Die Schlafplatzbörse Couchsurfing

Das organisierte Bett­-Hopping

Durch die Welt reisen und jede Nacht in einem anderen Heim schlafen: Möglich durch Couchsurfing.
Couchsurfer tauschen ihr SofaFoto: Robert Schlesinger © dpa

Couchsurfing ist die größte Schlafplatzbörse der Welt. Ihre Mitgliederzahl wächst kontinuierlich – es gibt inzwischen aber auch enttäuschte Anhänger.

Ein Neo-Nazi bittet um Unterkunft bei einem Rabbi – und der lädt ihn herzlich zu sich nach Hause ein. Was nach der Handlung in einem Arthouse-Film klingt, hat Eli Courante tatsächlich erlebt. Der 39-jährige lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in St. Catherine in Kanada. 2005 meldete sich der jüdische Geistliche auf der Online-Plattform Couchsurfing an – und nur kurze Zeit später erreichte ihn die ungewöhnliche Mail eines Skinheads aus Mailand. „In seiner sehr persönlichen Anfrage erklärte er, warum er Gast eines Rabbis werden wollte. Ihn interessierte es einfach, wie ‘die andere Seite’ lebt“ erzählt Eli. Nach Rücksprache mit seiner Frau entschied er, auf das Schlafplatzgesuch des Italieners einzugehen: „Er war geduldig und bescheiden und es war faszinierend, mit ihm zu reden. Gleichzeitig sah er in mir einen Klassenfeind. Keiner von uns beiden versuchte jedoch, den anderen von seiner Sicht zu überzeugen, wir unterhielten uns einfach über unsere Ansichten und Einstellungen.“ Für den Kanadier ist diese Episode sinnbildlich für das, was Couchsurfing in seinen Augen bedeutet: „Die Community bietet den Austausch mit anderen Kulturen und Kontakt zu Menschen, mit denen man sonst nie zusammenkommen würde.“

Der Fremde im eigenen Bett

Auch wenn es nicht gleich ein Neo-Nazi sein muss, den man zu sich ins Haus bittet – die Vorstellung, einen völlig Fremden unter das eigene Dach zu lassen, erscheint vielen Menschen zunächst unheimlich. „Habt ihr schon schlechte Erfahrungen gemacht?“ ist eine der häufigsten Fragen, die in Internetforen zum Thema Couchsurfing gestellt wird. Tatsächlich gibt es Berichte von Vorfällen – diese sind jedoch in ihrer Gesamtzahl sehr gering. In Deutschland warnten die Macher der Community 2011 per Rundmail vor einem jungen Mann, der unter verschiedenen Profilen durch deutsche Städte reiste und dort seine Gastgeber beklaute. Internationale Medien berichteten 2009 über das Schicksal einer Couchsurferin aus Hongkong, die von ihrem britischen Gastgeber vergewaltigt wurde. Dabei handelt es sich zum Glück jedoch bei 16 Millionen „Couchsurfing-Experiences“ seit der Gründung 2003 um seltene Einzelfälle. Der Großteil der Mitglieder gibt an, bisher keine negativen Erfahrungen gemacht zu haben. „Etwas wirklich Schlechtes habe ich noch nie erlebt“, erzählt Andrea, ein 40-jähriger Italiener, der zur Zeit in der Dominikanischen Republik lebt. „Ich hatte ein paar langweilige Surfer oder welche, deren Vorstellungen von Hygiene ich als ziemlich unterirdisch bezeichnen würde. Aber der Großteil waren wunderbare Begegnungen“. Der ehemalige UN-Mitarbeiter, der demnächst gerne einmal als Surflehrer arbeiten möchte, sieht in dem Konzept von Couchsurfing einen Gegenentwurf zu der „Sicherheits-Paranoia“ in der modernen Welt: „Natürlich gibt es auch bei uns negative Vorkommnisse, aber nicht mehr und wahrscheinlich sehr viel weniger als in anderen Systemen, die gemeinhin als sicher betrachtet werden.“

Hoher Suchtfaktor

Autorin

Annette Bonse

Annette Bonse

Annette Bonse hat ihre Kindheit und Jugend in Deutschlands Metropole der Wutbürger verbracht. Da von Stuttgarts revolutionärem Geist zu dieser Zeit noch nicht viel zu spüren war, verschlug es sie auf der Suche nach Alternativen zur schwäbischen Beschaulichkeit unter anderem nach Kansas, Montpellier und Guatemala...

