Meditatives Theater: Kann Theater achtsam sein?

Das Theaterstück “Die Reise durch die Nacht”, inszeniert von Katie Mitchell läuft ab Frühjahr 2013 wieder in Köln. Andreas Schäfer weiß: Es wird sich lohnen!
von Andreas Schäfer
Reise durch die NachtFoto: Stephen Cummiskey

Theater kann viel sein: Schlachten wie bei Heiner Müller,  Rock `n´ Roll wie beim sanften Bühnenberserker Frank Castorf, ein hochkomischer, politischer oder philosophischer Comic-Strip wie bei René Pollesch oder hochmusikalisch schräg wie die Kompositionen des Sanges-Animateurs Christoph Marthaler. Theater kann auch meditativ sein wie die heiligen Messen, die der Altmeister Peter Brook in Paris zelebriert. Hamlet als Hochamt.

Geerdeter sind die Inszenierungen von Katie Mitchell, einer hoch talentierten Regisseurin, die wie Brook aus der sprachlich bestimmten Tradition des englischen Theaters kommt. Da stört kein falscher, da stört kein lauter Ton. Jeder Ton ist gesetzt. Ihre Inszenierungen sind Wort-, Klang- und Bildmeditationen, die vor allem erzählende Texte in grandiose filmische Trips transformieren. In Köln sind ihr hintereinander zwei brillant strahlende Arbeiten mit dem dortigen Ensemble gelungen. Die „Wellen“ nach Virginia Woolfs Roman waren ein Publikumsmagnet. In der aktuellen Spielzeit muss das Theater durch die Renovierung des Schauspielhauses in Ausweichquartieren überwintern. Die rechtsrheinische Halle Kalkist gefordert, denn die Meditationen von Katie Mitchell sind hoch technisiert.
Eine Videoprojektions-Ebene und kompliziertes Sound-Design mischen sich mit der körperlichen Schauspielarbeit der Akteure. Die Technik dient der Geschichte und der dramatischen Wirkung. Die „Reise in die Nacht“ von Friederike Mayröcker wird zu einer Reisefantasie der Zuschauer in Sinn und Sinnlichkeit. Die Lokomotive der Erzählung zieht die Familienaufstellung, wie den Waggon, der die Bühne bildet. Durchs Fenster sieht man eine Erzählerin in einem Abteil in ein Mikrofon sprechen. Ihre Prosastimme wird zur Bahnsteig-Durchsage. Assoziationen durchziehen den restlichen ÖBB -Schlafwagen und werden zur Zeitreise durch die anderen Compartments. Alle bis auf die Ehrzählerin agieren stumm. Man steigt in den Kopf von Julia Wieninger , die der Dichterin für diese Nacht ihren Körper leiht. Ihr Spiel ist großartig reduziert, während eine der sechs Live-Kameras immer auf sie gerichtet ist. Der Blick geht durchs Fenster. Von außen nach innen, von innen nach außen. Schreib- und Lautsprache laufen synchron. Es ist ein Trip mit dem Zug durch den Kopf der Dichterin. Es wird ein Buch gemacht.

Das erzählende Theater der Katie Mitchell hat nicht nur eine große Tiefenwirkung, sondern auch eine große äußere Schönheit. Die kommt aus der inneren Ruhe, mit der sie ihre Geschichten ausbreitet. Theater soll die Menschen in einen positiveren Zustand versetzen, als der, in dem sie waren, bevor sie das Theater betraten, gleichwohl wessen und welche Geschichte, auch wie, verhandelt wird. Diese Momente sind kostbar. Mitchell öffnet ein Schatzkästlein des Lebens, dabei sind die Preziosen hier keine einfache Kost.
Das Theater der Katie Mitchell ist kein Surrogat, kein Big-Mac-Theater. Ebenso wenig Hausmannskost. Es ist behutsame Haute cuisine und der richtige Einstieg für potenzielle Zuschauer, die diesen bislang nicht wagten, weil sie den Schock fürchten, den viele zeitgenössische Theatermacher für heilsam halten. Der Schock, die Konfrontation sind ein erlaubtes theatrales Mittel, verderben aber das dramatische Gericht, wenn sie das Bühnengeschehen vordergründig dominieren. Ständig verabreichtes Chili ist selbst dem geübtesten Gaumen irgendwann zu viel.
Mitchells Bilder bleiben über den Abend bestehen, die Stimmen und Klänge verbleiben im Ohr. Man möchte mit im Zug sitzen und nicht nur Zuschauer sein. Man möchte in die Bilder steigen und glaubt dort realen Menschen zu begegnen. Dabei ist diese „Reise in die Nacht“ nur Theater, aber keine Illusion. Man ist tatsächlich Menschen begegnet, und zwar Künstlern, die die Zuschauer Wert schätzen. Dieses Theater tut der Seele gut!
Die „Reise durch die Nacht“ wird im Frühjahr 2013 wieder aufgenommen. Man sollte sich frühzeitig informieren und um Karten  bemühen.

Andreas Schäfer ist Autor und Regisseur. Seit 2009 ist er Chefredakteur des Magazins Showcases. In einer Essayreihe beschäftigt er sich mit der Kommunikation im 21. Jahrhundert...