Stressbewältigung am Arbeitsplatz: Anti-Stress-Verordnung für die Arbeit

Im zweiten Teil unserer Reihe "evidero gegen Stress im Job" klären wir die Ursachen für Stress und zeigen, was Arbeitgeber dagegen tun können.
von Liane Rapp
Kein Stress auf der Arbeit© Pixaby

Die „Entgrenzung von Arbeit und Freizeit“ wirft bei vielen Menschen das Leben durcheinander. Wenn der Chef dann auch noch fordert, ständig erreichbar zu sein, liegen bei manchen die Nerven innerhalb kürzester Zeit blank. In Teil 2 des evidero-Reports über Stress im Job geht es darum, was Führungskräfte tun können, um den Stress am Arbeitsplatz für ihr Team zu verringern, inwieweit Chefs in der Verantwortung stehen und was es mit einem „Feel Good Management“ auf sich hat.

Spätestens, wenn Stress zum Problem wird in einer Firma, weil immer mehr Kollegen aufgrund psychischer Belastung ausfallen, ist es an der Zeit, dass sich auch Arbeitgeber Gedanken über Präventionsmaßnahmen machen.

In dem von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin durchgeführten “Stressreport Deutschland 2012” gab knapp die Hälfte der Erwerbstätigen an, dass der Stress im Arbeitsalltag in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat. Knapp 60 Prozent sagten, dass sie verschiedene Aufgaben gleichzeitig betreuen müssten; und fast jeder Vierte lässt nach eigenem Bekunden die Pause ausfallen, weil er einfach zu viel Arbeit hat.

Fast die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten ist mehr als 40 Stunden pro Woche beschäftigt, rund ein Sechstel sogar mehr als 48 Stunden. Wenig Zeit für familiäre oder private Interessen ist bei vielen die Folge.

Psychischer Arbeitsschutz gegen Stress ist Sache des Arbeitgebers

Deshalb forderte jüngst Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen Arbeitgeber dazu auf, sich mehr Gedanken darüber zu machen, wie sie ihre Belegschaft vor Stress und Burnout schützen können. Die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen seien in den vergangenen 15 Jahren um mehr als 80 Prozent gestiegen. Das bedeute für die Betriebe Produktionsausfälle von sechs Milliarden Euro.

Von der Leyen hob hervor, schon heute seien die Arbeitgeber zur Prävention gesetzlich verpflichtet. Der psychische Arbeitsschutz gehöre dazu. Eine geplante gemeinsame “Erklärung zur psychischen Gesundheit bei der Arbeit” von Bundesarbeitsministerium, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) scheiterte vorerst.

Psychologin und Autorin des “Stressreports Deutschland 2012” Andrea Lohmann-Haislah erläutert: „Stress entsteht nicht allein durch Termindruck und hohe Anforderungen. In der Stressforschung untersuchen wir Faktoren wie den Handlungsspielraum, den der Einzelne hat – ob er sein Pensum selbst einteilen oder seine Pausen frei bestimmen kann. Wie groß die soziale Unterstützung am Arbeitsplatz, wie gut die Kommunikation mit den Vorgesetzten ist. Stress entsteht erst, wenn zwischen Ressourcen und Anforderungen ein Ungleichgewicht herrscht. Ein gutes Arbeitsklima hingegen trägt zur Bewältigung von stressigen Situationen bei.“

Stressfallen: Termindruck, Arbeitszeit und Arbeitsabläufe gehören zum Arbeitsklima

Sie rät Arbeitgebern: „Sie sollten prüfen, welche Gefährdungen körperlicher und psychischer Art es in ihrem Betrieb gibt, und was dagegen getan werden kann. Wie hoch ist der Termindruck? Wie lang sind die Arbeitszeiten? Können wir sagen, dass die Arbeitsabläufe menschengerecht gestaltet sind?“

Dazu meint Medizinsoziologe Professor Johannes Siegrist: „Es geht nicht darum, den Druck grundsätzlich zu verringern. Herausforderungen sind wichtig. Gefordert zu werden, kann kreativ sein, Menschen zu Lernanstrengungen führen. Es geht darum, eine langfristig gesunde und leistungsfähige Belegschaft zu haben. Dass in einer alternden Belegschaft der Erhalt der Leistungsfähigkeit gefördert wird. Das ist auch ein Ziel einer Anti-Stress-Verordnung.“

Denn gestresste Mitarbeiter werden nicht nur selbst unglücklich, sie ziehen auch die Kollegen runter, meint die Burnout-Expertin Sylvia Wellensiek: „In vielen Firmen herrscht seit der Wirtschaftskrise das Gefühl vor, dass alles wieder zusammenbrechen kann. Viele Arbeitnehmer funktionieren eher mechanisch, die Ohren stehen auf Durchzug, Herz und Seele sind abwesend. Dieser „Präsentismus” ist sehr verbreitet. Sie fühlen sich seit vielen Jahren ausgenutzt.

Alte Geschichten wie geplatzte Projekte, unfaire Versetzungen oder enttäuschende Karrierebrüche sind da wahre Energiefresser. Oft bringen diese Menschen ganze Abteilungen via Flurfunk in depressive Stimmungen. Ich arbeite dann mit den Teams daran, positive Prozesse in Gang zu setzen, zu schauen, was gut läuft, welche Herausforderungen schon gemeinsam gemeistert wurden. Das stärkt den Selbstwert und gibt Zuversicht.“

Feel Good Management: Was wirklich zählt

Einige Unternehmen, insbesondere Start-ups, denken in Sachen Betriebsklima um. Sie stellen sogar eigens „Feel Good Manager” ein, die sich nur um das Wohlergehen der Mitarbeiter kümmern. Sie agieren als Ansprechpartner für die Kollegen und vermitteln in die Geschäftsleitung. Sie sorgen für ausreichend Ruheräume und achten darauf, dass Mitarbeiter ihren Ressourcen entsprechend eingesetzt werden.

Manche Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern täglich frische Obstkörbe, eine Chillout-Area auf der firmeneigenen Dachterrasse, Mitarbeiterevents, Lounges mit Spielekonsolen und Tisch-Kicker oder eine monatliche Massage. Elementar allerdings ist, so Professor Heike Bruch, ein Unternehmensklima, in dem Mitarbeiter sich wertgeschätzt fühlen, Handlungsspielräume haben, und Überstunden die Ausnahme und nicht die Regel sind.

Zu den Basics eines guten Arbeitsplatzes gehören, so simpel das klingt, auch ausreichend Licht und gute Möbel, am besten ergonomische Stühle. Wenn solche Basics fehlen, hilft auch der Obstkorb nicht. Wenn sie aber gewährleistet sind, ist auch ein hohes Arbeitspensum leichter zu schultern.

Autorin: Liane Rapp
Liane Rapp arbeitet als freie Autorin für diverse Tageszeitungen und Magazine. Mit 17 begann sie als Pauschalistin bei der Rheinischen Post, mit 19 ging sie nach Mexico-City, um im Korrespondentenbüro von „El País“ ein Praktikum zu absolvieren und mit 21 begann sie ihr Volontariat an der Journalistenschule Axel Springer...
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