Bewusster Konsum bestimmt den Markt : Wer bekommt mein Geld?

Wer mitbestimmen möchte, in wessen Hände sein Geld fließt, der sollte bewusster im Umgang damit werden.
von Torsten Mertz
© iStockphoto / adam smigielski

Geld ist Macht – und der Kunde ist König. Nicht die Banken, sondern wir alle bestimmen, in welche Hände unser Geld geht. Bewusster Konsum reguliert den Markt.

„For You. Vor Ort. Vorbei.“ heißt es beim ehemaligen Drogerie-Marktführer Schlecker. Für viele der rund 32.000 Angestellten, die ihre Arbeit verlieren, bedeutet die aktuelle Insolvenz eine Katastrophe. Und doch verbirgt sich hinter dem Ende des Schlecker, wie wir ihn kennen, eine gute Nachricht. Zeigt sich doch, dass ein Konzept, das Mitarbeiterrechte missachtet und statt auf Qualität auf viel und billig setzt, langfristig von den Konsumenten abgestraft wird.

Gewinner des Konkurrenzkampfes zwischen den großen Drogeristen ist neben Rossman vor allem dm. Dort setzt  man auf gute Mitarbeiterführung, freundliches Ambiente und ein großes Bio- und Naturkosmetiksortiment. Aber – neben guten Innenstadtlagen – auch auf große Märkte, die zu Fuß häufig nicht zu erreichen sind. Alles offenbar Wachstumsförderer. Hat sich die berühmte, aber doch recht lichtscheue Konsumentenmacht nun bewusst gegen Schlecker entschieden, oder wurde sie schlicht von den schönen neuen Drogerie-Märkten  abgeworben? Wie auch immer – die Entscheidung, wer der bessere Drogeriemarkt ist, wurde also durch Konsumentenmacht im Sinne des besseren Modells getroffen.

Aber wie treffe ich die Entscheidung, was das bessere Modell ist; wen und was also soll ich durch meinen Einkauf fördern? Anders gefragt: „Wer bekommt mein Geld?“

Beim Einkauf von Elektrogeräten kennt man die Antwort: Unterstütze den Fachhändler statt SaturnMediamarkt. Und klar: Wenn alle bei Amazon oder Thalia einkaufen, ist der Buchladen um die Ecke bald Geschichte. Jeder weiß um die Problematik, doch nur die wenigsten verhalten sich danach, obwohl sie doch letztlich selbst vom Strukturwandel betroffen sind – spätestens im Alter.

Ein weiteres Beispiel mag das Dilemma konkretisieren: Unterstütze ich lieber den letzten kleinen Tante-Emma-Edeka im benachbarten Wohnviertel oder konzentriere ich mich auf Bio, um in der Landwirtschaft Impulse zu setzen, nehme damit aber in Kauf, dafür einmal die Woche mit dem Auto zum Großeinkauf ins Gewerbegebiet fahren zu müssen? Was war noch gleich wichtiger respektive nachhaltiger: Die biologische und faire Landwirtschaft, die menschenfreundliche Stadtstruktur oder der Verzicht auf den Pkw? Im Zweifelsfalle die Mischung aus allem, aber kleine Bioläden im Kiez sind in den meisten Städten nur noch selten aufzufinden – auch die gab es mal, aber da waren die Äpfel so runzlig und die Auswahl so gering. Ach ja: Den unabhängigen Gemüsehändler zwei Ecken weiter wollte ich häufiger besuchen, aber da bekommt man nicht immer alles, was man braucht, und das nicht mal bis 19 Uhr.

Noch ein anderes, kleines Beispiel: Wo etwa kaufe ich den Fairtrade-Tee bzw. Kaffee? Beim großen Supermarkt, damit er nicht wieder aus dem Sortiment verschwindet? Oder im Weltladen, wo der Gewinn in Entwicklungsprojekte geht? Kann ich die Angebotsstruktur eines REWE beeinflussen, indem ich dort die regionale Milch und das Biogemüse kaufe?

