wenn ich mal wütend werde und Gefühle zeige
  • Wenn ein Mann / eine Frau mit mir schläft, dann liebt er / sie mich
  • Wenn ich mich nicht um die Probleme (meines Partners) kümmere, tut es ja sonst niemand
  • Ich schäme mich, wenn mein eigenes Kind in Schwierigkeiten gerät
  • Ich kann nur schlecht oder gar nicht über meine Probleme sprechen
  • Ich finde schlecht oder gar keinen Zugang zu meinen eigenen Gefühlen

Therapie der Co- Abhängigkeit

Trotz ähnlicher Symptome und Diagnosebilder, kann sich eine Co-Abhängigkeit bei jedem Betroffenen anders äußern. Je nach Suchtart und Ausmaß der Sucht des Partners, den eigenen persönlichen Belastungen und Verstrickungen sowie dem biographischen und aktuellen Lebenshintergrund, benötigt ein/e Co-Abhängige/r eine individuell angepasste Unterstützung, Beratung oder Therapie bei einem darauf spezialisierten Therapeuten.

In der Therapie können dabei unter Umständen auch die Hilfe von Angehörigen, der Familie und Freunden, die ebenfalls verstrickt sein können, eine wichtige Rolle spielen.

In meiner Praxis arbeite ich täglich mit Menschen, die von der Co-Abhängigkeit betroffen sind. Ich möchte diesen Menschen helfen, schon frühzeitig die Begleiterscheinungen der Sucht eines suchtkranken Partners in Form von Co-Abhängigkeit zu erkennen und zu behandeln.

Weiterführende Infos 

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Expertin: Susanne Behlau
Susanne Behlau ist Therapeutin für Hypersexualität. Sie berät Männer und Frauen mit Gesprächs- und Hypnosetherapie.
Mein Buchtipp
Selbsthilfe für Angehörige von Suchtkranken