Unsere Bloggerin beim NRW-Wahl-Kandidatencheck „Log In“

Ohrensausen durch Wahlkampf­-Floskeln

Ein Hintergrundbericht zum NRW-Wahl-Check. Was dort abläuft hat sich evidero Bloggerin Annette Bonse angesehen.
Annette Bonse in Log in Screenshot ZDFinfo

Unsere Bloggerin Annette Bonse war gestern im Fernsehen – als Netzjurorin beim NRW-Wahl-Kandidatencheck „Log In“ im digitalen Spartenkanal „ZDF info“. Hier schreibt sie, wie sie die Sendung erlebt hat.

Gestern war ich in ein Düsseldorfer Fernsehstudio eingeladen, wo sich die Spitzenkandidaten für die NRW-Landtagswahl den Fragen des „ZDF info“-Fernseh- und Internetpublikums gestellt haben. Als so genanntes „Netzjury-Mitglied“ sollte ich dem Piraten Joachim Paul und der Linken Katharina Schwabedissen Fragen zum Thema Energie (Paul) und Öffentlicher Nahverkehr (Schwabedissen) stellen.

Das Konzept der Sendung „Log In“ beruht vor allem auf einem sehr schnellen Wechsel zwischen den verschiedenen Wahlkampfthemen: Die Kandidaten werden sozusagen bombardiert mit Fragen, die abwechselnd von Seiten der Moderatoren, von Internet-Usern, dem Publikum und eben der dreiköpfigen Netz-Jury kommen. Bewundernswert, wie die geschulten Politiker allesamt mit dieser Fülle an Fragen umgingen und zu jedem Thema zumindest die passenden Floskeln parat hatten. Mir selbst als ungeschulter Beobachterin bzw. Teilnehmerin fiel der schnelle Wechsel zwischen den Politikgebieten sehr viel schwerer.

Im Vorraum verfolgte ich via Bildschirm und versorgt mit belegten Käse- und Schinkenbrötchen den Auftritt der ersten Kandidatin, Sylvia Löhrmann von den Grünen. Während ich noch dabei war, über Löhrmanns Antwort auf die Auftaktfrage nach der Schuldenbremse nachzusinnen, kam Sekunden später schon ein Einspieler zum Thema Energie und Frau Löhrmann war gefordert, zu erläutern, ob der Ausstieg aus der Atomenergie nicht zu schnell gehe. Im selben Tempo ging es weiter quer durch alle möglichen innenpolitischen Themen – angefangen bei der Reichensteuer, über Personalabbau bei der Polizei bis hin zur Bildungspolitik und noch etliche andere Sachthemen. Als Löhrmann nach einer halben Stunde auf dem Weg nach draußen an mir vorbeiging, wirkte sie angesichts des soeben durchlebten Fragenfeuerwerks erstaunlich entspannt, während mein Kopf schon rauschte, bevor ich das Fernsehstudio betrat, um Joachim Pauls Auftritt beizuwohnen.

Der 54-jährige Piraten-Spitzenkandidat wurde in den darauffolgenden 30 Minuten immer wieder mit Statements konfrontiert, die die Kompetenz der Piraten auf den verschiedensten Gebieten in Frage stellten. Seine Antwort in vielen Fällen: Er versuchte, das Publikum von seinem Motto „lieber keine Antwort als eine falsche Antwort“ zu überzeugen. Auf meine Frage, wo die Piraten beim Ausbau der Erneuerbaren Energien ihre Prioritäten sehen (Bsp. Windenergie) erhielt ich leider nur eine etwas schwammige Antwort. Die Piraten setzten auf Dezentralisierung, so erläuterte mir der freundliche Herr Paul. Auf welche Energien sie dabei genau setzen, das wurde anhand seiner Ausführungen leider nicht deutlich. Als wir am Ende gemeinsam das Studio verließen, blieb der Eindruck eines ehrlich und authentisch wirkenden Mannes, dessen Partei ich zwar nicht meine Stimme geben würde, dem ich aber einen Einzug in den NRW-Landtag durchaus wünschen würde. Als „Übungs- und Konkretisierungsphase“ für die nächste Legislaturperiode sozusagen.

Autorin

Annette Bonse

Annette Bonse

Annette Bonse hat ihre Kindheit und Jugend in Deutschlands Metropole der Wutbürger verbracht. Da von Stuttgarts revolutionärem Geist zu dieser Zeit noch nicht viel zu spüren war, verschlug es sie auf der Suche nach Alternativen zur schwäbischen Beschaulichkeit unter anderem nach Kansas, Montpellier und Guatemala...

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Den Auftritt von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) verpasste ich weitestgehend. Die paar Blicke, die ich zwischendurch auf den Bildschirm erhaschte, lieferten das gewohnte Bild einer souverän wirkenden Landesmutter, die sich ihrer Sache sicher ist. Es folgte die Linken-Spitzenfrau Katharina Schwabedissen. Gewohnt locker gekleidet im Kapuzenpulli wirkte die Mutter zweier Söhne eher wie eine Studentin aus dem Publikum denn als Landtagswahl-Kandidatin. Mit stoischer Gelassenheit erwiderte sie die häufig recht süffisant wirkenden Fragen nach der Finanzierbarkeit der vielen sozialen Geschenke, die die Linken laut Wahlprogramm zu verteilen gedenken. Ähnlich wie der Pirat Joachim Paul blieb sie konkrete Antworten jedoch häufig schuldig. Auf meine Frage, wie sie Pendler davon überzeugen wolle, auf das Schienennetz umzuwechseln, verwies sie lediglich auf den Ausbau des Schienennetzes in ländlichen Gegenden – eine Maßnahme, die in einem städtereichen Bundesland wie NRW nur in Ansätzen Lösung des Problems ist. Doch viel Zeit zum Vertiefen blieb sowieso nicht, denn schon ging es weiter mit dem Thema Legalisierung von Drogen. Auch Frau Schwabedissen wirkte gelassen, als sie nach dem Frage-Kreuzfeuer den Raum verließ. Ich hingegen fühlte mich, als hätte ich soeben eine vierstündige mündliche Prüfung hinter mir: so viele Themen in so kurzer Zeit.

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