Vinyasa Yoga Video-Reihe 1: Finde Ruhe und Stabilität mit diesem Yoga Flow im Element Erde

Raus aus dem ewigen Gedankenkarussel um Gestern oder Morgen: Dieser Yoga Flow lässt dich spüren, was wirklich wichtig ist: Du. Hier. Jetzt.
Daniela Borde
von Daniela Borde

Letzte Woche hat uns die Kölner Yogalehrerin Daniela Borde mit einem Artikel und ihrem Yogavideo erfahren lassen, was Vinyasa Yoga bedeuten kann. Diese Woche startet ihre neue Video-Serie “Yoga Elements”, in dem sie die Energien der Elemente in ihren Yoga Flows spürbar macht. Ziel ist es, Dysbalancen aufzuspüren und zu harmonisieren, um Körper und Geist gesund zu halten. Im ersten Teil geht es um das Element Erde, das uns Kraft, Sicherheit und Urvertrauen schenkt.

Schon die weisen Rishis (Seher) verstanden, dass die gesamte Materie aus fünf Elementen hervorgeht. Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther (Raum). Wir Menschen sind ein Teil dieser Materie, bzw. dieser Energie, und deshalb sind all diese Elemente auch in uns vorhanden.

Die Integration der Elemente in unsere Yogapraxis ermöglicht es uns, auf ganz vielschichtige Weise wieder mehr in die Verbindung zu unserem wahren Selbst zu gehen. Das klingt vielleicht etwas abgedroschen, ist aber genauso gemeint. Was uns heutzutage oft fehlt, ist die Natürlichkeit. Das Bewusstsein, dass ursprünglich alles eine Einheit ist. Dass wir alle Teil eines großen Ganzen sind.

Die Verbindung mit dem Erd-Element lässt uns diese Kraft ganz unmittelbar spüren, sodass wir wieder zu mehr Vertrauen in uns und in unseren Körper finden.

Ängste, Wünsche, Sorgen: Gedanken gehören zum Luft Element

Die meisten Menschen machen sich viel zu viele Gedanken. Um alles. Dabei geht es zum Einen um alltägliche Dinge wie die aktuelle Einkaufsliste oder Fragen wie: Was schenken wir dieses Jahr der Oma? Was mache ich heute Abend? Hab ich das Licht ausgemacht oder wann gehe ich mit dem Hund raus? Zum anderen plagen uns aber auch jede Menge “echte” Ängste und Befürchtungen, Hoffnungen und Zweifel. Es geht um unsere Zukunft. Oder um Vergangenes. Um Karriere. Um Kinder.

Was müssen wir tun, um glücklich zu sein? Wer Yoga übt, weiß, wenn wir zur Ruhe kommen, begegnen uns genau diese Gedanken. Wir können nur schwer abschalten. Der “Monkey Mind” lauert neben unserer Yogamatte und will unsere Aufmerksamkeit. Wenn wir versuchen, den Fokus nach innen zu bringen, dreht das Kopfkino eine Ehrenrunde. Und schafft es so immer wieder, uns aus der Stille zu bringen. Gedanken gehören zum Element der Luft. Und um Gedanken aus dem Kopf zu bringen, muss man sich erden.

Erdende Yoga-Praxis als Ruhe-Insel: Gönn deinem Verstand mal eine Pause

In der westlichen Zivilisation ist eben immer was los. Und es zeigen sich unzählige Möglichkeiten passend zu fast jeder Lebenslage. Zu viele. Kein Wunder, dass überall die Yogastudios wie Blumen aus dem Boden sprießen und die Yogalehrer-Community stetig wächst und gedeiht. Besonders wir Kinder der Großstadt haben oft Probleme, dem Gedankenstrom zu entkommen, weil wir immer sehr viele Dinge gleichzeitig tun, insgesamt sehr viel Trubel um uns herum haben und eben viel zu viel nachdenken.

Eine Yogapraxis mit dem Fokus der Erdung kann eine ganz wunderbare Insel der Ruhe bilden. Vielleicht nicht sofort, aber regelmäßiges Üben wird Früchte tragen. Die Fähigkeit, nach innen zu lauschen, den Fokus zu halten und ruhig zu bleiben, wird sich verbessern und so auch in stressigen Situationen abrufbar sein. Die Verbindung mit dem Erdelement holt uns aus dem Kopf in den Körper. So erhält der Verstand seine wohlverdiente Pause.

Langsamkeit als Weg zur Kraft: Finde deinen eigenen (Lebens-)Rhythmus

Es sind keine großen Geheimnisse, sondern vielmehr ganz simple Dinge, die uns immer wieder mehr zu uns zurückbringen können. Ein ganz einfaches Hilfsmittel, das uns dabei unterstützt, ist das bewusste Kultivieren von Langsamkeit in der Bewegung und eine bewusst lange Ausatmung. Während wir langsam ausatmen, können wir fühlen, wo wir festhalten. Wir können Spannungen lösen und wieder mehr Vertrauen schaffen. In uns. In die Erde, die uns trägt. In unseren Körper.

