Hochsensible behaupten sich anders: Das Durchsetzungsprinzip der Hochsensibilität

Hochsensible Personen haben oft Schwierigkeiten, sich durchzusetzen. Oftmals ziehen sie den Kürzeren, weil ihre Reaktion auf die Umwelt nicht schnell genug ist. Damit sie es dennoch schaffen, müssen sie ihren Stärken vertrauen lernen.
Luca Rohleder
von Luca Rohleder
Hochsensible Personen brauchen Ruhe und Geduld© LoloStock - Fotolia.com

Das Nervensystem von Hochsensiblen Personen (HSP) muss eine gewaltige Menge von Umweltreizen verarbeiten. Hochsensible bekommen aufgrund ihrer ausgeprägten Feinfühligkeit mehr Einflüsse durch Menschen oder Umfeld aufgedrängt als üblich. Oft sind sich HSP darüber nicht bewusst, dass Sie insbesondere die Gefühle und Stimmungen von anderen Personen mit verarbeiten müssen.

Luca Rohleder
Experte: Luca Rohleder
Luca Rohleder bietet als HSP-Jobcoach Beratungsgespräche und Seminare an. Er lebt in Leipzig und ist Gründer des Netzwerks "Hochsensibilität & Selbstständigkeit", das unter www.HochsensiblePersonen.com zu erreichen ist.
HSP stehen deshalb in ihrem Leben vor einem Lernprozess. Sie laufen Gefahr, nur die negativen Einflüsse von Umwelt und Umfeld zu verarbeiten. Vielmehr müssen sie lernen, sich auch auf beide Seiten des menschlichen Daseins zu fokussieren. Vielleicht ist dies die größte Herausforderung, vor der HSP in ihrem Leben stehen. Sie haben die Gratwanderung zu meistern, zwischen den zahlreich einprasselnden Umwelt- und Umfeldinformationen die positiven Aspekte nicht zu übersehen.

Dennoch hat in der Summe das Leben den Hochsensiblen von Anfang an eine große Bürde auferlegt. Sie bekommen die guten wie auch die schlechten Seiten des menschlichen Lebens wie auf dem Präsentierteller serviert. Ob sie wollen oder nicht.

Hochsensible brauchen länger, um Informationen zu verarbeiten

Diese enormen Verarbeitungsprozesse, denen das hochsensible Gehirn ausgesetzt ist, sind auch die Ursache, warum HSP oft wie gelähmt sind, wenn es darum geht, sich zu behaupten. Es scheint ihnen unmöglich, schnell zu schalten, wenn Vorteile oder sonstige Annehmlichkeiten zu verteilen sind. Selbst bei verbalen Angriffen oder plötzlichen Änderungen von Umweltbedingungen zeigen sie selten schnelle Handlungsmuster.

Die im Gehirn eingehenden Informationen, die verarbeitet, geordnet und analysiert werden müssen, sind einfach zu umfangreich. Damit ist es nahezu unmöglich, spontane Handlungsstrategien aus dem Hut zaubern zu können. Kurzum: Wenn es darum geht, schnell zu schalten, werden HSP meist den Kürzeren ziehen. Die richtigen Argumente oder Reaktionen fallen ihnen in der Regel zu spät, manchmal erst nach Stunden ein. Im Prinzip sind das schlechte Voraussetzungen, um sich in einer Zeit der zunehmenden gesellschaftlichen Verrohung durchsetzen zu können.

Intuition, Weisheit und Lebenserfahrung sind der 6. Sinn

Der Wunsch vieler HSP, spontan zu sein, ist infolgedessen ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Sie würden sich in einen intellektuellen Wettkampf mit Normalsensiblen begeben, den sie nur schwer gewinnen können. Vielmehr sollten sich HSP auf ihre Hauptstärken besinnen. Ihre Weisheit und ihre Intuition sind Instrumente, die es in sich haben. Insbesondere lebenserfahrene HSP, die ihre Lebensmitte bereits überschritten haben, sind in der Lage, sich allein mit ihrem 6. Sinn durchzusetzen. HSP können infolgedessen von einer etwas anderen Art von Durchsetzungsfähigkeit profitieren.

Hochsensible müssen lernen, auf ihre Intuition zu hören

Hochsensible müssen eigentlich nur geduldig abwarten. Und sie werden feststellen, wie sich die Dinge wie von Geisterhand zu ihren Gunsten entwickeln. Es scheint so, als könnten sie positive Zufälle herbeiführen. Dies ist jedoch ein Trugschluss. Vielmehr ist es die Intuition von Hochsensiblen, die sie zu den passenden Orten, zu cleveren Einsichten, den besseren Rahmenbedingungen und zu den richtigen Menschen führt.

Im Laufe ihres Lebens bemerken HSP, dass es oft gar nicht notwendig ist, sich im Jetzt durchsetzen zu müssen. Denn sie wissen, dass das Morgen und vor allem das Übermorgen auf ihrer Seite stehen werden. Mit dieser Gewissheit, dass sich viele Gegebenheiten sowieso in ihrem Sinne positiv drehen, können HSP viel Lebensfreude generieren. Mit Gelassenheit und Weisheit können sie darauf vertrauen, dass ihre Durchsetzung zeitversetzt erfolgt.

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass HSP lernen, auf ihre Intuition zu hören. Sie müssen nur vertrauensvoll warten, bis der vermeintliche Zufall auf ihrer Seite steht.

