Biosprit E 10: Die wundersame Welt der Biorohstoffe

Der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen wie Zuckerrohr, Mais, Ölpalmen oder Jatropha steht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion sowie zum Artenschutz.
von Torsten Mertz
Biorohrstoffe tanken©iStockphoto.com / Rolf Fischer

Nachwachsende Rohstoffe versus Erdöl – ansich scheint die Entscheidung da nicht schwer zu fallen. Doch woher kommt eigentlich der Platz für die Anbaufläche für Biosprit?

Werte Leserin, werter Leser,

gestatten Sie mir ein paar Fragen: Wie halten Sie es mit dem Biosprit? Tanken Sie E10 oder zahlen Sie wie fast 90 Prozent der Deutschen für weniger „Bio“ im Sprit lieber ein paar Cent mehr pro Liter? Und wenn Sie zur Mehrheit der E10-Verweiger gehören, was sind Ihre Gründe? Fürchten Sie

  • a) um die Leistungsfähigkeit Ihres Motors, lehnen Sie
  • b) alles ab, was die Bundesregierung uns mal wieder an grünen Spinnereien aufzwingen will, oder glauben Sie
  • c), dass Bioethanol noch weniger umweltfreundlich ist als normaler Sprit aus Erdöl? Bitte fühlen Sie sich, wenn Sie
  • d) kein Auto fahren oder
  • e) Diesel tanken, nicht diskriminiert und lesen Sie trotzdem weiter – nun kommt nämlich eine Frage, die auch Sie beantworten können

Würden Sie einen Joghurt kaufen, auf dessen Packung zu lesen steht, dass der Plastikbecher, der den Joghurt schützt, „43 Prozent weniger fossile Rohstoffe“ verbraucht und eine „um 25 Prozent bessere Klimabilanz“ aufweist als ein herkömmlicher Becher? So hat es im letzten Jahr Danone für seinen „umweltfreundlichen“ Activia-Joghurtbecher versprochen und auf die Verpackung gedruckt.

Sind Biosprit und Bioplastik vielleicht sogar umweltschädlich?

Was das mit Biosprit zu tun hat? Viel. Denn der tolle Danone-Joghurtbecher besteht aus dem Biokunststoff Polymilchsäure (PLA), auf der Basis von des nachwachsenden Rohstoffs Maisstärke, aus dem man auch feines Ethanol hätte herstellen können.

Und obwohl der WWF das Produkt mitentwickelt hat, sind die positiven Aspekte des PLA-Bechers nur ein Teil der Wahrheit: Wichtige Ergebnisse der Ökobilanz, nämlich die negativen, wurden auf der Packung und auf den Websites des werbestarken Greenwash-Duos schlicht verschwiegen. Die Verbraucherschutzorganisation Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat Danone daher wegen irreführender Werbung verklagt und erwirkt, dass 2012 nicht mehr mit der vermeintlichen Umweltfreundlichkeit geworben werden darf.

Die negativen ökologischen und sozialen Effekte des Biosprits und des Bioplastiks sind prinzipiell die gleichen: Der Anbau von sog. nachwachsenden Rohstoffen (u. a. Zuckerrohr, Mais, Ölpalmen, Jatropha etc.) steht in direkter und massiver Konkurrenz zur Nahrungs- und Futtermittelproduktion sowie zum Boden- und Artenschutz. Er zerstört in der Regel kleinbäuerliche Strukturen und ist häufig sogar aus Sicht des Klimaschutzes kontraproduktiv. Biosprit und Biokunststoffe sind nur dann eine nachhaltige Alternative, wenn sie aus Reststoffen hergestellt werden.

Dabei geht der Trend ganz klar in die Richtung, Erdölprodukte vermehrt durch pflanzenbasierte Rohstoffe zu ersetzen. Zum einen, weil die Ölvorräte mittelfristig zur Neige gehen; zum anderen, weil den Verbrauchern zunehmend vermeintlich umweltfreundliche Produkte verkauft werden.

