Biokäufer sind unsozial: Vom Wesen des Bio-Käufers

Bio – und doch unsozial? Eine psychologische Studie aus Canada gibt zu denken: Biokäufer verhalten sich öfter unsozial als Nicht-Biokäufer.
von Torsten Mertz
06-30-11 © RapidEye

Wer Bio kauft ist nicht gleichzeitig auch seinen Mitmenschen gegenüber sozial eingestellt. Häufig scheint gar das gegenteil der Fall zu sein. Woran liegt das?

Vor einigen Tagen las ich in der Zeitung von wissenschaftlichen Erhebungen, nach denen religiös überzeugtere Christen intoleranter seien als weniger religiös lebende. Das ist sicher keine große Überraschung und liegt unter anderem daran, dass – quer durch die Konfessionen – viele Gläubige ihre Religion den anderen als überlegen empfinden.

Dabei kam mir eine Studie in den Sinn, die vor gut einem Jahr durch die Presse und die einschlägigen Communities geisterte: Wissenschaftler der Universität Toronto hatten im Fachmagazin “Psychological Science” publiziert, dass sich Käufer von Bioprodukten ihren Mitmenschen gegenüber weniger sozial verhielten als Käufer „normaler“ Produkte.

Wer nachhaltig einkauft, muss doch auch sozial sein?

Das mag auf den ersten Blick unsinnig scheinen und widerspricht natürlich dem Selbstbild der nachhaltigen Konsumenten; gehört doch, wer Bio kauft, sozusagen automatisch zu den Guten. Genau darin liegt wohl auch der Grund für dieses weniger soziale Verhalten: Die Bio-Käufer der Studie fühlten sich anderen Probanden gegenüber moralisch offenbar überlegen und damit weniger verbunden. So spendeten sie im Anschluss an ihren Einkauf deutlich weniger Geld als die Käufer konventioneller Produkte und: Sie klauten und logen sogar mehr als jene.

Der Versuchsaufbau mag konstruiert klingen; aber die Erkenntnisse erscheinen mir nachvollziehbar: Für viele Öko-Käufer ist der Inhalt ihres Einkaufswagens ein Werkzeug, mit dem sie die Welt verbessern wollen – und ein Statement. Dass sie mehr Geld für Lebensmittel ausgeben, und dabei auch noch die Welt derer mitretten, die weiterhin die zerstörerische industrielle Landwirtschaft unterstützen, kann Grund für eine gewisse moralische Überheblichkeit sein.

Die kanadischen Forscher fanden in ihrer Studie ein generelles Muster menschlichen Verhaltens bestätigt: Wer sich zum Wohle anderer verhalte, leite daraus häufig das Recht ab, gegen Normen zu verstoßen. Kurz gesagt: Wer richtig handelt, kann sich auch einmal etwas erlauben. Wer kennt das nicht aus seinem eigenen Leben?

Bio macht uns nicht zu besseren Menschen! Lies hier mehr über die neue Dekadenz

Weitere Informationen:

Original der Studie – University of Toronto, in englisch: “Do Green Products Make Us Better People?”
Torsten Mertz ist Geograph, Redakteur und Autor. Er arbeitet in einem renommierten Münchner Nachhaltigkeits-Verlag, ist Verfasser des “Schnellkurs Ökologie” und schreibt gerade an einem weiteren Band der Kochbuch-Reihe „Gemüse ist mein Fleisch“. Bei evidero bloggt er über sein Lieblingsthema: die Gewissensfragen, mit denen sich ein interessierter Konsument heute konfrontiert sieht.
  • Peter

