Online-Marktplatz DaWanda: Do It Yourself — Die Freude am Selber­machen

Waren Basteln, Häkeln und Stricken lange Zeit verpönt, so liegt Kreativsein heute wieder voll im Trend.
von Sabrina Gundert
Die Jungs von HatnutFoto: © Sabrina Gundert

Das Kreativsein hat heute sein Comeback. Von häkelnden Sportstudenten, die ihre eigenen Mützenkreationen in einem Onlineshop verkaufen über den Besuch in einem Nähcafé, bis hin zur großen Kreativ-Plattform DaWanda und dem Kreativ-Laden Vielfach — wir haben einen Streifzug durch die kreative Landschaft Deutschlands gewagt.

Die Erfolgsgeschichte der fünf häkelnden Sportstudenten aus Tübingen, die ihre Mützenkreation unter dem Namen Hatnut über einen Online-Shop verkaufen, begann in einem kalten Winter, in dem der damalige Student Didi als Snowboardlehrer jobbte. Internet und andere Neue Medien gab es hier nicht, dafür aber kalte Ohren, denn ihm fehlte die passende Mütze bei den eisigen Temperaturen. So griff er kurzerhand zu Häkelnadel und Faden und dank einiger Hilfe von seiner Tante kehrte er nach der Saison mit einer Ladung Mützen zu seinen Kumpels zurück.
Häkelnde Männer? Was meist erst zu spöttischen Sprüchen führte, brachte dem Studenten als Nächstes stets die Frage ein: „Machst du mir auch eine?“ So wurde kurzerhand ein Häkelseminar an der Uni eingerichtet und schon nach kurzer Zeit gehörten die Häkelnadeln ebenso selbstverständlich zu einem Männerabend wie Bier und Fußball.

Kreativsein als Ausgleich zum Alltagsstress

Vorbei scheinen die Zeiten, in denen Häkeln, Stricken und Basteln als spießig galten, Kreativsein ist in und feiert aktuell sein großes Comeback. Die Gründe für „Do It Yourself“ sind dabei vielfältig: Etwas mit den eigenen Händen zu machen ist für viele Entspannung und Ausgleich neben der Arbeit. So häkelt auch Sebi von den Hatnuts unterwegs auf dem Weg zum Lehrerjob in der Straßenbahn und erlebt dabei immer wieder, dass es „einfach fesselnd ist, Dinge mit den eigenen Händen herzustellen“. Gleichzeitig sieht auch er den Wunsch vieler Kunden, etwas Individuelles zu kaufen und wissen zu wollen, dass das gekaufte Produkt fair und möglichst regional produziert wurde — „beides ist für kleine flexible Firmen wie uns leicht umsetzbar“.

Der Verkauf individueller Produkte boomt

Eine Möglichkeit mit Selbstgemachtem — in großem oder kleinem Umfang — Geld zu verdienen, wurde durch den Online-Marktplatz DaWanda geschaffen. Hier können sich Kreative einen eigenen Shop einrichten und potenzielle Kunden können direkt mit ihnen in Kontakt treten. Dadurch gehören auch Sonderwünsche und individuelle Anfertigungen zum Standardangebot der Verkäufer bei DaWanda. Mittlerweile bietet die 2006 gestartete Plattform in rund 170.000 DaWanda-Shops über drei Millionen Produkte an. Das Angebot reicht von Mode, Schmuck und Spielzeug über aufwändig restaurierte Möbelstücke, Getöpfertes und Gefilztes bis hin zum Luxus-Halsband für den Hund. „Auf DaWanda gibt es neben Hobby-Verkäufern, die entdeckt haben, dass sie mit ihrem Talent auch etwas dazuverdienen können, auch Hersteller, die in so großem Stil verkaufen, dass sie von ihren Einkünften leben können. Und natürlich gibt es auch professionelle Designer, die DaWanda als Vertriebskanal nutzen“, so Jana Würfel von der DaWanda-Presseabteilung.

