Mehr Verkehrstote im Jahr 2011: Mehr Verkehrstote wegen Schönwetter?

Kann wirklich das gute Wetter daran schuld sein, dass es 2011 mehr Verkehrstote gab?
von Volker Eidems
Wodurch gibt es mehr Verkehrstote?© iStockphoto / ra photography

2011 starben 9,4 Prozent mehr Menschen auf Deutschlands Straßen als im Jahr 2010. Mit insgesamt 3991 Personen liegt die Zahl zwar immer noch deutlich unter dem Wert von 1991 – und erst recht unter dem Negativ-Rekordjahr 1970, als 21.332 Unfalltote zu beklagen waren – doch der Anstieg weckt Ängste.

Das Statistisches Bundesamt hat die Zahlen ermittelt, weist aber darauf hin, dass bislang keine abschließende Auswertung nach Verkehrsteilnehmergruppen (Auto, Fahrrad, Fußgänger etc.) vorgenommen wurde. Trotzdem hat das Amt eine Erklärung für den Anstieg gleich mitgeliefert – und der ADAC schloss sich schnell an: Das Wetter sei schuld gewesen, milder Frühling und Herbst hätten besonders Fußgänger und Radler auf die Straße gelockt.

Während ein klirrender Wintereinbruch im Dezember 2010 Autofahrer zum vorsichtigen Fahren animiert habe, kletterten die Unfallzahlen im Dezember 2011 in die Höhe. Warum von Januar bis September (für diesen Zeitraum gibt es bereits differenzierte Daten) aber rund 25 Prozent mehr Fußgänger starben als im Vorjahr, ist durch das Wetter wohl kaum zu erklären. Genauso wenig, warum auch im traditionell heißen August die Zahl der Opfer gestiegen ist.

Wie unsicher sind unsere Straßen?

Ich frage mich ja öfter, ob meine eigene Wahrnehmung gestört ist, ich vielleicht einfach nur älter werde und den Stress im Verkehr nicht mehr so gut abkann, oder ob sich wirklich die Stimmung ändert – vom Vorfahrt nehmen über das Dichtauffahren bis zum Hupkonzert vor dem Kinderwagen.

Wenn man sich die großen Fortschritte bei der Entwicklung der Verkehrssicherheit einmal ansieht, dann waren es insbesondere Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Trendwenden ausgelöst haben – und zu schnelles Fahren bleibt immer noch Unfallursache Nummer eins, dicht gefolgt von Fahrfehlern beim Abbiegen, Wenden etc. und Alkohol.

Bernhard Witthaut, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, sah gegenüber Pressevertretern denn auch eine verwilderte Verkehrsmoral als Ursache für den Anstieg der Opferzahlen. Diese äußere sich in rücksichtslosen Fahrweisen, Alkohol, überhöhter Geschwindigkeit und Missachtung der Verkehrsregeln. Es werde angesichts der Verkehrszunahme zu wenig überwacht.

Das deckt sich mit meinem Empfinden schon eher als die Wettererklärung des Statistischen Bundesamts. Airbags, Gurte (bzw. deren Benutzungspflicht) und Knautschzonen sind eine feine Sache für die Insassen im Auto, Radfahrer und Fußgänger aber haben diese Möglichkeiten nicht, in ihre Sicherheit zu investieren. Das müssen also – so leid, wie mir der Ruf nach dem Staat tut – die anderen übernehmen, wenn die Nicht-Autofahrer sich weiter aus dem Haus trauen sollen.

Fußgänger und Radfahrer müssen geschützt werden

Laut Auto Club Europa (ACE) sind die Bundesausgaben für Verkehrssicherheit massiv zurückgefahren worden und betragen nur noch 12 Cent pro Kopf und Jahr. Dafür bekommt man keinen neuen Rad- oder Fußgängerweg und in der Folge auch keine Verkehrswende.

Also bitte lieber ADAC, hör auf mit der Augenwischerei, Autos haben de facto die Macht auf den Straßen, und wenn diese nicht von außen beschränkt wird, werden die Schwächeren untergehen. Wenn ich mir dann noch die Plakate an den Autobahnen ansehe, auf denen Halbtote oder dezimierte Familien auf die Tränendrüse drücken, wird mir schlecht: Dafür werden dann die 12 Cent pro Kopf rausgehauen?

Da geht meine Frage eher an die Autobauer: Wie wäre es einfach serienmäßig mit weniger schnellen Autos? Seit Jahren wird uns die PS-Zunahme als Sicherheitsaspekt verkauft – „damit kann man schneller überholen oder den Kreuzungsbereich freimachen“ – dabei ist sie einfach unnötig und steht der defensiven Fahrweise entgegen. Aber ihr werdet sagen „die Kunden wollen das“, schon klar, auch wenn die Kunden das noch gar nicht wussten, weil sie gestern auch schon zügig ans Ziel kamen. Und damit bleibt dann wieder nur die Forderung nach verstärkten Kontrollen und hohen Strafen für rücksichts- oder gedankenlose Fahrer. Eigentlich schade.

Volker Eidems (Soziologe M.A.) ist gern unterwegs, am liebsten mit dem Rad. Wenn die Strecken aber zu lang oder die Koffer zu groß für den Fahrradanhänger sind, nutzt er möglichst das ökologischste alternative Verkehrsmittel – und das ist gar nicht so einfach zu ermitteln...
  • Christiane Malert

    Ich sage, die Konzentration auf das Wesentliche fehlt. Zugestöpselt und mit allerei Zubehör wie in einen Kokon gesteckt, sich bewusst von der Umwelt abschirmend, kann man (m/w) die Verkehrssituation nicht mehr einschätzen.

  • dorian elf

    mal kurz nachdenken… es gibt immer weniger jugendliche, die sich zu tode rasen könnten, der spritpreis ist auf rekordniveau, das auto hat seinen wert als statussymbol verloren, stagnierende löhne machen einen autokauf zur schwierigen sache, auf der autobahn ist inzwischen die langsamfahrer-spur voller als die überholspur, die sicherheitstechnik ist enorm weit und 80% aller autofahrten finden im nahbereich unter 5km statt. woher, also, kommen diese mehr-toten? wegen dem wetter? im ernst? hatten wir die letzten 50 jahre schlechtes wetter?

    ich bin davon überzeugt, dass die alternde gesellschaft in deutschland die ursache für viele unfälle mit todesfolge sind und sein werden. die lösung dieses problems wird sein, das dass der elektronische fahrassistent in zukunft das autofahren für uns übernimmt. wir werden immer älter, aber nicht besser – zumindest nicht was fahrsicherheit angeht. und wir haben in deutschland (oder japan) in naher zukunft ein viel größeres problem, als nachhaltige mobilität: mobilität im nahbereich.