Vom Aussterben bedroht: Hebammen: Vom Aussterben bedroht? – Proteste zum Hebam­mentag

Der Beruf der Hebamme ist durch niedrige Löhne gefährdet. Doch die Geburtshelferinnen sind wichtig.
von Annette Bonse
Streik der HebammenFoto Cynthia Rühmekorf © picture alliance / JOKER

Am 5. Mai ist Internationaler Hebammentag. Auch dieses Jahr gehen die Geburtshelferinnen auf die Straße: Stagnierende Löhne und steigende Versicherungsbeiträge zwingen immer mehr Hebammen, ihren Beruf aufzugeben.

Sie ist in den meisten Fällen der erste Mensch, den wir auf dieser Welt erblicken: Die Hebamme. Gewürdigt wird ihr Berufsstand alljährlich am 5. Mai durch den Internationalen Hebammentag. Ganz und gar nicht gewürdigt fühlen sich die Schwangerschafts- und Geburtshelferinnen jedoch von Politik und Krankenkassen. Der großen Verantwortung, die ihr Beruf mit sich bringt, stehen immer größere Ausgaben und kaum verändert schlechte Entlohnung entgegen. Und so wird der 5. Mai auch in diesem Jahr wieder im Zeichen des Protests stehen.

Hebamme Marit Richter© picture alliance / dpa / Caroline Seidel
Immer mehr Hebammen zweifeln, ob es sich für sie noch lohnt Kindern auf die Welt zu helfen.

Die Vergütung von Hebammen wurde zuletzt zwar im Jahr 2010 um 1,5 Prozent angehoben – doch diese Erhöhung ist für Nitya Runte, die Vorsitzende des Vereins Hebammen für Deutschland, lediglich eine Farce: „Uns war eine eine zweistufige Erhöhung unserer Vergütung zugesagt worden. Die zweite Stufe mit einer Erhöhung um 12,5 Prozent ist jedoch nie realisiert worden. Angesichts dessen sind die aktuell angebotenen 2 Prozent Lohnerhöhung ein schlechter Witz.“ Berechnungen aus dem Jahr 2007 haben ergeben, dass der Netto-Stundenlohn von Hebammen bereits damals bei lediglich 7,50 Euro pro Stunde gelegen hat – weit unter dem Durchschnittseinkommen vergleichbarer Berufe. Seither sind zudem die Betriebsausgaben für die Geburtshelferinnen drastisch gestiegen.

Hauptsorge des Berufsstands sind neben der niedrigen Vergütung vor allem die seit Jahren ansteigenden Haftpflichtprämien für das „Risiko Geburtshilfe“. In weniger als 20 Jahren ist sie stufenweise von 180 Euro auf fast 3.700 Euro angehoben worden – am 1. Juli 2012 soll sie sogar noch einmal um 15 Prozent erhöht werden: Mehr als 4.300 Euro Versicherungsprämie müssen dann verdient werden: Das entspricht dem Honorar für rund acht Hausgeburten oder 157 Hausbesuchen im Wochenbett. Viele Hebammen können sich diese Kosten nicht mehr leisten. Deshalb sinkt der Anteil unter ihnen, der neben der Geburtsvorbereitung und der Betreuung im Wochenbett auch die eigentliche Geburtshilfe anbietet, seit Jahren kontinuierlich. Allein in den letzten beiden Jahren sahen sich 15 Prozent der Hebammen gezwungen, das Kernstück ihres Berufs aufgeben.

Seit zwei Jahren fordern die Frauen, deren ureigene Aufgabe das Helfen ist, nun selber Hilfe. Am 5. Mai 2010 startete der Deutsche Hebammenverband über das Internet eine öffentliche Petition – nach eigenen Angaben die erfolgreichste E-Petition Deutschlands: Bereits nach drei Tagen war die für eine öffentliche Anhörung erforderliche Zahl von 50.000 Unterstützern erreicht. Inzwischen sind es über 190.000. Sie alle fordern nicht nur die Sicherstellung der Wahlfreiheit des Geburtsortes, also zwischen Klinik, Geburtshaus oder zu Hause in einer Eins-zu-eins-Betreuung. Auch der Erhalt der Hebammenhilfe in Deutschland – statt einer schleichenden Zersetzung des traditionellen Berufsbildes –  und eine angemessene Bezahlung gehören zum Katalog. Und da sei viel aufzuholen. Angemessen wäre laut Nitya Runte und anderen Vertretern der Hebammeninteressen eine Erhöhung um 30 Prozent.

Demonstration von Berliner HebammenFoto: Britta Pedersen © dpa/lbn
Die Hebammen fordern am Internationalen Hebammentag  mehr Anerkennung für ihren Beruf.

Vor allem aber wünschen sich die Geburtshelferinnen, dass ihre Arbeit mehr anerkannt und wertgeschätzt wird. Der Beruf ist mit einer hohen Verantwortung verbunden und die könne nur aufbringen, wer ihn mit viel Herzblut und Pflichtbewusstsein ausübt. Allein die ständige Rufbereitschaft, so Nitya Runte, fordert von den Hebammen Einsatz weit über die eigentliche Arbeit hinaus: „Es gibt vielleicht drei Wochen im Jahr, an denen ich nicht arbeite. Ansonsten bin ich immer in Rufbereitschaft – auch an Weihnachten oder Silvester.“ Gerade deshalb sind Hebammen darauf angewiesen, dass auch einmal eine Kollegin einspringen kann, wenn nach einer 20-Stunden-Geburt direkt die nächste geplatzte Fruchtblase ansteht. Genau diese Arbeitsteilung wird durch den Rückgang der Geburtshelferinnen immer schwieriger. „Weil so viele schon aufhören mussten, habe ich kaum noch Kolleginnen, die mal für mich einspringen können“, so Runte.

Trotz der breiten Unterstützung aus der Bevölkerung und monatelanger Streiks hat sich bisher kaum etwas an den schwierigen Arbeitsbedingungen der Hebammen vebessert. Das Gegenteil ist der Fall – dank der ins Haus stehenden nächsten Erhöhung der Haftpflichtprämie. Doch entmutigen lassen wollen sich die Frauen deshalb noch lange nicht. Sie sind gut organisiert und vernetzt bei Hebammen für Deutschland. Und sie wissen auf sich aufmerksam zu machen – entgegen allen Schwierigkeiten.

So geht es auch dieses Jahr am Internationalen Hebammentag wieder auf die Straßen.