Das Durchsetzungsprinzip ist zeitversetzt, aber gewaltig

Haben HSP dieses Durchsetzungsprinzip erst einmal erkannt, lösen sich viele Sorgen von selbst auf. Im Alltag können Handlungsdruck, Habachtstellungen bzw. übertriebene Vorsicht gegenüber Personen bzw. Umständen losgelassen werden. Sie wissen nun, dass ihr 6. Sinn sie selten im Stich lässt. Diese etwas andere Art, sich zu behaupten, funktioniert zwar etwas zeitversetzt und manchmal auch in Zeitlupe, jedoch besitzt sie eine gewaltige Durchschlagskraft. Wie der Volksmund schon sagt: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“.

Luca Rohleder
Experte: Luca Rohleder
Luca Rohleder bietet als HSP-Jobcoach Beratungsgespräche und Seminare an. Er lebt in Leipzig und ist Gründer des Netzwerks "Hochsensibilität & Selbstständigkeit", das unter www.HochsensiblePersonen.com zu erreichen ist.

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  • evidero

    Hier ein Kommentar, den unser Leser Domenico eingereicht hat:

    Guten Tag, macht es denn nicht erstmal “Sinn”, hochsensible Menschen in “feinsinnig” und “feinfühlig” einzuordnen? Für mich sind HSPs in erster Linie feinsinnig, sie haben feine Sinne, “mehr nicht”. Was Sie oben beschreiben bedeutet für mich, dass diese Menschen auch feinfühlig sind, also auch solche Dinge wie zwischenmenschliches Feingespür, Weisheit und Intuition mit sich tragen. Ich kenne beide Typen an Menschen, aber eine Kombination von beidem habe ich noch nicht erlebt, vielleicht widerspricht sich das sogar. Es klingt für mich logisch, das feine Sinne sich auf “klassische Physik” während feine Gefühle sich mehr auf “Metaphysik” beziehen … Auf diesem Wege, vielen lieben Dank für die vielen interessanten Artikel, liebe Evideros. Viele Grüße, Domenico

    • evidero

      Hier die Antwort von Luca Rohleder:

      “Lieber Domenico, ja laut Ihrer Definition könnte diese Einteilung Sinn machen. Jedoch haben wir in unserer Sprache oft keine klaren Definitionen für bestimmte Begrifflichkeiten. So sind die Begriffe “Gefühl”, “Intuition”, “Gespür” etc. bei den meisten Menschen oft unterschiedlich besetzt. Grundsätzlich lässt sich dieses Thema der Hauptstärke von HSP also gar nicht so einfach klar (und vor allem für jedermann(frau) eindeutig) in Worte fassen.

      Alles in allem löst jeder Nervenreiz ein bestimmtes Gefühl aus. Ob diese Reize durch die herkömmlichen Sinne, intuitiv oder einfach nur durch hochkommende Erinnerungen hervorgerufen werden, ist im Prinzip nicht so entscheidend. HSP zeichnen sich dadurch aus, dass ihr gesamtes Nervensystem (inkl. Gehirn) überaus empfindlich ist, d.h sehr aufnahmefähig ist. Man könnte auch sagen, dass das Gehirn von HSP von Geburt an auf Empfangsmodus steht. Dadurch hat es im Laufe des Lebens einen derart hohes Trainingslevel erreicht, dass es auch solche Reize aufnehmen bzw. verarbeiten kann, die für Normalsensible für immer verborgen bleiben … LG Rohleder”

      • evidero

        Und hier eine weitere Antwort von Domenico:

        “Lieber Herr Rohleder, als erstes möchte ich mich bedanken, dass Sie auf meinen Kommentar eingegangen sind. Es interessiert mich sehr, was hinter Hochsensibilität steckt, ich könnte Ihnen Löcher in den Bauch fragen :-), aber dafür ist ein Blog nicht geeignet. Nur kurz:

        auch wenn ich als Ingenieur nüchterne Technik basierend auf klassische Physik gewohnt bin, glaube ich an Dinge, die sich technisch nicht erklären lassen. Dazu gehören auch ” Gott”, “Energien, die uns verbinden”, “Intuition”, “zwischenmenschliches Gespür”, … ich nenne dass dann “Metaphysik” … jaja, ein Ingenieur muss ja alles sauber kategorisieren. Und bei den (wenigen) Menschen, die ich kenne, denen HSP diagnostiziert wurde, habe ich das Gefühl, dass sie besonders gute Sinne haben, Ohren, Augen, Nase, … und dass Sie es nicht schaffen “uninteressantes” (sag ich mal so) wegzufiltern … zB. sie hören Glocken aus 10km Entfernung läuten, während man sich küsst 🙂 und sich gegenseitig spürt. Alle, die ich kenne leiden dann an Reizüberflutung, meiden zB. größere Menschenmengen, können bei Gesprächen sich nicht einfach auf eine Person konzentrieren. Und genau dann frage ich mich, ob weniger nicht manchmal mehr ist, ob nicht das Abschalten oder dämpfen klassischer Sensoren, wie man es zB im autogenen Training absolviert, zu mehr Tiefe und zu mehr “Metaphysik” führt. Viele Grüße, Domenico”

        • Verena Wustrow

          Hallo Domenico! Als HSP habe ich mir viele Jahre lang nichts sehnlicher gewünscht, als Unwichtiges auszublenden, meine Antennen abzuschalten. Kann ich nicht, auch nicht mit AT. Mit 60 genieße ich jetzt die Gewißheit, daß Alles gut wird.
          LG Verena

  • Brigitte

    Herzlichen Dank; super Artikel ! Genau zu dem Schluss bin ich auch gekommen; und ja ! genau so funktionierts ! jahrzehntelang wurde ich, und habe mich selber, als zu langsam eingestuft; aber wie du sagst; nur abwarten, innerlich Wunsch auessern, sich zentrieren; und echt spannend wie sich alles synchronisiert. und dran glauben. Ja genau, wir muessen nur unsere Werkzeuge gebrauchen, mit denen wir ausgestattet worden sind…