zum Profil
Andrea hat bereits 73 Länder dieser Welt bereist und ist mit Leib und Seele Couchsurfer. Das beweisen über 100 Referenzen, die andere Mitglieder nach Begegnungen mit ihm auf seiner Pinnwand hinterlassen haben. Dass diese Form des Reisens hohen Suchtfaktor hat, kann auch Jacqueline von Angern aus Deutschland bestätigen. Die 42-Jährige arbeitet in ihrem „richtigen Leben“ als Sales Assistant. In ihrer Freizeit aber geht sie ganz in ihrem Dasein als Gast und Gastgeberin auf. „Ich habe insgesamt 123 ‘Couchies’ gehostet und 68 Mal bei jemandem gesurft“ erzählt die gebürtige Berlinerin: „Zweimal habe ich sogar schon an Hochzeiten von anderen Mitgliedern in Schweden und in Indien teilgenommen.“ Eine stolze Bilanz nach vier Jahren Mitgliedschaft. Erst vor ein paar Tagen hat Jacqueline einer fünfköpfigen Familie aus Schweden auf deren Urlaubsreise Unterschlupf gewährt. Sechs Menschen in einer Single-Wohnung – da sind Berührungsängste fehl am Platz: „Ich habe zwei Doppel-Sofas. Eines davon steht in meinem Wohnzimmer, das ich jedes Mal durchqueren muss, wenn ich von meinem Schlafzimmer in die Küche gehe“, erzählt die Burghauserin. „Wer viel Wert auf Privatsphäre legt, sollte sich da lieber eine andere Bleibe suchen.“ Die Schweden scheint das nicht gestört zu haben: Begeistert schwärmen sie auf Jacquelines Pinnwand von der schönen gemeinsam verbrachten Zeit.

Die Zukunft von Couchsurfing: Profit statt Benefit?

Seit der Gründung im Jahr 2003 wächst die Mitgliederzahl der Sofa-Community stetig: 4,5 Millionen sind es laut Angaben der Couchsurfing-Betreiber inzwischen weltweit. Zum Vergleich: Greenpeace und Amnesty International kommen jeweils nur auf drei Millionen Mitglieder. Kein Wunder, dass die Internetplattform im Laufe der Jahre auch aus wirtschaftlicher Sicht immer attraktiver geworden ist. Im August 2011 verkündete Couchsurfing-CEO Daniel Hoffer, dass das Unternehmen sich entschlossen habe, Gelder von Investoren in Höhe von 7,6 Millionen Dollar entgegenzunehmen. Damit verlor das Portal seinen Non-Profit-Status und wurde zu einer B-(Benefit)-Corporation. Bei einer B-Corporation handelt es sich um ein gewinnorientiertes Unternehmen, das sich aber zu sozialer und ökologischer Verantwortung verpflichtet. „Die Non-Profit-Struktur ist nicht optimal zur Förderung von Innovationen“, erläuterte Hoffer diesen Schritt in einem Interview: „Der B-Corporation-Status ermöglicht es uns, Kapital aufzunehmen und trotzdem eine soziale Mission zu verfolgen.“ Verwendet werden solle dieses Kapital in erster Linie, um mehr Personal einzustellen, das sich insbesondere um die Technik kümmern soll.

Die Non-Profit-Alternative: Bewelcome

Viele Mitglieder sehen in diesem Schritt einen Verrat an dem Konzept von Couchsurfing. „Sie haben unseren Traum verkauft“, empört sich Magnus Becker, 28-jähriger Psychologie- und Informatikstudent aus Bonn. Wie der Italiener Andrea und der Kanadier Eli gehört auch Magnus zu den alten Hasen unter den CSern. 2006 trat er dem Netzwerk bei und hat seither dutzende Male Gäste gehabt oder selbst irgendwo auf der Welt auf fremden Sofas geschlafen. Doch nun ist er tief enttäuscht von „seiner“ Plattform. „Couchsurfing war für mich eine Gemeinschaft, die für Benefit statt Profit stand“. Das bedeutet für ihn „freien Nutzen ohne Werbung oder den Verkauf von Daten für Werbezwecke und ohne wirtschaftlichen Erfolgsdruck“. Der Bonner ist innerhalb des Netzwerks einer Gruppe beigetreten, die gegen den „Ausverkauf“ von Couchsurfing protestiert. An die 4.000 Mitglieder zählt die Initiative inzwischen, doch ihr Protest ist bisher klanglos verhallt. Magnus versucht deswegen momentan, schrittweise auf eine andere Plattform „umzuziehen“: Bewelcome, ein Non-Profit-Netzwerk, das von Ehrenamtlichen betrieben wird und nach demselben Prinzip funktioniert wie Couchsurfing. Einziges Problem: Mit einer Gesamt-Mitgliederzahl von 20.000 ist diese Gemeinschaft bislang noch keine wirklich konkurrenzfähige Alternative für die Reiseplanung.

Mitgliedschaft: kostenlos – Begegnungen: unbezahlbar

Im Gegensatz zu der Protest-Gruppe, der auch Magnus Becker angehört, ist dem Großteil der übrigen 4,5 Millionen Mitglieder von Couchsurfing die Frage „Non-Profit-Organisation oder B-Corporation“, nicht so wichtig. Sie legen vor allem Wert darauf, dass die Mitgliedschaft kostenlos ist. Dafür haben die Betreiber 2011 noch einmal garantiert. Die Erlebnisse, die sie mit Couchsurfing verbinden – darüber sind sich Eli, Jacqueline, Andrea und auch Magnus einig – die sind sowieso unbezahlbar.

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