Home Office und die Lust auf Ablenkung: Hypersexualität in Zeiten von Corona

Das Arbeiten in den eigenen vier Wänden ist in vielerlei Hinsicht verführerisch. Die Zugriffe auf Online-Portale mit sexuellen Inhalten sind rasant gestiegen. Ab wann fängt der Konsum von Pornographie im Internet an zur Sucht zu werden?
von Susanne Behlau
Ein Mann schau auf ein Smartphonedisplay im Home OfficePhoto by Alejandro Escamilla on Unsplash

Für einschlägige Online-Portale mit sexuellen Inhalten schlägt die Gunst der Stunde. Für sie sind vor allem Männer, die sich im Moment überwiegend zu Hause aufhalten (müssen) die ideale Klientel. Dementsprechend locken sie mit kostenlosen Zugängen auf Zeit und werben im Netz für ihre Angebote.

Social Distancing, Langeweile, der Wunsch nach Ablenkung im Home Office oder schlichtweg die fehlende Gelegenheit an Lustbefriedigung machen viele Männer empfänglich für solche Angebote. Oftmals betrifft es Männer, die ohnehin schon eine Affinität zur Online-Sexualität haben, aber sonst durchaus glückliche und befriedigende Partnerschaften führen.

Mit einem Klick zum nächsten Kick

Die spannende Frage ist, inwieweit sie in Zeiten von „Bleibt zu Hause!“ und „Haltet Abstand!“ dem Konsum verfallen oder es schaffen zu widerstehen, denn der exzessive Konsum von pornographischem Material im Online-Bereich, kann eine stark abhängig machende „Einstiegsdroge“ in eine Hypersexualität (so der Fachbegriff für Sexsucht) sein.

Gerade im digitalen Raum ist Pornographie jederzeit verfügbar und einfach und anonym erhältlich. „Kontaktsperren“ gelten eben nicht online. Und den verführerischen Angeboten nachzugeben, fällt in der heimischen Privatheit wesentlich leichter als zum Beispiel am Arbeitsplatz, an dem man abgelenkt ist und von KollegInnen umgeben ist.

Von der Einstiegsdroge in die Sucht?

Ob die Umstände der Corona-Krise dazu beitragen, dass Menschen über die „Einstiegsdroge“ Online-Pornographie in eine Sucht gleiten ist für Therapeuten auf dem Gebiet der Hypersexualität in diesen Tagen eine spannende Frage. Wahrscheinlich sind die Langzeitfolgen erst in vielen Monaten spürbar, denn ein Suchtleiden ist nicht plötzlich da. Es baut sich sehr langsam auf und verdrängt nach und nach andere Aktivitäten. Der Rückzug von Freunden oder fehlende soziale Anerkennung vollziehen sich allmählich, was wiederum den Drang nach sexuellen Handlungen verstärken kann.

Zudem ist es nicht einfach, eine Diagnose für Hypersexualität zu stellen. Übermäßiger Konsum kann in jedem Fall ein Anzeichen für sein. Es gibt einige wenige Definitionsversuche, die beziffern, ab wieviel sexueller Aktivität innerhalb eines bestimmten Zeitraums eine Sucht vorliegt. Ich halte nichts von diesen Definitionen. Ab wann der Konsum von Pornographie zur Sucht wird, ist immer sehr individuell – der subjektive Leidensdruck ist entscheidend, auch der des unmittelbaren Umfeldes.

Partnerinnen leiden mit

Im Moment erreichen mich vermehrt eMails von Freundinnen, Lebenspartnerinnen oder Ehefrauen. Sie bemerken das veränderte Verhalten ihrer vermeintlich im Home Office arbeitenden Partner und reagieren erstaunt, verwirrt und mitunter auch verletzt. Dabei sind die Partnerschaften in der Regel intakt. Betroffene Männer haben in der Regel einen hohen Anspruch an sich selber und sind beruflich sehr erfolgreich.

Die Frauen sind es dann auch, die ihre Männer zu einer Beratung bewegen, noch bevor ihren Partnern selbst das Suchtverhalten bewusst ist. Die Diagnose „Hypersexualität“ empfinden die Frauen oftmals eher erlösend als beschämend, weil sie Therapiemöglichkeiten impliziert und damit Hoffnung auf eine Besserung in Aussicht stellt.

In einer Therapie lernen Betroffene, welche vernachlässigten Bedürfnisse hinter der Sucht stecken können. Nicht selten besteht bei Hypersexuellen kein Kontakt zu sich selbst – sie fühlen sich selbst nicht. Anerkennung und Bestätigung von außen fehlen.

Ab wann wird ein hypersexuelles Verhalten zur Sucht?

Doch meistens stellen betroffene Männer die Diagnose selber oder erahnen zumindest, dass ihnen ihr Verhalten nicht mehr gut tut – und zwar dann, wenn Sexualität zum Zwang wird, wenn sie keine Befriedigung mehr verspüren und immer mehr Reize benötigen, um stimuliert zu werden.

Sie erleben keine Befriedigung mehr in ihren Handlungen und benötigen immer intensivere sexuelle Erlebnisse, was sie bis in die Verzweiflung treiben kann. Betroffene verlieren allmählich die Kontrolle über den Geschlechtstrieb. In extremen Fällen verlieren Süchtige alles: die Familie, den Arbeitsplatz, das Ansehen. Hier gibt es einen kleinen Selbsttest zum sexuellen Verhalten.

Was kann spontan helfen?

Ich empfehle Menschen, die in diesen Tagen einen gesteigerten Impuls nach sexuellen Inhalten im Internet verspüren, kurz innezuhalten und sich zu fragen:

  • Was bewegt mich zu dieser Handlung?
  • Was fehlt mir gerade wirklich?
  • Warum brauche ich jetzt eine Ersatzbefriedigung?
  • Woher kommt mein innerer (geistiger und körperlicher) Druck?
  • Was könnte mir stattdessen gut tun?

Die dahinter liegenden Gründe für die Impulshandlung liegen oft im Verborgenen und sind nicht leicht zu erkennen. Probieren Sie dann, Ihren Impuls mit einem anderen Verhalten zu substituieren, zum Beispiel durch Sport, Musik, Freunde. Lenken Sie sich ab. So beugen Sie der Gefahr eines hypersexuellen Sucht am besten vor.

Expertin: Susanne Behlau
Susanne Behlau ist Therapeutin für Hypersexualität. Sie hilft sowohl Männern als auch Frauen, die Sucht nach Sexualität zu überwinden.
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