Nachhaltigkeit vs.Kapitalismus: Nachhaltigkeit ist ein trojan­isches Pferd

Nachhaltigkeit ist ein trojanisches Pferd um Ökonomie mit Empathie zu erobern. Langfristige Gewinne erzielen durch Verzicht auf Zerstörung der Lebensgrundlagen.
von Andreas Schäfer
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Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Konsequenz des logischen Denkens. Nachhaltigkeit ist zutiefst in der menschlichen Seele verankert. Der Mensch ist zum Mitgefühl, der Empathie, fähig. Und da trifft sich Erbe, Verhalten und  Kultur. Nachhaltigkeit ist die Folge einer abstrakten Empathie, die sich vom direkten Umfeld loslösen und sich auf ferne Generationen wie auch Zusammenhänge übertragen lässt.

Nachhaltigkeit ist genaugenommen aber keine neue Idee. Selbst bei dem Selbsterfinder und Schreibstubenreisenden Karl May (der vor 100 Jahren in die ewigen Jagdgründe einfuhr) kann man sie bereits finden. Ob man ihm nun in den Orient oder die „Dark and bloody grounds“ folgt.  Er berichtet sehr farbig von Umwelt- und menschlichen Katastrophen aus einem zutiefst christlichen Urbild heraus. Die Vergebung ist schon eine großartige Erfindung und ein grandioser Fortschritt, wenn es um juristische Handlungsketten geht: Gnade vor Recht. Deshalb ist es so wichtig, die Demokratie heutiger Prägung mit Minderheitenschutz und Resozialisierung standhaft zu verteidigen, nicht nur gegen atavistische Fährnisse aus dem nahen und fernen Osten sondern auch gegen neochauvinistische Angriffe aus dem Westen. Die merkelsche „marktkonforme Demokratie“ ist genau der falsche Weg und Kapitulation gegenüber einem permanenten Druck der „Märkte“. Oder besser, dem permanenten Druck der Marktteilnehmer, die von der Auspressung aller Ressourcen am meisten profitieren. Nachhaltigkeit ist auf das Fundament der Demokratie und Menschlichkeit angewiesen.

Der Gordon-Gecko-Kapitalismus regiert

Der Schriftsteller Uwe Timm warnte anlässlich der Verleihung der Carl- Zuckmayer-Medaille vor dem Abtauchen in postdemokratische Welten und verglich die Ökonomisierung des beginnenden 21. Jahrhunderts mit der Militarisierung des beginnenden 20. Jahrhunderts: „Einst prägte der Militarismus das Denken und Handeln in Deutschland. Heute brutalisiert ein uniformer Ökonomie-Jargon den öffentlichen Diskurs.“ Nicht nur in Deutschland. Der Psychoanalytiker Arno Gruen stellte in den Anything-goes-Neunzigern den „Verlust des Mitgefühls“ fest. Eine Politik der Gleichgültigkeit hatte fußgefasst.  Die Reagonomics zeigten Folgen. Maggie Thatchers neues England wurde hart nach dem Gesetz der Börse regiert. Bis heute. Herzoperationen müssen sich rechnen. Der Gordon-Gecko-Kapitalismus ist ausgebrochen. Der Schrecken wurde zum Vorbild. Die Unterhaltungsindustrie in Hollywood lieferte den kulturellen Soundtrack. Während man im alten Europa noch Fellinische oder Truffautsche Außenseiter feierte, boxte Rocky Balboa schon für einen systemkonformen Egoismus und John J. Rambo kämpfte marktkonform.

Mitfühlender Kapitalismus gesucht

Nachhaltigkeit ist ein trojanisches Pferd, um die Feste der Brutalo-Ökonomie mit Empathie zu erobern. Langfristige Gewinne gehen nun einmal nur einher mit dem Verzicht auf die Zerstörung der materiellen wie ideellen Lebensgrundlagen. Nachhaltigkeit ist zu wertvoll, um zu einer kurzlebigen Marketingfloskel degradiert zu werden. Wir brauchen einen Kapitalismus der demokratie- und umweltkonform ist, wir brauchen einen mitfühlenden Kapitalismus. Dafür braucht es echte Werte und nicht nur Börsenindizes oder Ratingbuchstabensuppen als Orientierung. Mitgefühl ist nicht das schlechteste Licht, das einen Weg leuchten kann, auf dem mehr Menschen – zumindest mit dem Lebensnotwendigen versorgt – mitschreiten können als bislang. Und ein Weg, für den  der Wald des Lebens nicht kahlgeschlagen werden muss. Wir brauchen Respekt vor dem Leben. Wir brauchen eine postreligiöse Wertediskussion, um gemeinsame Wege zu finden, die nicht in der Selbstdestruktion enden.

Empathie ist der Anfang

Das postnazistische Deutschland hatte eine Lektion aus dem Hitlerismus gelernt, die Wirtschaft wurde demokratisiert. Die Mitbestimmung mag angestaubt sein und ein wenig von Bürokratie überwuchert. Der Grundsatz bleibt jedoch richtig. Ob Koch oder Kellner, Kapitän oder Matrose, Häuptling oder Indianer sind die falschen Fragen. Der „Fortschritt“, eine Erfindung der Progressiven, wurde zu lange nur ökonomisch gedacht. Die Kühlschränke brummen noch tapfer vor sich hin, die computerisierten Waschmaschinen schwingen im Schleudergang und das Autoballett tanzt seine langen Schlangen. Wie lange noch? Wenn die Konsumverheißungen des gnadenlosen chinesischen Staatskapitalismus erfüllt werden, ist bald Schicht im Schacht. Partizipation ja. Aber dafür brauchen wir eine neue Revolution. Die von 1989 reicht ebenso wenig wie die von 1789. Empathie ist der Anfang.

Andreas Schäfer ist Autor und Regisseur. Seit 2009 ist er Chefredakteur des Magazins Showcases. In einer Essayreihe beschäftigt er sich mit der Kommunikation im 21. Jahrhundert...
  • ernst martin walsken

    Na, so ganz bin ich nicht Deiner Meinung, Andreas. Demokratie ist auch Markt: Stimmmungsmarkt, Meinungsmarkt, Markt für Parteien (bestes Beispiel: Piraten). Was immer (oder wer immer) Merkel veranlasst hat, das Wort Markt zu benutzen, wir wollten als Teilnehmer des Marktes "Demokratie" uns positionieren, um Marktversagen (das gehört zur Marktwirtschaft und begegnet uns sowohl in der Umweltpolitik, dem Verbraucherschutz, Mindestlohn, Nachhaltigkeit, der Monopolisierung…) zu definieren, Gegenkräfte zu mobilisieren und den Markt nicht denen überlassen, die Marktversagen als Mittel zur Gewinnmaximierung nutzen. Insofern ist der Beitrag von Dir dereines kritischen Marktteilnehmers und von daher sehr gut!!