Der Weltwassertag wird 20 Jahre: Wasser für alle – 20. Weltwassertag und 6. Weltwasserforum in Marseille

Wasser – ein wertvolles Gut, das hierzulande oft allzu selbstverständlich genutzt wird – gerät heute am Weltwassertag 22. März 2012 weltweit in den Blick.
von Monika Hoegen
© watermediaccenter / WaterAid, Brent Stirton

Am 22.3.2012 findet zum 20. Mal der Weltwassertag statt. Monika Hoegen war auf dem 6. Weltwasserforum in Marseille und dem alternativen Wasserforum FAME.

Wasser – ein wertvolles Gut, das hierzulande oft allzu selbstverständlich genutzt wird – gerät heute am Weltwassertag 22. März weltweit in den Blick. Bereits in der vergangenen Woche haben sich rund 20.000 Teilnehmer – Politiker, Firmenvertreter, Nichtregierungsorganisationen und Jugendinitiativen mit den globalen Weltwasserproblemen beschäftigt – beim 6. Weltwasserforum in Marseille. Nötig ist das allemal: Zwar sind die Millenniumsziele im Hinblick auf den  Zugang zu sauberem Trinkwasser  bereits erreicht – dank deutlicher Verbesserungen bei den beiden Bevölkerungsgiganten Indien und China.

Doch rund 1,2 Milliarden Menschen verfügen immer noch nicht über sauberes Trinkwasser, 1,1 Milliarden haben keine Toiletten. Wie man diese globalen Probleme lösen kann, ist allerdings nicht unumstritten. Kritiker, die ein eigenes alternatives Forum in Marseille organisierten, warfen der offiziellen Veranstaltung vor, von den multinationalen Konzernen manipuliert zu sein.

Wasser für alle – wie kann es funktionieren?

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In diesen Tagen saß Jacques Cambon häufig im Halbdunkel. In den alten Hafengebäuden am Dock Süd empfing er seine Gesprächspartner in einem improvisierten Pressezentrum mit klapprigen Holztischen und spärlichen Glühlampen. „Die Stadt wollte uns nicht hier haben“, entschuldigte Cambon die Umstände auf dem Alternativen Wasserforum FAME in Marseille. „Es war schwierig, überhaupt einen Veranstaltungsort zu finden.“

Tatsächlich ist der Ingenieur etwas mehr Rampenlicht gewöhnt. Immerhin war er einmal Leiter des Bereichs Afrika von SAFEGE, einer Tochterfirma des internationalen Wasser-Konzerns SUEZ. Jetzt aber, als Rentner, hat er sich dem Netzwerk Attac und seiner Kritik an den globalen Unternehmen angeschlossen: „Die Lösungen für die globalen Wasserprobleme kommen nicht von den Multis und ihrer hoch entwickelten Technik, sondern durch kreative, nachhaltige Projekte auf lokaler Ebene“, sagt Cambon und bringt damit die Kritik am offiziellen 6. Weltwasserforum in Marseille auf den Punkt.

Das fand unter dem Motto „Zeit für Lösungen“ ein paar Kilometer weiter und unter wesentlich besseren Bedingungen statt. Auf dem weitläufigen Gelände des Parc Chanot trafen sich Minister, Firmenvertreter, Nichtregierungsorganisationen und Jugendinitiativen – rund 20.000 Teilnehmer diskutierten rund 800 Stunden lang in Workshops, Podiumsdiskussionen und Side-Events Vorschläge für eine bessere Wasserwelt.

An 90 Messeständen präsentierten Firmen Methoden der Trinkwassergewinnung, Wassereinsparung und -aufbereitung. In einem „Dorf der Lösungen“ wurden regionale Projekte gezeigt. 1997 wurde das Weltwasserforum ins Leben gerufen – vom Weltwasserrat, dem Vertreter aus Ministerien, internationalen Finanzeinrichtungen und multinationalen Unternehmen angehören. Seither findet das Forum alle drei Jahre statt und sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, zu sehr von den Konzernen beeinflusst zu sein.

Recht auf Wasser immer noch nicht umgesetzt

Soviel jedoch ist unumstritten: Wasser ist zu einer der größten globalen Herausforderungen geworden. Zwar sind die Millenniumsziele mit Blick auf den Zugang zu sauberem Trinkwasser bereits erreicht – vor allem dank deutlicher Verbesserungen bei den beiden Bevölkerungsgiganten Indien und China. Neun von zehn Menschen weltweit haben nach Angaben der UN heute sauberes Wasser – zwei Milliarden mehr als noch 1990.

