Öl - eine endliche Ressource: Transition Town – Peak Oil – Das Leben danach

Irgendwann wird es kein Öl mehr geben. Es müssen also jetzt schon Pläne her, wie unsere Wirtschaft danach weiter funktionieren kann.
von Gerd Wessling

Dass das Öl absehbar zur Neige geht, ist nichts Neues. Der Verbrauch steigt kontinuierlich, die Förderung ist nicht steigerbar und neue Quellen gibt es nicht.

2012 – Experten warnen: Dieses Jahr wird Tanken noch teurer, denn der Preis für Rohöl wird weiter steigen.

2011 – das bisher teuerste Treibstoffjahr aller Zeiten …

1973 – der Ölschock. Autofreie Sonntage, Spaziergänger tummeln sich auf leergefegten Autobahnen. Die OPEC hatte aus politischen Gründen den Ölhahn zugedreht und der Westen bekam das erste Mal einen Vorgeschmack darauf, wie das Leben ohne das schwarze Gold aussehen könnte.

Peak Oil ist heute, das Fördermaximum wird nach Überzeugung der meisten Fachleute innerhalb der nächsten 10 Jahre erreicht sein. Wenn das Öl weniger wird, die Förderung kontinuierlich sinkt, wird das unsere Zivilisation vor große Herausforderungen stellen. Schocktolerant sind weder unsere hoch entwickelten, industrialisierten, Gesellschaften noch Dörfer, Städte oder Regionen. Es geht um Resilienz, die Fähigkeit eines Systems, Schockeffekte zu absorbieren – anstatt zu kollabieren. Resiliente Strukturen organisieren und stabilisieren sich nach einer kurzen „Rüttel- und Schüttelphase“. Keine Gemeinschaft wäre unvorbereitet in der Lage, so einen Schock mit seinen wirtschaftlichen und sozialen Folgen zu verkraften. Es geht nicht darum, ob wir eine postfossile Gesellschaft werden, sondern wann aus der Erkenntnis ein neues Denken und Handeln wird.

Dass das Öl absehbar zur Neige geht, ist nichts Neues. Der Verbrauch steigt kontinuierlich, die Förderung ist kaum noch steigerbar. Neue Quellen werden kaum noch entdeckt.

Transition Town ist ein Netzwerk selbstorganisierter Initiativen in Dörfern, Städten und Regionen unterschiedlichster Größe. Transition will den Wandel „von unten“ und im Kleinen beginnen; dort, wo jeder Einzelne ansetzen kann. In jeder Kommune ist das Potenzial zur Veränderung durch den „kollektiven Genius“ der dort Lebenden bereits angelegt, um Lösungen zu Peak Oil, Klimawandel und Fair Share zu finden. Die Vision heißt nicht einfach Energie sparen, damit ist es nicht getan. Menschen müssen wieder viel enger zusammenrücken, sich anders organisieren, Eigenverantwortung übernehmen für vieles, was heute bequem delegiert ist – vom gefüllten Supermarktregal bis zur Müllvermeidung und -verwertung. Diese Eigenverantwortung wird belohnt durch eine engere und verantwortungsvollere Gemeinschaft, die ihre gegenseitige Abhängigkeit als Chance für mehr Gemeinsamkeit begreift. Es geht eben nicht um materielles, sondern qualitatives Wachstum jedes Einzelnen und der Gemeinschaft. Innerhalb weniger Jahre ist so aus der Keimzelle Transition Town Totnes (TTT) eine global aktive Bürgerbewegung in 38 Ländern mit fast 1000 aktiven Transition Initiativen geworden, davon allein im deutschsprachigen Raum mehr als 70.

Globale Herausforderungen lokal angehen

Um alle Menschen weltweit nachhaltig und gerecht versorgen zu können, müssten wir als BewohnerInnen eines hoch entwickelten Industrielandes unseren Ressourcenverbrauch im Schnitt auf 10 bis 20% unseres bisherigen Pro-Kopf-Verbrauches reduzieren – für viele ein völlig unvorstellbares Szenario, das Abwehr und Verzichtsängste auslöst. In Anbetracht der persönlichen Herausforderungen versucht man bei Transition, mit den damit verbundenen Gefühlen einerseits angemessen und respektvoll umzugehen, andererseits kreativ und positiv. Die Transition Grundsätze sind unter anderem abgeleitet aus der Permakultur, kreislauforientierter Wirtschaft und dem Resilienzgedanken. Lösungsansätze müssen also ganzheitlich sein, ebenso wie die Herangehensweise der Menschen, die sie entwickeln.

