TransFair wird 20 Jahre alt

Wie fair sind wir? – 20 Jahre Fair­Trade

Für etwas mehr Geld kann der Verbraucher nicht nur bessere Ware erwerben, sondern auch den Produzenten ein besseres Leben ermöglichen.
Kaffee mit FairTrade-Siegel"Das faire Siegel" © TransFair

TransFair wird 20 – und Kaffee war nur der Anfang: Der Verbraucher zahlt etwas mehr Geld, um den Produzenten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

20 Jahre fairer Handel. Seit 1992 fördert und fordert der Verein TransFair einen angemesseneren Umgang mit den Produzenten in der Dritten Welt. Das Sozialsiegel Fairtrade ziert immer mehr Produkte und die stehen inzwischen auch in Discounter-Regalen. Der Umsatz steigt weiter rasant – so die positive Bilanz der Jubiläums-Pressekonferenz. Weniger schön: Die Deutschen liegen im internationalen Vergleich zurück. Fair kostet mehr – und das machts schwer im Land der Schnäppchenjäger.

„Der Kaffee schmeckt nicht“, urteilte die kritische Kundin kennerhaft. „Das ist auch kein Wunder, denn der kommt ja aus der Dritten Welt. Mein Lieblingskaffee kommt aus Hamburg.“

 

Dieter Overath, Geschäftsführer der ersten Stunde und bis heute in dieser Funktion bei TransFair, erinnert gerne mit ein paar Anekdoten an damals. Das war vor zwanzig Jahren, als TransFair, der noch recht kleine „Verein zur Förderung des Fairen Handels mit der Dritten Welt“ in einem Hinterhof des Arbeitersamariterbundes in Köln-Sülz mit seiner Arbeit startete. Damals, das war auch die Zeit, als Verbraucher der neuen Idee eines fair gehandelten Kaffees noch äußerst skeptisch gegenüber standen.

Die Missverständnisse sind heutzutage wohl ausgeräumt. 69 Prozent der Deutschen kennen Umfragen zufolge den Fairen Handel, die TransFair-Geschäftsstelle in Köln ist auf 32 Mitarbeiter angewachsen. Und TransFair selbst ist Mitglied der internationalen Fairhandelsvereinigung Fairtrade FLO, die das Siegel für fair gehandelte Produkte vergibt und in der Initiativen aus 27 Ländern zusammengeschlossen sind. Längst bietet der Faire Handel nicht nur Kaffee, sondern zahlreiche weitere Lebensmittel, wie Tee, Kakao, Orangensaft, Süßigkeiten, Eiscrème und Bananen, aber auch fair gehandelte Fußbälle und T-Shirts und Jeans mit fair gehandelter Baumwolle an. Fair gehandelt bedeutet dabei, den Produzenten im Süden, also in Afrika, Asien und Lateinamerika einen Preis zu bezahlen, der tatsächlich ihre Kosten deckt und ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Damit liegt er vielfach deutlich höher als der Preis auf dem konventionellen Markt. Zugleich wird den Fairtrade-Produzentengemeinschaften eine Prämie bezahlt, mit der sie soziale Projekte, zum Beispiel Schulen, sanitäre Einrichtungen, Kurse für Weiterbildung der Bauern, Initiativen zur Frauenförderung oder auch Gesundheitsstationen finanzieren können.

Umsatz und Gewinne steigen stetig

Insgesamt bieten in Deutschland rund 200 Lizenznehmer knapp 2000 Produkte mit dem Fairtrade-Siegel an. Die gibt es bundesweit in 36.000 Geschäften, darunter mehrere Supermarktketten. Und im vergangenen Jahr kauften die deutschen Verbraucher Fairtrade-Produkte im Wert von rund 400 Millionen Euro, wie TransFair-Vorstandsvorsitzender Heinz Fuchs jetzt bei der Vorstellung des Jahresberichts 2011/12 in Bonn verkündete – ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei den Produzenten schlug das mit Direkteinnahmen von 82 Millionen Euro zu Buche. Nach wie vor sind das Traditionsprodukt Kaffee, aber auch Blumen und Fairtrade-Bio-Bananen die Renner unter den Angeboten.

