Vorbilder in Politik und Medien

Ohne Vorbilder geht es nicht

Sind wir noch zu retten? Ist unser Planet längst verloren? Die Grenzen des Wachstums überschritten? Wir brauchen dringend Helden, die es richten! Aber wen?
"Comet 2000": Teenager bejubeln ihre StarsFoto: Wiebke Langefeld © dpa - Fotoreport

Die einen warnen vor den Grenzen des Wachstums, die anderen sehen keine Grenzen. Fehlt nicht in dieser Diskussion die Bescheidenheit? Und was ist mit Vorbildern? Andreas Schäfer geht auf die Suche.

Der Club of Rome, ja, der Club of Rome, der hat sich nach vierzig Jahren erneut wortgewaltig gemeldet. Die Grenzen des Wachstums werden noch enger. Kritiker und Sophisten, gegen die generell nichts zu sagen wäre, reagieren mit Schnellschüssen. Alles nicht so schlimm! Das Waldsterben sei schließlich auch ausgeblieben. Sie vergessen gnädig die jahrzehntelange Bekalkung der Wälder oder die Filter, die gegen viel Widerstand in die europäischen Kohlekraftwerks-Schwefelschleudern eingebaut wurden. Die Grenzen des Wachstums haben wir immer noch nicht begriffen. Aus der grenzenlosen Ausbeutung wird noch zu viel Profit gemacht; inklusive der Rohstofffreibeuter in Drittweltländern, die unsere Handys bimmeln lassen und das Energiesparen mit Hightech-LEDs trendy machen. Aber wo kommen all das Coltan, das Germanium und das wertvolle „Was-weiß-ich-nicht-alles-Metall“ her (und wo bleibt es)? Scheinbar ist es grenzenlos zu haben.

Der Club of Rome verkündet uns eine U-Boot-Atmosphäre mit Tropenstürmen schon in vierzig Jahren. Dieses Frühjahr scheint bereits darauf hinzuarbeiten. Währenddessen hallt das „grenzenlose Wachstum“ immer noch von der neoliberalen Front herüber – die ist sich sicher, bisher ist dem Menschen immer noch was eingefallen. In Köln sagt man: „Et hät noch emmer joot jejange“ (= es immer noch immer gut gegangen). Das reicht in meinen Augen nicht für nachhaltiges Wirtschaften. Folgt man den Club-Römern halten die Rohstoffvorräte und Energieträger bis 2052 nicht mehr mit dem Wirtschaftswachstum mit. Es ist also an der Zeit über alternative Lebensformen nachzudenken, ohne direkt beim längst verstorbenen US-amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau zu enden, der die radikale Rückkehr zur Natur gefordert hat.

Auch Energiesparen und Recycling werden uns voraussichtlich nicht aus der Klemme helfen, obwohl wir nicht drauf verzichten können. Wir verschwenden immer noch, als gäbe es eine zweite Erde. Das Recyceln der wertvollen Rohstoffe in Elektrogeräten wird uns schwer gemacht. Da landen Gold und Coltan dann im Hausmüll. Aber selbst wenn es dafür ein funktionierendes Recyclingsystem gäbe, es reicht wohl auch nicht. Es ist an der Zeit, den Menschen zu sagen, dass nicht jeder alle zwei Jahre ein neues Handy oder ein neues Auto haben kann. Wir müssen über Verteilungsgerechtigkeit reden und über Bescheidenheit.

Die Vorbilder fehlen nicht nur in der Politik. Erst recht in den Medien. Da werden noch die Träume von gestern verkauft: „reich und schön“. Die Wachstumsmonstranz wird immer noch vor sich hergetragen. Geld kann man aber nicht essen. Wir müssten uns mal wieder auf die Rohstoffe und Güter zurückbesinnen, anstatt den Rausch der Finanzkasinos weiterzutreiben, der alles und jeden zum Spekulationsobjekt macht. Die Finanzkrise ist nicht unser größtes Problem. Schulden kann man streichen. Währungen kann man rebooten. Unseren kleinen schlammigen Planeten nicht.

Der abgezockte Börsen-Guru Gordon Gecko aus „Wall Street“ taugt ebenso wenig zum Vorbild wie der skrupellose Geheimdienst-Agent Jack Bauer aus „24“. Wo sind die neuen Helden? Auch die Casting Shows generieren das Image vom Individuum, das alles schaffen kann. Unendliche Weiten – doch Schiffe mit Warp-Antrieb, die uns zu anderen Sternensystemen geleiten können, wenn unsere Erde unter Hochdruck platzt, gibt es nicht. Vom Beamen ganz zu schweigen. Die Physik lässt sich nicht überlisten. Wir sind bald neun Milliarden. Und da schmeißen wir immer noch die Hälfte unserer Lebensmittel weg?

Rechte Ideologen haben den „Gutmenschen“ zum Schimpfwort gemacht. Nur „Opfer“ ist ein schlimmeres Stigma. Verkehrte Welt. Wir müssten eigentlich wissen, dass wir uns derlei Illusionen nicht mehr leisten können. Hollywood hat schon ein paar Vorbilder zu bieten wie George Clooney, „Brangelina“ oder Leo DiCaprio. Ausreichen tut auch das nicht.

Bei uns dagegen wird der Geldmensch Carsten Maschmeyer gefeiert, als gälte das Rezept „erfolgreich leben“ tatsächlich für jedermann. Nicht der, der erfolgreich nimmt, sollte der Held sein, sondern der, der erfolgreich teilt und gibt.

Warum nicht die Geschichten von Menschen wie Hans-Christian Ströbele erzählen, die still und aufrecht auf dem Rad durch Berlin-Kreuzberg fahren und beweisen, dass man sich als Politiker nicht verbiegen lassen muss. Oder von der Ärztin, die nach wie vor ihren Dienst als Unfallchirurgin tut, anstatt in der eigenen Praxis für dicke Knete Brüste zu vergrößern oder Fett abzusaugen. Oder von Dorit, meiner Nachbarin – die begnügt sich seit Jahrzehnten mit 35 Quadratmeter Deutschland und ist dabei quietschvergnügt. Neue Helden braucht das Land!

Andreas Schaefer
Andreas Schäfer ist Autor und Regisseur. Seit 2009 ist er Chefredakteur des Magazins Showcases. In einer Essayreihe beschäftigt er sich mit der Kommunikation im 21. Jahrhundert...

Das könnte dich auch interessieren

Neuland_UniSeminar
Engagement 2.0 bei NeuLand – Gutes tun tut gut
von Janine Otto
Fahrender Garten
Crowdfunding — Eine Idee, viele Geld­geber
von Sabrina Gundert
einwegflaschen
Mehrweg, Einweg oder grüner Punkt – welche Flasche ist die beste?
von Annette Bonse
dosen
Totgesagte leben länger: Das Come­back der Dose
von Annette Bonse
Christiane Paul
“Hallo, aufwachen!” Christiane Paul im Interview
von Liane Rapp
Kleines M‰dchen und Almkuh
Hoffnung für Lieselotte: Opti­mismus nimmt Kindern die Angst
von Annette Coumont