Zugleich sind die Lösungsansätze lokal und überschaubar in ihrer Dimension; Ergebnisse werden sicht- und wahrnehmbar. Praktisch geht es um die Themen Energie und Mobilität; weniger, aber nachhaltiger Konsum, Müllvermeidung und regionale Ernährung. Wie kann Arbeit neu organisiert und verteilt werden, wie kann Wirtschaft auch im Tausch oder mit regionalen Komplementärwährungen funktionieren.

Bürgerkraftwerke, Müllvermeidung, Car-Sharing, städtische Gärten, landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaften oder das Erwerben von Fähigkeiten, die schon vergessen schienen – die Vielzahl der Themen und aktiven Gruppen macht sicher einen Teil der Attraktivität von Transition aus. Sichtbare Erfolge sind wichtig für die Transition Initiativen, das heißt, lokale Lösungen für lokale Probleme zu schaffen, die durch Menschen vor Ort selbst erdacht und durchgeführt werden. Das Machbare tun und mit den positiven Erfahrungen die Grenzen des Machbaren dauernd erweitern, das ist die Dynamik der Initiativen. Aus „Verzicht“ wird „Gewinn“.

Hirn, Herz und Hand – der zentrale Ansatz der Ganzheitlichkeit

Hirn. Dieser Teil des Transition Modells steht für Bewusstseinsbildung durch Fakten und Wissen zu Abfallvermeidung, Ernährung, Transport, alternativer Wirtschaft oder dem Organisatorischen, also dem Teilen von Ideen und Plänen der vielen Initiativen untereinander.

Herz. Wenn Menschen mit besten Absichten und Ideen zusammenkommen, heißt das noch lange nicht, das man deswegen auch gut zusammenarbeitet. An internen Strukturen oder dem „Agenda Setting“ ist schon manche Initiative gescheitert, bevor es überhaupt losgegangen ist. Wie werden Entscheidungen getroffen oder Themengruppen gebildet? Welche Projekte sollen umgesetzt, mit welchen Initiativen, Institutionen oder Unternehmen soll die Zusammenarbeit gesucht werden? Die Richtung muss stimmen, ein grundlegender Konsens erarbeitet sein. Denken, planen und lernen sollen aber nicht aus dem Gefühl eines „ich muss“, sondern als fantasievolles „gestalten dürfen“ erlebt werden. Bei Transition wird eine vertrauensvolle und auf Austausch angelegte Atmosphäre geschaffen, denn viele Ideen befruchten sich gegenseitig, das kollektive Wissen wächst und wird allen zugänglich gemacht. Wandel betrifft auch das eigene Verhalten – ein bekannt schwieriges Feld, das Transition durch Trainings- und Coachingprozesse unterstützt.

Hände. Natürlich sollen möglichst viele Projekte auch umgesetzt werden. Das Spektrum reicht vom Bürgersolarkraftwerk über bäuerliche Einkaufsgenossenschaften, dem Anlegen von Gärten über die Einführung von RegioGeld bis hin zu Koch-, Näh- und Werkkursen. Netzwerke und Gemeinschaftlichkeit wachsen beinahe selbstverständlich – jeder soll auf Rückhalt zählen können. Solidarität ist die Essenz: früher nur aus der Not geboren definiert sie heute den neuen, nicht materiellen „Reichtum“ der Gemeinsamkeit.

Transition behauptet nicht, „die“ Lösung zu sein, Transition ist Inkubator für eine neue Gemeinsamkeit, die lokale Lösungen erarbeitet und umsetzt. Das geschieht oft experimentell, mit viel Freude und eigenverantwortlich – ohne darauf zu warten, dass „die da oben“ erst einen Rahmen oder das Tempo vorgeben.

Kontakt:

Das deutschsprachige Transition Netzwerk erreichen Sie unter:

Transition Netzwerk D/A/CH
c/o Transition Town Bielefeld e.V.
Bleichstr. 77a
33607 Bielefeld
Mail:   info[at]transition-initiativen.de
Seite: www.transiton-initiativen.de

Rasmus Elsner hat das TV Handwerk von der Pike auf gelernt, ab Ende der 80er Jahre beim Ausbildungsprogramm des SWF Baden Baden, dann aktuellen Journalismus beim NDR Hamburg. Es folgen der Start von VOXtours, über 10 Jahre Wissenschaft mit Gero von Boehm für arte Archimedes und Portraitproduktionen im In- und Ausland für das ZDF.
Experte: Gerd Wessling
Gerd Wessling (45) ist Diplom-Physiker und arbeitet in der IT-Branche. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit nachhaltigen Konzepten. Seit über 4 Jahren begleitet Gerd Wessling die Transition Initiativen; er war und ist oft in der Transition Keimzelle Totnes / UK und lebt an seinem Heimatort Bielefeld als Mitgründer von Transition Town Bielefeld und des Transition Netzwerkes D/A/CH. Er ist ausgebildeter Transition Trainer.