Doch das heißt auch: Rund 1,2 Milliarden Menschen leben immer noch ohne sauberes Trinkwasser. 1,1 Milliarden stehen keine Toiletten zur Verfügung. Und jeden Tag sterben 3000 Kinder an Durchfallerkrankungen. Dass es so nicht weitergehen kann, erkannten die Teilnehmer des Weltwasserforums in Marseille an. Allerdings nicht deutlich genug, wie die Kritiker am Dock Süd – und nicht nur sie – befanden.

So zeigte sich Catarina Albuquerque, UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wasser, enttäuscht von der Ministererklärung, die auf dem Forum verabschiedet wurde. Sie bleibe hinter dem von den UN 2010 verabschiedeten Menschenrecht auf Wasser zurück. „Wir müssen aufhören, das immer wieder in Frage zu stellen“, so Albuquerque. „Jetzt geht es darum, dieses Recht endlich umzusetzen“.

Tatsächlich haben zwar viele Länder das Recht auf Zugang zu Wasser in ihre nationalen Regelwerke aufgenommen, doch das mache sich in der Realität oft wenig bemerkbar, berichteten in Marseille Aktivisten aus so unterschiedlichen Weltgegenden wie Bolivien, Bangladesch oder Uganda. Mehr politischen Willen und mehr finanzielle Mittel für die Umsetzung des Rechts auf Wasser fordert auch Tobias Schmitz vom internationalen Nichtregierungs-Netzwerk „Butterfly Effect“.

Konzessions-Verträge, die vor Jahren mit privaten Wasserfirmen geschlossen wurden, müssten überdies geprüft und verändert werden falls sie nicht mit dem Menschenrecht auf Wasser konform sind.

Wasser aus staatlicher oder privater Hand?

© Monika Hoegen
Globus, auf dem Park-Gelände des Forums  

Anderen geht das noch nicht weit genug. Keinesfalls dürften private Unternehmen die Wasserversorgung übernehmen, sie müsse der Kontrolle der Bürger unterliegen, fordert Gustave Massiah von Attac Frankreich, zugleich Mitglied im Vorstand des Weltsozialforums. Er schlägt einen gestaffelten Tarif vor, bei dem die Industrie deutlich mehr für das Wasser bezahlt. Dagegen sollte ein Grundbedarf im privaten Verbrauch – circa 15 Liter pro Tag und Person – für jedermann kostenlos zugänglich sein.

Eindrucksvoll beschrieb die philippinische Aktivistin Maria Theresa N. Lauron in Marseille die Erfahrungen mit der Privatisierung des Wassersektors in ihrem Land. So gebe es dort die höchsten Wassertarife in ganz Süd-Ost-Asien – mit Preiserhöhungen zwischen 450 und 800 Prozent seit 1997. Und selbst die Wasserqualität habe nachgelassen. „Vor ein paar Jahren starben 600 Leute durch bakterielle Infektionen“, so Lauron.

Dass viele der Probleme noch aus der Zeit vor der Wasserprivatisierung in Manila stammten und sich die Situation seither gebessert habe, hielt Gerard Payen, Vertreter von Aquafed, einem Zusammenschluss privater Wasserfirmen, dagegen. Doch bei den Aktivisten fand er damit kaum Gehör.

So auch nicht bei Gerlinde Schermen von der Bürgerinitiative Berliner Wassertisch. Seit 1999 die Wasserversorgung an der Spree von RWE und dem französischen Unternehmen Violia übernommen wurde, hätten sich die Preise um 35 Prozent erhöht, so Schermen: „Kein Wunder, denn in den Verträgen mit der Stadt wurden den Unternehmen erhebliche Renditen zugesagt.“ Nun fordert die Bürgerinitiative die Rekommunalisierung der Wasserversorgung in der deutschen Hauptstadt.

Das Ringen um das wertvolle Gut Wasser wird auch in Zukunft nicht leichter werden. Denn laut dem 4. Weltwasserreport von UN Water, der ebenfalls in Marseille vorgestellt wurde, verschärfen Verschmutzung durch Industrie und Landwirtschaft, Klimawandel und Bevölkerungszuwachs die Wasserknappheit. Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden weltweit 70 Prozent mehr Lebensmittel benötigt – wofür noch einmal ein Fünftel der weltweiten Wasserressourcen benötigt und belastet wird.

Autorin: Monika Hoegen
Monika Hoegen, geboren am 25.8.1963, arbeitet seit knapp zwanzig Jahren als Journalistin für namhafte deutsche Print- und Radiomedien – nach dem Studium der Politikwissenschaft und Germanistik zunächst als freie Mitarbeiterin, Redakteurin und stellvertretende Leiterin einer Lokalredaktion für den „Kölner Stadt-Anzeiger“...