Um hier kein falsches Bild aufkommen zu lassen: Ich leide nur in begrenztem Maße an Selbstüberschätzung, was meine Macht als einzelner Konsument angeht. Dafür allerdings umso mehr an den Zwängen des Alltags: Wenig Muße für den wirklich durchdachten Einkauf, häufig nicht die passenden Angebote in der Nähe und das Geld ist auch oft knapp. Hier wird deutlich, dass das Ärgerliche an der Frage „wer bekommt mein Geld?“ gar nicht das Dilemma an sich ist. Das Ärgerliche ist, dass am Ende dann doch häufig die Bequemlichkeit siegt – und die trägt in meiner Gegend unter anderem den Namen Tengelmann, ist hunderte von Quadratmetern groß und bequem mit dem Rad zu erreichen. Erste Opfer hat diese Inkonsequenz schon gefordert: Vor nicht allzu langer Zeit hat mit dem oben erwähnten Nahkauf der letzte Laden aufgegeben, zu dem die alten Menschen der Gegend noch zu Fuß gehen konnten. Die Nachfrage war zu gering, um das Geschäft weiterzuführen.

Erfolgreicher war meine Unterstützung für ein Unternehmen, welches ihrer gar nicht bedarf: McDonalds. Ja, ernsthaft: Ich hatte mir vorgenommen, die mächtige Fastfoodkette nachhaltiger zu machen. Und zwar auf ganz einfache Weise, quasi nach dem Prinzip des Carrotmobs: belohnen statt boykottieren. Seit es dort den Veggieburger gibt, fällt mir das gar nicht mehr so schwer. Ich rede in der Öffentlichkeit freilich nicht gern darüber. Damit aber der einsame vegetarische Burger zwischen all dem klimakillenden Rindfleisch und dem Antibiotika-gepimpten Chicken nicht – wie vor einigen Jahren schon mal – wieder aus dem Sortiment verschwindet, war ich nun schon mehrere Male beim gelben M. Dank meiner ernormen Nachfrage gibt es nun sogar einen Veggieburger TS. Meine Unterstützung ist hier also nicht mehr vonnöten. Nun müsste in meiner Stadt nur noch ein vegetarischer Dönerladen seine Seitan-Spieße anwerfen und ich wüsste genau, worauf ich meine bescheidene Konsumentenmacht konzentrieren würde.

Torsten Mertz ist Geograph, Redakteur und Autor. Er arbeitet in einem renommierten Münchner Nachhaltigkeits-Verlag, ist Verfasser des “Schnellkurs Ökologie” und schreibt gerade an einem weiteren Band der Kochbuch-Reihe „Gemüse ist mein Fleisch“. Bei evidero bloggt er über sein Lieblingsthema: die Gewissensfragen, mit denen sich ein interessierter Konsument heute konfrontiert sieht.
  • Hünefeld

    Zitat: „Nicht die Banken, sondern wir alle bestimmen, in welche Hände unser Geld geht. Bewusster Konsum reguliert den Markt.“
    Das ist zu etwa 60% richtig.
    Die restlichen 40% des Kaufpreises gehen an die Banker und sind der Zinsanteil im Preis. 40% sind als Durchschnittswert der Finanzierungskosten für alle Waren und Dienstleistungen auf dem Markt ermittelt worden. Bei Mieten sind es sogar bis 80% Zinsanteil, da dort die Anteile der Fremdfinanzierung (Kredite) besonders hoch sind. Alle Finanzierungskosten jedes Herstellers in der Produktionskette werden in den Verkaufspreis eingerechnet. Unsere Preise könnten viel billiger sein. Informationen darüber finden sie auf der Webseite der Wissensmanufaktur. Ich unterstütze Direktanbieter sehr gerne. Das war nicht immer so. Mein Argument, „Das kann ich mir nicht leisten.“, ist nach und nach von dem „sozial Notwendigen“ ersetzt worden. Die Wegwerfanteile in meinem Lebenswandel haben sich stark verringert. Informieren sie sich bitte über die Funktion unseres Geldsystems. Mit diesem Wissen werden sie wahrscheinlich auch ihre Lebensgewohnheiten umstellen können. Unsere Gesellschaft braucht kluge Menschen die mitreden und richtig, im Interesse ALLER MENSCHEN entscheiden.