Unser Körper ist unser Tempel, unser Anker. Ihn nehmen wir überall mit hin und wir müssen uns in unserem Körper wohlfühlen, denn wir leben in ihm, bis wir sterben. Erspüren und Fühlen des eigenen Rhythmus ist dabei essenziell. Für die meisten von uns tickt die Uhr um uns herum ein bisschen zu schnell. Für manche vielleicht auch zu langsam. Der Takt, der uns das Leben vorgibt, ist meist nicht unser eigener Takt. Unser Tempo richtet sich nach unseren Jobs und anderen Verpflichtungen.

Ein persönliches Ziel für mehr innere Balance ist deshalb vielleicht, wieder mehr mit dem Fluß des eigenen Lebens zu fließen, statt immer gegen den Strom anzuschwimmen. Langsamkeit heißt nicht, dass die Yogapraxis weniger fordernd ist. Im Gegenteil. Eine Praxis mit dem Fokus Erde startet zwar meist sehr ruhig und meditativ.

Das “Ankommen” und “in den Körper kommen”, das Erfahren von innerer wie auch äußerer Stille, das Spüren der Verbindung zur Erde und vielleicht auch der Fokus auf das Muladhara-Chakras mit dem Mantra “Lam”, das für genau diese innere Stabilität und für Urvertrauen steht, braucht seine Zeit und kann vielen von uns schon eine Menge abverlangen. Auch die körperliche Praxis fordert jeden Muskel unseres Körpers auf besondere Weise heraus, weil eine langsame Bewegung viel mehr Kraft und Achtsamkeit erfordert als ein schnell dynamisch fließender Vinyasa Flow.

Asanas, die uns das Element der Erde erfahren lassen, sind oft sehr bodennah wie zum Beispiel tiefe Hüftöffner und restaurative Positionen, die uns in die Stille bringen. Aber auch alle stehenden Haltungen, die unsere Stabilität herausfordern und unser Gefühl für Erdung und Verwurzelung, für das “im Moment sein” stärken. Daneben üben wir zum Beispiel in tiefen Vorbeugen das Loslassen, das Zulassen und das Annehmen des gegenwärtigen Moments.

Bewusstes Atmen: Verbinde dich mit deinem tiefsten Inneren

Die tiefe und bewusste Ujaii-Atmung mit dem Fokus auf eine ausgedehnte Ausatmung ist in einer erdigen Yogapraxis unser bester Freund und Begleiter auf dem Weg näher zu unserem (manchmal fast vergessenen) Selbst. Dabei sollte man sich Zeit lassen, zunächst nur die natürliche Atmung zu spüren. Erst dann wird der Atem langsam mehr und mehr ausgedehnt. Ohne dies zu forcieren. Wenn wir dann so weit sind, kann langsam die Ujaii Atmung integriert werden.

Ujaii bedeutet soviel wie “siegreicher Atem”, weil er uns hilft, den Fokus nach innen ausgerichtet zu halten und alles Äußere unwichtig werden lässt. Wenn wir bewusstes Ujaii atmen, sind wir fokussiert. Wir haben gar keine Zeit mehr, über unsere To-Do-Listen nachzudenken. Wir erzeugen ein sanftes Rauschen in der Kehle, indem wir die Stimmritze etwas verschließen. Der Atem kann dadurch ausgedehnt werden. Er fließt ruhiger und gleichmäßiger. Ujaii ist ein ganz bewusster Atem, der überall im Körper spürbar ist, weil unser Geist ihn mit etwas Übung genau dorthin lenken kann, wo wir ihn gerade am meisten brauchen.

Die Stille und Leere nach dem Ausatmen: (D)ein Raum voller Möglichkeiten

Der nächste Schritt kann sein, die Stille nach dem Ausatmen bewusst wahrzunehmen. In diesen kurzen Atempausen steckt enormes Potential. Das sind kurze Momente absoluter Stille. Wir sind ganz und gar leer. Wir müssen nirgendwohin. Wann gibt es sowas heutzutage noch? In diesen Momenten können wir uns frei fühlen, vergessen wo wir herkommen und wo wir hinmöchten. Das kann sehr kraftvoll sein und uns dem Gefühl von echtem inneren Frieden sehr nahe bringen.

Mehr Vertrauen und Sicherheit: Verbinde dein ganzes Sein mit der Kraft der Erde

Neben der bewussten Ausatmung können wir uns auch energetisch mehr mit dem Element der Erde verbinden, indem wir das Gefühl von Apana Vayu stärken. Es gibt viele verschiedene Energien in unserem Körper. In jeder Asana (Körperhaltung) können wir uns gleichzeitig auch energetisch ausrichten, um mehr Tiefe und Verbindung zu erfahren. Apana ist die absteigende Energie. Sie ist die wohl wichtigste Kraft, wenn wir aus dem Kopf kommen wollen. Es ist die Energie, die uns auf natürliche Weise erdet. Sie steht in Verbindung mit allen Ausscheidungsprozessen – (nach unten) Abgeben und Loslassen – auf physischer wie auch auf mentaler Ebene.