Neben dem Einzelhandel spielen auch die Großverbraucher für den Fairen Handel eine wichtige Rolle. So werden Fairtrade-Produkte in der Gastronomie, in Betriebskantinen und Uni-Mensen, aber auch in Bäckereien, Cafés und Tagungseinrichtungen angeboten. Zahlreiche Prominente, darunter die Kölner Schauspielerin Mariele Milliowitsch, die Kabarettistin Anke Engelke oder auch die Tatort-Kommissare Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär, werben für den Fairen Handel. Und immer wieder gibt es öffentliche Aktionen, wie faire Frühstücke in Fußgängerzonen oder die bundesweite Faire Woche einmal im Jahr. 70 Städte in Deutschland nennen sich Fairtrade Towns: Sie können eine bestimmte Anzahl an Geschäften, Initiativen und Vereinen vorweisen, die entweder faire Produkte verkaufen oder für den Fairen Handel werben.

Transfair hat´s schwer im Land der Schnäppchenjäger

Chief Adam© evidero / Monika Hoegen
Chief Adam, Gründer der Nationalen Vereinigung der Cashew-Bauern

Dennoch: Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland in Sachen Fairtrade hinterher – insbesondere hinter Ländern wie Großbritannien oder der Schweiz, wo der Umsatz mit Fairhandelsprodukten deutlich höher liegt. „Deutschland ist und bleibt der preisaggressivste Markt“, so TransFair-Geschäftsführer Dieter Overath, der immer wieder die „Schnäppchenmentalität“ der Bundesbürger beklagt. Der Verkauf von fair gehandelten Produkten sei hierzulande schwieriger, weil der Preisunterschied zwischen Fairtrade- und konventionellen Waren durch die Billigangebote viel höher ausfalle. Das wurde Ende der 90er Jahre besonders deutlich. Damals fielen die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt erheblich. Viele Bauern verarmten und mussten ihre Felder aufgeben. Und auch in Deutschland stagnierte der Absatz mit fair gehandeltem Kaffee, weil konventionell gehandelter Kaffee zu Spottpreisen zu haben war.

Zudem musste der Faire Handel im Laufe seines 20jährigen Bestehens auch immer mal wieder herbe Kritik einstecken. Zum Beispiel im Jahr 2000: Da berichtete die ZDF Sendung „Frontal“ über erhebliche Missstände beim größten Faitrade-Partner in Ghana, der Kakaokooperative Kuapa Kokoo. Von Gelder-Veruntreuung, Betrug an den Bauern und Einsatz gefährlicher Chemikalien war da die Rede – zu Unrecht, wie in einem langwierigen Gerichtsverfahren festgestellt wurde. Doch der Imageschaden für den Fairen Handel war erst einmal da. Erneut in die Kritik geriet Fairtrade durch die Kooperation mit dem Discounter Lidl. Die Billigmarktkette sei nicht gerade für einen sozialen Umgang mit ihren eigenen Mitarbeitern bekannt. Wie könne sich da der Faire Handel, der sich nicht nur für gerechte Bezahlung, sondern auch für soziale und arbeitsrechtliche Standards weltweit einsetze, einen solchen Partner aussuchen?

Die Macht des Marktes

Inzwischen ist diese Kritik weitgehend verstummt, doch sieht sich der Faire Handel neuen Herausforderungen gegenüber. So sind die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt seit zwei Jahren wieder enorm gestiegen – und das hat nicht nur Vorteile für den Fairen Handel. Schon verkaufen einige Produzenten nicht mehr wie bisher an die Genossenschaft, die mit einer Fairtrade-Organisation zusammenarbeitet, sondern an die „Coyoten“, die konventionellen Zwischenhändler auf der Straße. Denn plötzlich erhalten sie von den konventionellen Händlern auch für mäßige Rohwahre wieder mehr Geld, ohne lästige Fragen nach Qualitäts- oder Umweltstandards, wie sie TransFair verlangt, beantworten zu müssen. Zudem gibt es das Geld Cash auf die Hand, während die Genossenschaften nicht immer sofort flüssig sind.

Da gilt es nun für den Fairen Handel, die Produzenten nicht mehr nur mit dem Preisargument, sondern mit zusätzlichen Begründungen bei der Stange zu halten. „Der Faire Handel garantiert langfristige Abnahmen, unterstützt soziale Projekte, berät die Bauern und bildet sie aus, zum Beispiel auch bei der Umstellung auf Bio-Anbau. Das müssen wir verstärkt deutlich machen“, sagt TransFair-Pressesprecherin Claudia Brück. Derweil steigt auf der Seite der Produzenten das Selbstbewusstsein. Die Vertreter der über 1,2 Millionen Kleinbauern und Arbeiter, die Fairtrade angeschlossen sind, gestalten das System aktiv mit. Sie sind mit 50 Prozent Stimmanteil in den Gremien von Fairtrade International, FLO, vertreten. Dabei machen in jüngster Zeit verstärkt die Produzentennetzwerke aus Afrika auf sich aufmerksam.

