Vorurteile gegen Golf-Sport: Intelligentes Wandern mit Ball und Schläger

An Golf ist viel mehr dran als nur ein Schläger-zur-Schau-Stellen. Ein Erfahrungsbericht von evidero zeigt, wieso Golf ein viel besseres Image verdient hat.
von Marc Saha
Wandern mit Schläger© Kzenon - Fotolia.com

Der einst als elitär verschriene Golfsport verändert sein Image. Golfen wird jünger, bunter und weiblicher – und es ist auch nicht mehr Voraussetzung, zu den oberen Zehntausend zu gehören. Aber was macht seinen Reiz aus? evidero Autor Marc Saha schildert, warum ihn der Golfvirus befallen hat.

Golf spielen nur in Karo-Hosen?

Autor: Marc Saha
Marc Saha stammt aus Solingen und arbeitet seit 1992 als Journalist...
„Was, Du spielst Golf? Dieses snobistische Schläger-zur-Schau-Stellen in Karo-Hosen? Das ist doch kein Sport, sondern nur ein Statussymbol.“ Das habe ich oft gehört. Öfter, als mir lieb ist. Und das Verrückte daran: Ich kenne diese Golf-Klischees und –Vorurteile. Ich kenne sie zu gut, denn sie waren auch jahrelang in meinem Kopf. Wenn damals jemand vom Golfspielen berichtete oder davon, wie er oder sie auf der sogenannten Driving Range, einer meist überdachten Abschlagsbox Abschläge in Serie geübt hat, dann war eine gerümpfte Nase noch meine netteste Reaktion. Irgendwann habe ich den Lockrufen dann aber nicht mehr widerstanden. Und bereue es nicht.

„Nur Stabhochsprung ist komplizierter als Golf“

Warum? Ganz einfach. Es macht großen Spaß. Und es ist definitiv eine Herausforderung. Sport? Ja, auch wenn es viele nicht glauben können, die noch keinen Fuß auf einen Golfplatz gesetzt haben. Abenteurer, Ausdauersportler und alle, die einen Kick in Extremsport suchen, sind auf Golfanlangen an der falschen Stelle. „Sag mir bitte, dass es nicht ungewöhnlich ist, nach dem Golfen Muskelkater zu haben“, mailt mir eine Kollegin, die ich auf die Driving Range mitgeschleppt habe.

Abschläge bzw. Schwünge kosten Kraft, physisch und mental. Der Bewegungsablauf des Golfschwungs ist kompliziert. Wie halte ich den Schläger, wie stelle ich mich hin, wie hole ich aus, wie treffe ich den Ball? „Nur Stabhochsprung ist komplizierter“, hat mir meine Golflehrerin Bettina Hauert schon bei der ersten Trainingsstunde mit auf den Weg gegeben. Sie war lange Zeit Deutschlands beste Spielerin, nun bringt sie im Kölner Westen Hobby-Golfer wie mich in die Spur. Teilweise in nur fünf intensiven Trainingstagen schaffen es Golfer, die begehrte Platzreife zu erwerben, die ihnen erlaubt, auf allen Golfplätzen zu spielen und sich ein möglichst niedriges Handicap zu erspielen.

Glücksgefühle beim Golf Anfänger

Neben mir bemüht sich Tom Horti, den 45 Gramm leichten Ball aus harter Kunststoffschale so weit wie möglich zu schlagen. Der 41-Jährige IT-Vertriebsmitarbeiter eines großen deutschen Konzerns ist seit sechs Jahren Golfer. „Schon beim ersten Mal habe ich den Ball getroffen und fliegen lassen, das hat mich sehr motiviert.“ Ihn begeistert vor allem ein Gefühl, das Bettina Hauert als „Flow“ oder „in the zone“ bezeichnet: eine Art Leerlauf im Kopf, alle Bewegungen laufen ab wie auf Autopilot. Ein Glücksgefühl, weil man mental und körperlich entspannt – und, weil man loslässt.

„Lass die Schultern fallen“, korrigiert mich Bettina Hauert. Und schnell merke ich: Je weniger Kraft ich aufwende, umso besser gelingt mir der Schlag. Golfen ist der optimale Ausgleich zum Schreibtischjob. Eine gute Schule, um sich selber besser kennen zu lernen. Ich kann mit Freunden spielen gehen, aber auch für mich alleine. Es ist Wettkampf und Gemeinschaftserlebnis zugleich. Eine ideale Netzwerk-Stätte. Ein Sport, den ich weltweit ausüben kann.