Da eine Welt ohne Kunststoffe kaum denkbar ist, ­eine Welt ohne Erdöl-saufende Fahrzeuge, Schiffe und Heizkessel hingegen schon, sollten wir das wertvolle Erdöl lieber für die Kunststoffprodukte der Zukunft aufbewahren statt es zu verbrennen. Auch aus Erdöl lassen sich übrigens kompostierbare Kunststoffe herstellen – oder recyclingfähige (die Meere und deren Bewohner ­würden sich darüber sehr freuen). Genauso wie sich aus Bioplastik Becher herstellen lassen ­– siehe Beispiel oben –, die man unter den aktuellen Bedingungen der Abfallwirtschaft weder recyceln noch auf den Kompost werfen kann.

Und nun zurück zur Gewissensfrage: Wie halten Sie es mit den nachwachsenden Rohstoffen? Was tanken, pardon, denken Sie?

Weitere Informationen:

Maria Elander, Thomas Fischer: Grüner Etikettenschwindel – Die Industrie setzt auf Kunststoffe aus erneuerbaren Ressourcen ohne ökologische Gesamtvorteile („umwelt aktuell“, Ausgabe 1/2012.)

Torsten Mertz ist Geograph, Redakteur und Autor. Er arbeitet in einem renommierten Münchner Nachhaltigkeits-Verlag, ist Verfasser des “Schnellkurs Ökologie” und schreibt gerade an einem weiteren Band der Kochbuch-Reihe „Gemüse ist mein Fleisch“. Bei evidero bloggt er über sein Lieblingsthema: die Gewissensfragen, mit denen sich ein interessierter Konsument heute konfrontiert sieht.
  • edomblog

    Gut, dass einmal auf diese Zielkonflikt so klar hingewiesen wird und es eine eigene Plattform gibt, auf diese einzugehen. Mit der vielgelobten Maisstärke ist es dann doch nicht so einfach.

  • Zum Danone Becher: Tja um ein Produkt offiziell als "umweltfreundlicher" zu bezeichnen genügt es eben nicht, dass die Rohstoffe (nachwachsender Mais) und die Herstellung umweltfreundlich sind. Genauso muß eben auch eine umweltfreundliche Entsorgung und ein Recycling gewährleistet sein. Maria Elander, Abteilungsleiterin Kreislaufwirtschaft der DUH (Deutsche Umwelthilfe). „Wir fordern Danone auf, nur solche Verpackungen einzusetzen, welche tatsächlich >gesamtökologische< Vorteile aufweisen.“

    Dass man lieber den nachwachsenden Rohstoff Maisstärke zur Gewinnung von Ethanol als Grundlage für den Biosprit hätte verwenden sollen und vice versa die begrenzten Erdölvorräte, zur Herstellung von recyclingfähigen, kompostierbaren Kunstoffprodukten steht noch mal auf einem ganz anderen Blatt.
    Biosprit wiederum auch nur dann wirklich nachhaltig ist, wenn er aus Reststoffen hergestellt wird (da der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion steht) verdeutlicht, dass die ganze Sache wirklich nicht so einfach ist.

  • Christiane Malert

    Klar, wenn die Landwirte wirtschaftlich denken, werden sie das tun, was finanziell mehr einbringt. Das sind nun einmal Rohstoffe, die nachwachsen. Ob das nachhaltig ist, möge jeder selbst entscheiden.

  • Weiß jemand, ob Danone nun einen recyclebaren Joghurt-Becher (wobei der Kunstoff aus Erdöl hergestellt wird) verkauft oder immer noch den >nichtkompostierbaren< Bioplastikbecher ? Und wieso nutzt Danone nicht weiter die recyclebaren Pappebecher, die sie doch früher für den Activia-Joghurt verwendeten ?

  • Christiane Malert

    Warum nehmen die nicht gleich Gläser, wie das Unternehmen emmi. Die emmi Joghurt Gläser kann man gut weiter verwenden. Oder wie wäre es mit Pfandgläsern zu 15 cent?