    So ist es wohl, das kann man am eigenen Leib im Bioladen, beim Biobäcker oder im Dritte-Welt-Laden beobachten: Dort ist man unter sich. Wen man nicht kennt, der taugt nichts. Der wird auch ignoriert. Egoismen werden ausgelebt, an der Kasse, an den Mitarbeitern, an den anderen Kunden. Die "Elite" der "Einsehenden" kapselt sich ab, versucht vielleicht im besten Fall noch zu missionieren.
    Übrigens habe ich das schon bei mir selbst beobachtet, besonders im Straßenverkehr: Als Radfahrer rettet man die Luft und die Natur natürlich ein bisschen mehr als die dreckerzeugenden Autofahrer. Dann gebietet es sich doch wohl, dass man dafür von den Autofahrern wenigstens respektvoll behandelt wird, das man die Nachteile des Radfahrens (beim Abbiegen zwei Ampeln statt einer bei Autofahrern, beim Warten an der Ampel nass werden und so) durch ein wenig Missachtung anderer Regeln kompensieren darf.

  • Lemm[y]i

    Das wäre doch einmal ein schönes Thema für eine(n) SoziologInn: Eine große Umfrage zu dem Thema bei den Damen an den Kassen und/oder auch im allgemeinen Verkaufsbereich. Bei Bioläden wie anderen normalen Läden. Am interessantesten könnten ja die Aussagen von denjenigen sein, die sowohl bei Bio als auch bei Konventionell arbeiten.

    By the way: Ich gehe viele Wege zu Fuß in der Stadt.. Die Ampelschaltungen für Fußgänger könnten ruhig häufiger und lang andauernder sein. Bei den Kilos auf Kilos an CO2, die ich einspare, wäre das eine angemessene Belohnung. Ganz abgesehen von Feinstaub: als Fußgänger wirbelt man solchen sogar kaum vom Boden auf. Radfahrer und erst Recht natürlich KFZ wirbeln und emittieren da wesentlich mehr.

    Hinzu kommt die Entlastung des Gesundheitsapparates: Ich verfette nicht so und stärke Herz, Lunge und Kreislauf. Sogar Alzheimer beuge ich vor nach neuesten Erkenntnissen. Eine Belohnung muss her !! Ersatzweise auch in bar ;-).

    Meint der Lemm[y]i

  • Zumindest gehört der Bio-Käufer zu der Gruppe Menschen, die immer noch glauben, dass Bio drin ist, wo Bio drauf steht. Sie gehören also auch zu den naiveren und kaufen dann BIO-Bananen aus Costa Rica! Weit hergeholt? Die Banane schon, oder?

    • Anton Großkinsky

      Glauben Sie, dass ihr Geld echt ist? Der Euro ist die meise gefälschte Währung auf der Welt.

  • Andreas K.

    Spass haben, lustig sein und darüber hinaus sich auch Anderen öffnen und keine Kirche eröffnen. Ich bin Pflanzenkannibale, Gemüseholiker und Insulinjunkie, seit 1982 Punkrocker. Ich fühle mich als nichts Besseres und bin einer von Vielen. Keine Ahnung, warum alle so biernst sein müssen oder Angst davor haben, ihr gutes Gewissen mit Anderen zu teilen. Ich habe weder mit Trinkern, Fleischessern etc. Probleme. Das muss jeder für sich selber wissen, was er verantworten kann oder nicht.
    Ich mache sehr lustige, trashige Videos unter ak67denttabs auf youtube.
    Viel Spass..

    PS: Es geht, doch darum das Wissen an Alle weiterzutragen, damit noch Grossartigeres gelingt und funktioniert.

  • Josef

    Bio-Käufer zählen zu den Entschlusskräftigeren und der Kategorie Menschen, die Regeln zuallererst auf ihren Sinn hinterfragen, anstatt sie fromm zu befolgen. Man kann sie wohl in zwei Gruppen aufteilen: Die Reichen, die sich Bio deshalb kaufen, weil sie sich Gesundheit und Qualität generell leisten können und wollen. Und die Überzeugungstäter, die sich selbst und die Welt retten möchten. Beide Gruppen gehören eher zu den Avantgardisten, die Recht setzen wollen, anstatt ihm nur zu folgen. Es sind häufig Alphatiere mit Hang zum Anarchismus. Hinzu kommt: Kein Mensch kann nur gut sein. Seine dunkle Seite bricht sich irgendwie Bahn, und wenn es an der Bioladen-Kasse ist. Außerdem sind Bioladen-Kassen häufi nicht so effizient organisiert wie die Piep-Piep-Zahlstellen bei Aldi und Co. Das erzeugt Verdruss, der sich auch unfaire Entladungswege sucht.