Schon bieten findige Veranstalter Golfreisen in alle Gegenden der Welt an. Eine Entschleunigung im Grünen, an der frischen Luft. Gerade die Umgebung macht es aus. Golfplätze haben fast immer eine besonders schöne Lage. Etwa der GC Lüderich in Overath bei Bergisch Gladbach. Die Inhaberin Sabina Henrich ist stolz auf die 70 Hektar große Anlage, die sich über einen Berg hinaufzieht. Spieler überwinden auf dem Kurs 100 Höhenmeter. Oben erinnert ein Förderturm daran, dass hier lange vor den Golfern Kumpel Zink gefördert haben. Henrich schwärmt: „Hier steht klar die Natur im Vordergrund; Grün, wohin man sieht; es ist intelligentes Wandern mit Schlägern und Ball“.

Grüne Golf Wiesen, keine Karo-Hosen

Grün ist die dominante Farbe beim Golf. Allein der Blick in die weiten grünen Anlagen ist wie Stressabbau auf Knopfdruck. Kein Zufall, gerade erst hat eine britische Studie belegt, dass Grünflächen in der Nähe der eigenen Wohnung glücklicher machen. Wir brauchen die Natur, um zufriedener zu sein. Und der Farb-Psychologe Harald Braem erklärt: „Wer gestresst und übermüdet vom Job ist, sollte in seiner Freizeit Grün tragen – die Farbe kann stärkend wirken. In der Farbtherapie wird Grün bei Herzkrankheiten eingesetzt.“

Bei Sabina Henrich in Overath spielen auch Herzinfarktpatienten, die sich hier wieder stärken. Golf ist ein Sport für jeden; nur bei Knieproblemen sollte man sich vorsehen. Die ehemalige Profi-Golferin Bettina Hauert ist sich sicher: Golfer leben länger.

Sind Golfer arrogante, reiche Schnösel?

Und wer sind sie nun, die Golfer? Arrogante, reiche Schnösel in Karo-Hosen, die meisten kurz vor dem Rentenalter? Schon für 195 Euro im Jahr (Mitgliedschaft beim Verein clubfreier Golfer) kann man Mitglied werden, gutes Equipment (Schlägersatz mit 14 Schlägern) gibt es ab 300 Euro. „Reiten ist teurer“, findet Sabina Henrich. Eine gewisse finanzielle Hürde gibt es schon; schließlich muss ja irgendwo das Geld herkommen, um die Grünflächen Tag für Tag in Schuss zu halten.

Mein Mitspieler Tom Horti ist auf jeden Fall froh, genügend Menschen auf dem Golfplatz kennen gelernt zu haben, die so gar nichts mit dem Klischee vom Golfspieler zu tun haben. Auch ich halte Ausschau nach karierten Hosen – und finde statt dessen bunte unifarbene Hosen und ganz normale Sportdresses. Nur die Golfer-Kappe tragen fast alle, ich auch.

Das snobistische Image bröckelt, der Sport ist bunter, weiblicher, jünger als früher. Und nicht alle wirken so, als ob sie mal eben Millionenbeträge am Finanzamt vorbei in der Schweiz unterbringen könnten. „Natürlich gibt es nach wie vor die Traditionsklubs mit schmiede-eisernen Portalen, wo die Leute unter sich bleiben wollen“, hat Sabina Henrich beobachtet. Aber die haben Konkurrenz von neuen Klubs bekommen; gerade auch im Rheinland, der Gegend, aus der Deutschlands zurzeit bester Golf-Crack kommt, Martin Kaymer. Noch ist Golf kein Breitensport oder Massensport – die Regeln sind nicht leicht zu erklären, es ist nicht wirklich fernsehtauglich.

Und die Vorurteile übers Golfen? Sie sind ein Wahrnehmungsfehler, ein Aufmerksamkeits-Phänomen, oder wie es der Hirnforscher Martin Korte sagt, „Übergeneralisierungen unseres Gehirns“. Der Mensch sei evolutionär noch nicht klug genug, die Umwelt so wahrzunehmen, wie sie ist, beschreibt es der Sozialpsychologe Andreas Zick: „Er muss kategorisieren, um die Informationsflut zu reduzieren”. Ich bin auf jeden Fall sehr glücklich, Golf aus der Schublade geholt zu haben, in der es lange genug lag.

Autor: Marc Saha
Marc Saha stammt aus Solingen und arbeitet seit 1992 als Journalist...

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