Cashew-Nüsse auf dem fairen Markt

Cashew-Nuss in Ghana evidero / Monika Hoegen
Nicht nur Kaffee, auch Cashew-Nüsse können fair gekauft werden.

So gab es zum Beispiel im vergangenen November eine große Fairtrade Messe in Ghanas Hauptstadt Accra, bei der es unter anderem um das Verhältnis zu den europäischen Partnern ging. Und das müsste noch deutlich verbessert werden, sagt etwa Kwame Banson, Regionalkoordinator für das West Afrika Netzwerk bei Fairtrade: „Viele unserer Bauern lassen sich Fairtrade-zertifizieren, noch bevor sie richtig verstanden haben, was das eigentlich genau bedeutet“, so Banson. Oft hätten sie dann zwar das Label, aber immer noch keinen ausreichenden Markt für ihre Produkte. Banson: „Das müsste anders herum laufen: erst Vermarktungschancen und dann das Siegel.“ Dazu wünscht sich Banson deutlich bessere Kommunikation mit den Faitrade-Partnern – auch in Deutschland.

Ein weiteres Problem: Anders als beim Kaffee ist bei vielen neuen Produkten der vom Fairen Handel zu zahlende Mindestpreis offenbar nicht so leicht zu bestimmen. Beispiel Cashew: „Wir haben für unsere Rohware schon mehrfach unterschiedliche Preise erhalten“, sagt Chief Adam, Gründer der Nationalen Vereinigung der Cashew-Bauern in Ghana und selbst Farmer im Norden des Landes. Zwar versucht gerade er, andere Farmer vom Vorteil des Fairen Handels, darunter Sozialstandards und ein besserer Umgang mit der Umwelt, zu überzeugen. Doch müsse mit Fairtrade noch Einiges geklärt werden – darunter die Preisfrage. Adam bemängelt auch, dass es mit der versprochenen Vorfinanzierung für die Bauern nicht immer klappt. Zudem weiß er, dass eine Zertifizierung aufwändig und teuer ist – zu teuer für so manchen lokalen Produzenten. Das Gleiche gilt für die Maschinen, mit denen Cashew-Nüsse aufbereitet werden müssen, damit sie überhaupt genießbar sind. Bislang geschieht das hauptsächlich in Indien oder Vietnam, wohin die ghanaischen Produzenten ihre Rohware exportieren. Und so wandert eine Nuss zunächst von Afrika nach Asien, bis sie wieder den Weg nach Europa zum Konsumenten findet. Das zu ändern, ist ebenfalls ein Ziel von Chief Adam: „Denn der eigentliche Verdienst steckt in der Weiterverarbeitung und da fällt für die Bauern derzeit nichts ab.“ Auch hier müsste Fairtrade verstärkt behilflich sein, findet der Ghanaer.

Professionalisierung der Produzenten, Kampf gegen Kinderarbeit etwa auf den Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste, oder die Folgen des Klimawandels mindern, die die Bauern im Süden besonders zu spüren bekommen – 20 Jahre nach seinem Entstehen gibt es etliche neue Herausforderungen für den Fairen Handel. Auch an neue Businessmodelle ist gedacht. So will man von der reinen Produktzertifizierung hin zur Zertifizierung von ganzen Herstellungsprozessen, etwa bei Textilien, gelangen. „Die Fragestellungen haben sich im Laufe der Zeit erheblich geändert“, sagt dazu TransFair-Vorstandsvorsitzender Heinz Fuchs. „Doch unser Anspruch: nämlich einen gerechten Handel zwischen Nord und Süd zu ermöglichen, bleibt.“

Weiter Informationen:

Trans-Fair Deutschland: http://www.fairtrade-deutschland.de/

Autorin: Monika Hoegen
Monika Hoegen
Monika Hoegen, geboren am 25.8.1963, arbeitet seit knapp zwanzig Jahren als Journalistin für namhafte deutsche Print- und Radiomedien – nach dem Studium der Politikwissenschaft und Germanistik zunächst als freie Mitarbeiterin, Redakteurin und stellvertretende Leiterin einer Lokalredaktion für den „Kölner Stadt-Anzeiger“...

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