  • Martine

    Mogen sie Weltverbesserer sein, mögen sie humorlos sein, ich gehöre auch zu den Bioessen Genießern, dennoch glaube ich dass es gut ist, sich um nachhaltige Versorgung zu bemühen. Welt retten kann ja auch Spaß machen und es gibt vielleicht den Ein oder Anderen, der das Ganze mit Abstand betrachtet und den Humor der Vergeblichkeiten bewahrt. Also mögen sich die EInsteiger von der Selbstgerechtigkeit der "Gutmenschen" nicht beirren lassen und mitmachen.

  • Christiane M.

    Gerade letzte Woche hörte ich, Bio sein nicht wahrhaftig. Kann mir da jemand auf die Sprünge helfen?

  • Christiane Malert

    In den 1920er Jahren haben sich Bewegungen gegründet wie demeter und anthroposophische anderer Art. Mir ist zu Ohren gekommen, es gebe wohl einige Gemeinden, die es als vom Thema der Schöpfung ablenkend sehen. Das Siegel GEPA wurde kirchlich initiiert, somit wurde das BIO-Thema von den Mehrheitskirche(n) aufgegriffen. Allerdings scheint es je nach Standort der Bio-Befürwoter die eine oder andere Präferenz für ein bestimmtes Siegel zu geben. Zuwanderer scheinen Bio eher kritisch zu deuten. Das Wort Biodeutscher hat am Paul-Linke-Ufer in Berlin einen bestimmten Beigeschmack.

  • Ich denke mal, dass der "Biokäufer" per se und auch aufgrund seines eigenen Selbstverständnisses ja nun mal kein "Mitläufer" ist und aufgrunddessen vielleicht weniger >sozial< erscheint, er hinterfragt (und steigt allein dadurch ja schon aus der "Gemeinschaft" aus). Mich würde interessieren, wie von den kanadischen Wissenschaftlern das Wort -sozial- genau definiert wurde.

  • Mein Resümee aus der wissenschaftlichen Studie: Nein, der Biokäufer ist nicht automatisch auch in allen anderen menschlichen Belangen grundsätzlich ein "Besserer Mensch" als der Otto-Normal-Verbraucher. – Er soll laut Studie sogar weniger selbstlos (altruistisch) und egoistischer (= weniger sozial) in allen übrigen menschlichen Belangen sein… Aber eines muß man ihm lassen er ist >verantwortungsvoller< im Umgang/Kauf von nachhaltigeren Lebensmitteln/Produkten – weshalb er ja auch Biokäufer heißt und nicht BioHeiliger. Er ist vielleicht nur in Bezug auf sein Kaufverhalten von Produkten/Lebensmitteln ein "besserer Mensch" (mehr sagt das Wort Biokäufer ja auch nicht aus…) Ich übrigens bin kein typischer Biokäufer, sonder eine Art Mischung aus Otto-Normalverbraucher und Biokäufer 😉
    -> Mein "Kaufverhalten" sagt aber wenig über mich als Gesamtmenschen aus… wäre ja auch zu einfach…

  • Christiane M.

    Sozial, heißt auf den Menschen bezogen. Biokäufer scheinen sich mehr auf Fauna und Flora zu beziehen.

  • Christiane M.

    In der Tat, der Biokäufer wird von vielen als weniger sozial angesehen. Sogar als eigenbrödlerisch um des eigenbrödlerischen willen. Die Bio-Bananen scheinen ihm wichtiger als die Menschen auf den Plantagen zu sein. Er ist hingegen sehr daran interessiert, gegen etwas zu sein, dass macht er durch nein zur üblich produzierten Banane deutlich.