Schulfach Glück: Kann man Glücklich-­Sein in der Schule lernen?

Mittlerweile wird an einigen Schulen das Fach “Glück” unterrichtet. Wir wollten wissen, was die Kinder dabei lernen und was es ihnen tatsächlich bringt.
von Claudia Schneider
Kann man Glück lernen?Foto: Verlag Herder

Glück ist erlernbar — zum Beispiel am Willy-Brandt-Berufskolleg in Duisburg. Das Wahlfach „Glück“ soll den Schülern Lebensfreude vermitteln und bei der Lebensplanung helfen.

Helmut Richter ist kein Pauker. Als Lehrer wollte er nie nur Fakten vermitteln und Wissen abfragen. Wenn man sich mit dem 57-Jährigen unterhält, merkt man: Er interessiert sich wirklich für seine Schüler. Er möchte, dass es ihnen gut geht und dass sie später ihren Weg gehen. Auch als Rektor des Willy-Brandt-Berufskollegs, das rund 1.600 Schüler besuchen, unterrichtet er in den Fächern Metalltechnik und Physik. Seit dem Schuljahr 2012/13 hat er noch ein neues Fach dazubekommen: Das Wahlfach Glück.

Wahlfach Glück

„Der Kurs soll die Schüler in ihrer Lebenskompetenz und Lebensplanung stärken“, erläutert Helmut Richter. „Im Vordergrund steht eine intensive Selbstwahrnehmung und die Anleitung zum wertschätzenden Umgang mit sich selbst und anderen. Die Schüler lernen die wichtigsten Glücksfaktoren kennen und erkunden Wege, wie diese dauerhaft erreicht werden können. Ziel ist es, zufrieden mit dem eigenen Leben zu sein. Dabei geht es nicht nur um die berufliche Zufriedenheit, sondern auch um eine glückliche Freizeitgestaltung und den Umgang mit Freunden und Familie.“

Das neue Fach wird noch nicht am gesamten Berufskolleg in Duisburg-Rheinhausen unterrichtet. Nur die Berufsfachschüler, die ihren mittleren Bildungsabschluss anstreben, können es freiwillig als Wahlfach belegen. Der 17-jährige Armin ist einer von ihnen. Stolz zeigt er sein „Futurebook“, in dem er seine konkreten Ziele für die nächsten Jahrzehnte notiert hat. 2014 will er den FOR-Abschluss schaffen, danach eine KFZ-Mechatroniker-Ausbildung absolvieren, sich später als Meister selbständig machen, heiraten, drei Kinder haben.

Auffällig ist, alle Schüler haben ganz bodenständige Berufsziele. Sie wollen nicht Topmodel oder Superstar werden, sondern ganz realistische Berufe ergreifen. Und wie schon zu Großmutters Zeiten streben diese Duisburger Jugendlichen privat sehr traditionelle Ziele an: Heiraten, Kinder bekommen, ein eigenes Häuschen und ein schönes Auto haben und Zeit und Geld zum Reisen. Die Welt bewegen wollen sie bisher nicht — doch wer weiß, was das Schulfach Glück noch alles bewirkt.
Schon nach einem Schulhalbjahr hat Fatima gemerkt, dass sich ihr eigener Horizont erweitert hat. „Ich habe vorher nie über meine Zukunft nachgedacht. Ich hatte nur den Schulabschluss FOR vor Augen“, gibt sie zu. Das Fach Glück hat alle zum Nachdenken und Handeln anregt. Aufgabe war es nämlich auch, sich zu überlegen, wie man die erreichbaren Ziele umsetzen kann.

„Man lernt sich viel besser kennen”

Das Fach Glück wurde nicht am Willy-Brandt-Berufskolleg erfunden, es war der Schuldirektor Ernst Fritz-Schubert (siehe Foto oben), der es 2007 erstmals an seiner Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg eingeführt hat. Heute steht das Fach an einigen Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf dem Stundenplan. Ernst Fritz-Schubert ist inzwischen pensioniert, hat sein eigenes Glücks-Institut gegründet und publiziert seine Ideen in mehreren Büchern. In seinem Buch „Schulfach Glück“ berichtet er über seine Unterrichtserfahrungen und schildert die Inhalte des neuen Fachs.

Auch Schulleiter Helmut Richter hat das Buch gelesen und Anregungen für den eigenen Unterricht aufgegriffen. Manches wurde schon früher am Willy-Brandt-Berufskolleg praktiziert, nur liefen die Aktivitäten in einzelnen AGs. Im Fach Glück bündeln Helmut Richter, der Deutsch- und Religionslehrer Christoph Josten, sowie die Kollegin Anke Roeßing, die Wirtschaft und Deutsch im Hauptfach unterrichtet, ihre Kompetenzen. Auf dem Stundenplan stehen das Zusammenspiel in der Gemeinschaft, die Analyse der eigenen Stärken und Schwächen, Themen wie Gesundheit, Ernährung, Sport und Freizeit.

Den Schülern macht es Spaß, über sich selbst nachzudenken. „Interessant ist es auch, dass man viel über die Mitschüler erfährt. Man lernt sich viel besser kennen“, findet Sabrina, die sich sonst als schüchtern bezeichnet. Dass sie alle viel konzentrierter und aufmerksamer im Glücks-Unterricht sind, hat die Schüler selbst verwundert. Nicht nur Sabrina freut sich über die angenehme Atmosphäre: „Man kann hier vernünftig reden. Hier hört man mir zu, da habe ich viel mehr Lust, mich an den Gesprächen zu beteiligen.“  Und alle haben das Gefühl, hier individuell gefördert zu werden und wirklich etwas fürs Leben zu lernen.

Für weitere Tipps und Anregungen empfehlen wir die Bücher:

Claudia Schneider ist seit 2005 Redakteurin und Chefin vom Dienst beim Verlag matchboxmedia in Düsseldorf. Die Wirtschaftsjournalistin arbeitet zudem für verschiedene Printmedien und Agenturen (u.a. Süddeutsche Zeitung, BBDO)...