Wenn wir während unserer Yogapraxis also feststellen, dass wir wiedermal zu viel nachdenken, uns vielleicht dabei erwischen, dass Fragen aufkommen wie “Was kommt als nächstes?” oder Bewertungen “Puh, anstrengend! Wäre ich mal besser auf dem Sofa geblieben”, dann bringt uns die bewusste Integration von Apana Vayu wieder zurück in den Körper und zurück in den Moment. Der Moment, in dem der Verstand ruhen darf. Wir lenken unseren Blick inwärts und richten unsere Aufmerksamkeit während der Ausatmung auf die absteigende Energie von Apana. Wir lassen den Atem ganz bewusst von oben nach unten fließen. Spüren den Kontakt zum Boden. Das ist in jeder Asana (Körperhaltung) möglich. Für wieder mehr Gefühl von Verwurzelung, Stabilität und Präsenz.

Mehr Stabilität und Urvertrauen: Mudras, Bandhas, Mantras unterstützen die Erdung

Bhumi Mudra: Das Himmel-und-Erde-Mutra

Ein wunderschönes Mudra, um in eine Erdpraxis zu starten, ist das bhumi mudra, auch heaven & earth mudra genannt. Wir begeben uns in einen bequemen aufrechten Sitz, der uns Stabilität und Erdung gibt. Es ist nie gut, schon gleich in einem unangenehmen oder sogar anstrengenden Sitz zu starten, in dem vielleicht sogar die Knie schmerzen. Es ist ratsam, sich dann besser etwas erhöht auf ein Kissen oder eine Decke zu setzen. Mit den linken Fingerspitzen berühren wir den Boden. Diese linke Körperhälfte beschreibt unser yin, unseren weiblichen, empfangenden Teil. Wir verbinden uns so mit der Kraft von Mutter Erde. Unsere rechte Handinnenfläche öffnet sich dabei zum Himmel. Der Handrücken ruht entspannt auf dem Oberschenkel.

Mula Bhanda: Der Wurzelverschluss

Während wir ruhige, tiefe Ujaii-Atmung integrieren, lassen wir die Sitzbeinhöcker, die Beine und Füße tiefer in den Boden sinken. Etwas fortgeschrittener setzen wir auch mulabandha, den Verschluss der Beckenbodenmuskulatur nach innen und oben. Das gibt uns einen weiteren Lift für mehr Länge und Aufrichtung der Wirbelsäule. Die Energien können wieder freier fließen.

Bija Mantra Lam aktiviert das Wurzelchakra Muladhara

Ein Mantra, das dabei gut zum Element der Erde passt, ist das Bija Mantra des Muladhara-Chakras LAM oder LAM-OM-LAM. Still im Geiste rezitiert oder als Chant stärken wir damit das Gefühl, im Moment zu sein und die Verbindung zur Erde. Das zum Erdelement gehörende Muladhara-Chakra ist das erste unserer sieben Haupt-Energiezentren, das ganz tief am unteren Ende unserer Wirbelsäule lokalisiert wird. Mula heißt Wurzel, dhara wird mit Stütze übersetzt. Es ist unser Energiezentrum für ganz grundlegende (Über-)Lebensbedürfnisse, Stabilität, Urvertrauen und Sicherheit.

Die geerdete Yogapraxis als Kraftquelle (nicht nur) für chaotische Zeiten

Wir leben in einer Zeit, in der eigentlich nichts mehr wirklich sicher ist, alles immer schneller gehen muss und unser täglicher Leistungsdruck stetig zu steigen scheint. Viele von uns haben sogar mehrere Jobs, um sich und die Familie über Wasser zu halten. Eine erdige Yogapraxis kann eine sehr wertvolle Kraftquelle darstellen. Vielleicht sogar die beste Medizin für die heutige Zeit. Sie verhilft uns, in Balance zu bleiben, auch wenn um uns herum mal wieder das Chaos ausbricht. Wenn uns in hitzigen Situationen der kühle Kopf fehlt. Und wenn es uns schwer fällt, klare Entscheidungen zu treffen. Unser Verstand wird klarer. Die geistigen Regungen reduzieren sich mit etwas Übung auf ein Minimum. Und dadurch kann sich auch der Körper vollständig entspannen.

Wenn wir uns zuviel im Luftelement bewegen, zuviel nachdenken, zuviel in der mentalen Aktivität sind, dann verkrampfen sich auch unsere Muskeln. Die Verankerung in unseren Körper und die Verbindung zur Erde hilft uns, wieder mehr innere Stabilität zu spüren. In allen Kreuzungen, die unser Leben beschreitet.

Daniela Borde
Expertin: Daniela Borde
Daniela Borde ist Advanced Yogalehrerin und Pre- / Postnatalyogalehrerin in Hamburg. Außerdem führt sie ihren Blog "Yoginis Baby" und arbeitet seit 2013 als Harmoniumlehrerin.
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