Für sie bringt die Begeisterung für Produkte mit dem „Handmade“-Label mehr Veränderung mit sich, als es bei einem kurzzeitigen Konsumtrend der Fall wäre: „Nicht nur, dass Produkte verstärkt selbst gemacht und von immer mehr Menschen auch gekauft werden. Auch das Freizeitverhalten der Menschen ändert sich. So gibt es Kreativtreffs im Freundeskreis, gemeinsames Stricken im Szene-Café, oder man häkelt für sich alleine nach der Arbeit zur Entspannung. Dadurch kommt man weg vom Fernseher, weg vom Computer und somit weg vom reinen Konsum hin zu einem eigenen Schaffensprozess. Dieses Prinzip gilt genauso für andere Bereiche, zum Beispiel den der Ernährung. Ein Stichwort hier ist Urban Gardening.“

Jeder ist kreativ

Im Nähcafé in Kiel durchdringt an diesem Samstag nur das Rattern von Nähmaschinen die konzentrierte Stille. Sechs Frauen entwerfen an zwei Tagen ihre ganz eigenen Kreationen — Überwürfe, Oberteile, Kleider, bunte Taschen oder Stoffherzen. „Nähen ist für mich Spaß und Entspannung zugleich — so wie Sport oder Yoga“, sagt Ulrike aus Kiel. Für die 33-Jährige ist das Kreativsein auch eine Ergänzung zu ihrem beruflichen Alltag: „Ich bin Sozialpädagogin, da zeigen sich Ergebnisse oft erst nach vielen Jahren. Hier habe ich schnell ein Erfolgserlebnis — eben noch ein Stück Stoff, halte ich jetzt schon ein Trägerkleid in der Hand, das ich anziehen oder verschenken kann, das ist toll!“

Nähcafé-Inhaberin Mayra Galarza ist sich sicher: „Eigentlich sind wir alle kreativ und es gibt ein starkes Bedürfnis unter den Menschen, neben der Arbeit am Computer wieder etwas mit den Händen herzustellen, auch als Ausgleich oder Ruhepol. In der Zeit, in der ich zum Beispiel konzentriert etwas nähe, denke ich nicht an die Arbeit oder unerledigte Aufgaben und komme so raus aus dem Kopfkarussell.“ Für sie hat sich aber auch die Motivation für das Kreativsein über die Jahrzehnte gewandelt. „Heute sind die Leute kreativ, weil sie Lust darauf haben, früher war Handarbeit oft Pflicht und wer als Kind nur gehört hat, dass man nur so, aber nicht so nähen darf, hat häufig schnell die Freude daran verloren.“ Etwas, was auch Kursteilnehmerin Ulrike kennt: „Früher hatte ich gar keinen Zugang zum Nähen. Meine Mutter hat immer nur Sachen geflickt und damit ausschließlich das Praktische am Nähen gesehen. Erst hier im Nähcafé habe ich gemerkt, was für schöne Sachen man eigentlich selbermachen kann und damit eine neue Leidenschaft für mich entdeckt!“

On- und Offline-Marktplätze für eigene Produkte

Möglichkeiten, die so hergestellten Unikate auch zu verkaufen, gibt es mittlerweile viele. Neben DaWanda bietet auch die Plattform Etsy einen Marktplatz für Selbstgemachtes und in manchen Städten gibt es Kreativläden auch vor Ort. So zum Beispiel im rheinländischen Siegburg, wo sich Kreative monatsweise ein Fach in einem der Regale im Laden „Vielfach“ mieten und auf diese Weise ihre Produkte ausstellen und verkaufen können.

Expertin: Sabrina Gundert
Sabrina Gundert ist Schreibcoachin, freie Journalistin und Autorin. Ihr Studium der Geographie hat sie die äußere Welt erforschen lassen, das Schreiben die innere...