Co2-Ausstoß in Deutschland: Gerade mal 10.000 Euro für ein nachhaltig gutes Gewissen

Die Deutschen haben im Durchschnitt einen CO2-Footprint von elf Tonnen. Zwei Tonnen wären für das Klima verträglich. Ändern kann man dies nur durch das Konzentrieren auf die große Schritte.
von Torsten Mertz
Ökologischer Fußabdruck©iStockphoto.com/ amriphoto

Oder: Das Große tun oder das Kleine nicht lassen?

Vor einigen Wochen habe ich einem Vortrag von Dr. Michael Bilharz gelauscht, der beim Umweltbundesamt im Bereich Förderung nachhaltiger Konsumstrukturen tätig ist. Er widerspricht in seinen Vorträgen und seinem Buch “Key Points nachhaltigen Konsums“ der gängigen These, dass es auf viele kleine Schritte im Alltag ankäme, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern.

Bescheidene Maßnahmen, die wenig CO2 sparen – er nennt sie „Peanuts“ – wie zum Beispiel die Energiesparbirne, das Kochen mit Deckel oder das Ausschalten des Lichts beim Verlassen eines Raumes, erachtet er als wenig zielführend. Vielmehr sollten wir unsere begrenzte persönliche Energie und Zeit in die großen Dinge, eben die „Big Points“, stecken. Dafür wird er von vielen Umweltschützern kritisiert. Sie fühlen ihr Engagement für die Verhaltensänderungen im Alltag kleingeredet.

Lohnt sich das Energiesparen im Alltag überhaupt?

In der Tat aber hat es unsere Gesellschaft trotz eines insgesamt hohen Umweltbewusstseins mit Mülltrennung, Wassersparen und Lichtausschalten nicht geschafft, den Umweltverbrauch signifikant zu senken. Im Gegenteil: Immer noch haben die Deutschen im Durchschnitt einen CO2-Fußabdruck von rund elf Tonnen. Zwei Tonnen wären für das Klima gerade noch verträglich.

Man kennt das ja selbst: Wer sich hier und da klimafreundlich verhält, etwa hin und wieder etwas kürzer duscht, im Supermarkt die Fairtrade- und Bioprodukte mitnimmt, den Kindern erklärt, welcher Müll in welche Tonne gehört und die Partnerin überredet, den Backofen nicht vorzuheizen, meint schon das Menschenmögliche getan zu haben.

Aber den Lebensstandard mag man ja in der Regel nicht gravierend einschränken und wehe, es kommt einer mit dem erhobenen Zeigefinger – dann kann man schnell zurückschießen und auf dessen Smartphone zeigen oder den Skiurlaub anführen.

Da erscheint Bilharz´ Argumentation mehr als nachvollziehbar: Ist es zielführend,über „Peanuts“ zu reden, die lediglich wenige Kilogramm CO2 einsparen, wenn es gleichzeitig Maßnahmen gibt, die tonnenweise Emissionen vermeiden? Zu seinen großen Stellschrauben gehören vor allem die Bereiche Heizen (hier vor allem Isolieren von Häusern), Ernährung (z.B. Bio und weniger Fleisch), der Finanzsektor (v.a. Investitionen in erneuerbare Energien) sowie die Mobilität (etwa der Verzicht auf Flugreisen und das eigene Auto).

Vor allem reiche Menschen müssten sich ums Klima kümmern

Damit spricht die Idee der Big Points vor allem Menschen an, die über ein gewisses Einkommen verfügen. Zum einen, weil diejenigen, die sich eine große Wohnung und viele Reisen leisten können, die größten privaten Klimaschädlinge sind. Und zum zweiten, da sie sich auch die großen Maßnahmen leisten können.

Ein Beispiel: Wer 10.000 Euro in eine Windanlage investiert, neutralisiert durch diesen Beitrag zum Ausbau von erneuerbaren Energien seinen kompletten CO2-Ausstoß. Soweit so schön. Schwieriger wird es bei der Methode der „Kompensation“ von CO2, das ich etwa durch eine Flugreise verursache. Dabei sagt mir ein CO2-Rechner anhand der Flugdistanz, wie viel Geld ich als Ausgleich an eine Organisation spenden soll, die in den Aufbau von klimafreundlichen Infrastrukturen in Entwicklungs- oder Schwellenländern investiert.

Diese Kompensationen haben – nicht ganz zu unrecht – keinen sonderlich guten Ruf, gelten sie doch als Ablasshandel, um sich von der persönlichen Verantwortung freizukaufen.

Jeder sollte Verantwortung für seinen CO2 Verbrauch übernehmen

Auch zu diesem Problem hat der Konsumforscher Bilharz freilich eine Meinung: Es wäre ja schön, wenn alle, die nicht kompensieren, stattdessen an anderer Stelle ganz viel CO2 einsparen würden. Leider ist dem nicht so. Das von ihnen genannte Argument sei meistens eher genau das, was sie anderen vorwürfen: Eine Rechtfertigung, sich vor der persönlichen Verantwortung zu drücken, erläutert Bilharz in einem Interview.

Der evidero-Nachhaltigkeits-Kolumnist hingegen ist an dieser Stelle unschlüssig: Er bemüht sich nach Leibeskräften, seinen Umweltverbrauch so gering wie möglich zu halten. Und fast jede Konsumentscheidung verursacht ihm Gewissenskonflikte. Okay, das ein oder andere könnte er sicher noch optimieren, aber dafür mangelt in der Regel an Zeit. Und/oder schlicht an Lust.

Für einen wie mich wäre daher eine Kompensation der lebenslangen Emissionen in der Tat ein Segen. Aber braucht es, um die Probleme der Gesellschaft angehen zu können, nicht eine permanente Beschäftigung mit dem Thema und ein gewisses Bewusstsein für das was nötig und möglich ist? Das aber erlangt man nur, indem man sich täglich mit dem eigenen Verhalten und seinen Grenzen auseinandersetzt. Und was ist mit den häufig zitierten Milliarden Menschen, die endlich so leben wollen wie wir? Sollen die in europäische Energieeffizienz-Projekte investieren? Ideen dazu hätte ich einige.

Daher meine persönliche Zwischenbilanz: Das Große tun und das Kleine nicht lassen. Auch, um zu zeigen: Es tut nicht weh, klimafreundlicher zu leben. Oder wie halten Sie es mit dem Klimaschutz?

Torsten Mertz ist Geograph, Redakteur und Autor. Er arbeitet in einem renommierten Münchner Nachhaltigkeits-Verlag, ist Verfasser des “Schnellkurs Ökologie” und schreibt gerade an einem weiteren Band der Kochbuch-Reihe „Gemüse ist mein Fleisch“. Bei evidero bloggt er über sein Lieblingsthema: die Gewissensfragen, mit denen sich ein interessierter Konsument heute konfrontiert sieht.
  • Michael Bilharz

    Lieber Torsten,
    zufällig hier gelandet. Deine Zusammenfassung „Das Große tun und das Kleine nicht lassen“ trifft den Sachverhalt sehr gut. Auch wenn Du das eher als Gegenmeinung zu mir positionierst: Ich unterschreibe diesen Satz gerne mit. Auch wenn ich immer wieder so rüberkomme (und dabei natürlich auch selbst ein bisschen schuld bin), ich bin nicht ganz so „rigoros“: „Peanuts bringen nichts“. Wie Du es schreibst:
    „Bescheidene Maßnahmen, die wenig CO2 sparen – er nennt sie „Peanuts“ -, wie zum Beispiel die Energiesparbirne, das Kochen mit Deckel oder das Ausschalten des Lichts beim Verlassen eines Raumes, erachtet er als wenig zielführend. Vielmehr sollten wir unsere begrenzte persönliche Energie und Zeit in die großen Dinge, eben die „Big Points“, stecken.“
    Das ist zwar nicht falsch, aber auch wieder so formuliert, dass man es rausliest: „Peanuts bringen nichts“. Das ist aber nicht meine Kernaussage. Ich habe überhaupt nichts gegen das Umsetzen von Peanutsmaßnahmen im Alltag. Mein Alltag ist voll davon. Ich habe aber ganz arg etwas gegen Peanuts, wenn sie unsere gesamte Aufmerksamkeit beanspruchen und von den zentralen Hebeln ablenken, die uns viel schneller und mit höherer Erfolgswahrscheinlichkeit zum Ziel führen.
    Ich stelle nämlich empirisch untermauert fest: Der kleine-Schritte-Automatismus ist eine Ideologie ohne empirischen Beleg. Es gibt sicherlich einzelne Erfolgsbeispiele, aber im Grundsatz gilt: Nur weil jemand heute kleine Schritte umsetzt, reduziert er morgen noch lange nicht in großem Umfang seinen Ressourcenverbrauch. Diese Feststellung ist kein Argument gegen das Umsetzen von Peanuts-Maßnahmen, es ist aber wohl ein Argument gegen die Aussage, dass wir mit Peanuts-Maßnahmen zu unseren großen Zielen kämen.
    Meine Kernaussage ist deshalb:
    Wenn wir große Ziele erreichen wollen (z.B. weniger als 2-Tonnen-CO2eq pro Person und Jahr), müssen wir die Prioritäten richtig setzen (und Prioritäten setzen ist eben nicht schwarz weiß, sondern eine Zuteilung von „Gewichten“). Das betrifft den einzelnen Konsumenten, aber mehr noch Akteure der Nachhaltigkeitskommunikation.
    Konkret. Wir müssen:
    1. Die Big Points in Angriff nehmen
    2. Politische Wirkung erzeugen (Key Points = Big Points + strukturpolitische Wirkung; politisches Engagement)
    3. Die begrenzten kommunikativen Ressourcen von Personen und Organisationen vor allem (d.h. aber nicht nur) auf eben diese relevanten Themen lenken.
    Dabei gilt: Wenn wir Resonanz in der Bevölkerung erreichen wollen, helfen uns die Big Points nur bedingt, weil viele eben mit Verzicht assoziiert werden. Deshalb die Unterscheidung zwischen Big Points als Überbegriff und Key Points als Teilmenge. Und deshalb meine Botschaft: Wenn wir Nachhaltikgeitskommunikation zum nachhaltigen Konsum betreiben, d.h. freiwillige Konsumpioniere aktivieren wollen, dann sollten wir nicht die Big Points allgemein, sondern die Key Points in den Vordergrund stellen.
    4. Wir müssen auf die Wirkung achten und nicht auf die damit verbundene Anstrengung. Da habe ich viele KollegInnen, die die (angeblich) notwendige Suffizienz als ceterum censeo hochhalten, weil Technik und Gesetze ja nicht reichen würden. Darüber kann man gerne reden, aber eben bitte strategisch und nicht gebetsmühlenartig.
    Praktisch gewendet: Ich kann ohne Widerspruch zu meinen Thesen mich über die Ökobilanz von Tetrapack versus Milchflasche unterhalten. Was ich aber nicht machen werde, ist den Leuten zu predigen, ihr müsst Milchflaschen kaufen, wenn ihr die Umwelt schützen wollt. Wohl aber predige ich den Leuten die Key Points: Maximale Wirkung mit persönlichem Nutzen.