Vegan im Restaurant: Mit gutem Gewissen lecker essen

Veganes Essen wird inzwischen auch in Gourmet-Restaurants angeboten. Ein Beispiel: das "Mano Verde" in Berlin. evidero-Blogger Andreas Schäfer war dort.
von Andreas Schäfer
Im La Mano VerdeFoto: Cathrin Bach

Die Zeit, in der man veganes oder vegetarisches Essen mit Selbst-Kasteiung und Verzicht gleichsetzen musste, ist Vergangenheit. Man kann das den vielen guten Thais oder Japanern in Deutschland gutschreiben, die Alternativen zum Schwein und zur Forelle nach Deutschland brachten. Die Haute Cuisine ist meistenteils noch auf Austern, Stopfgänseleber und lebend-gebrühte Hummer konzentriert. Vegane Feinschmecker hatten es schwer, bis Stars wie das Fitnessmodel Attila Hildmann kamen. evidero-Blogger Andreas Schäfer hat in Berlin den veganen Gourmet-Tempel schlechthin getestet:

Die inzwischen auch Feinschmecker-Metropole gewordene Hauptstadt Berlin ist groß genug, eine grüne Gourmet-Szene hervorzubringen. Das „La Mano Verde“ ist deren erste Adresse, mittlerweile nur noch einen Katzensprung vom Szenelokal „Paris Bar“ oder von Holger Zubrüggen und dem Kurfürstendamm entfernt. Die grüne Hand liegt etwas zurückgezogen an der Kempinski Plaza. Der Eingang ist direkt neben Udo Walz Salon an der Uhlandstraße, also in Charlottenburg, wo man ein aufgeschlossenes Publikum erwarten durfte.

Jean-Christian Jury, ein französischer Pionier aus Toulon, der über die Themse an die Spree kam, ist der Gründervater. Sein Credo lautet „Gesund essen mit Genuss“. Das Etikett vegan findet man in der kleinen exquisiten Karte nicht. Rohkostgerichte und Glutenfreies sind aber gekennzeichnet. Die Küche basiert auf frischen regionalen Zutaten, das Exotische und ausgesucht Weitgereiste wird gezielt eingesetzt und hat Bioqualität, wie die wilde Mango, die nun mal nicht in der Mark Brandenburg wächst. Die Atmosphäre ist höflich, freundlich formell aber nicht steif. Im „Mano Verde“ arbeiten nur Veganer und man spürt, dort arbeiten sie gerne. In Spitzenzeiten sollte man auf jeden Fall einen Tisch reservieren. Die vegane Küche ist schneller als ihr Fleischundfisch-Gourmetpendant.

Die Weinkarte ist überzeugend, die Empfehlungen des Service sitzt. Der Contadin Esino Mognon DOC 2009 (8,50 €) ist Bio, hat eine feine Säure, die mit dem späteren Gemüse, Algen und Sushi fein harmoniert. Seine Frische korrespondiert mit der des köstlichen Grünzeugs, was da noch kommt.

Ein veganer HochgenussFoto: Cathrin Bach
Ein veganer Hochgenuss

Auf Soja und Fleischersatz verzichtet man ganz oder weitestgehend. Beim heimlichen Testessen mit einem gewöhnlichen, wenn auch gezielten Fleischesser und überzeugter Vegetarierin vermisst man nichts, dabei hat man sich auch schon bei Tim Mälzer oder Jean-Claude Bourgueil amüsiert. Beim Dinner im sich füllenden samstags-frühabendlichen Restaurant wird vorsorglich auf eine Suppe verzichtet. Ein weiser Entschluss, denn das köstliche Grün wird in üppiger Fülle aufgefahren. Der Salat mit Meeresalgen und Seetang (10,50 €) ist beides, Rohkost und glutenfrei. Er ist ein kleiner Berg mit Kelp, frischem verzweigtem Meerfenchel, der braunen Wakame , Seetang und Ulva Algen mit Kokosflocken und einen Kokosnuss-Limette-Sesam-Dressing. Man kann sich sinnlich und entspannt an solche Meereswesen herantasten. Das „Sushi Jiro Ono“ (8,50 €) ist glutenfrei nach einem klassischen Rezept von Tokyo Sushi-Chef Jiro Ono zubereitet. Die Wasabi Sauce umgibt die bekannte Rolle mit Avocado, Frühlingszwiebeln, Tomaten, Karotten, Gurken und Nektarinen. Die sushigewöhnliche Säurenote ist hier fein und zurückhaltend ausgelegt.

Die „Spaghetti de la Mer“  (17,50 €) sind ein wahrer Sättiger. Die üppige Portion kommt mit einer Raukekrone, Wakame und Passe-Pierre Algen, getrockneter Tomate, Sesam und Chili in Koriander-Knoblauch. Die Nudeln werden mit Pinienkern-Parmesan serviert. Wer beklagt sich hier noch, dass er ohne Fleisch nicht satt wird! Die „Orange Glazierte Tempeh“ (17,50 €) sind  glutenfrei. Die fermentierten Sojabohnenkissen kommen im zarten Orangenhauch mit Ingwer und Koriander auf einem Bett gebratenen Lauchs und Bok Choy. Kohl und Lauch verfügen über einen flotten Biss. Sie haben Ihre Frische in der Sauteuse nicht verloren.

Als Finale teilt man sich ein „Triple Chocolate Fudge“  (7,50 €), laut Karte der „Schokoladigste Schokokuchen aller Schokokuchenzeiten“. Man bringt ohne Zaudern gleich zwei Dessertlöffel mit. Die schokoladigste Versuchung hält alle Versprechen, kommt auf einer Spur von Schokosauce und ist mit zwei dünngewalzten Schokoladenblättern verziert: Ein herrliche Kaloriensünde zum Abschied, die die gesunden Gänge zuvor gestatten. Die Schokolade kommt von Keimling und hat Rohkostqualität. Diese köstliche Bitterschokolade lässt Herzen höher schlagen: sie zergeht im Mund und schmeckt dabei wunderbar bitter-schokoladig. Handgeschöpft und mit höchster Sorgfalt liebevoll hergestellt. Sie besteht aus Kakaobutter, Kakaopulver, Agavendicksaft und Vanillepulver.

Als alkoholfreie Alternativen zum Wein gibt es frische Wildkräuter-Shots und Smoothies. Man bietet einen reduzierten Mittagstisch. Jean-Christian Jury und sein Team hätten einen Besuch vom Michelin oder Gault-Millau verdient. Der Feinschmecker ist bereits überzeugt. Von uns gibt es schon mal einen blinkenden Stern mit reichlich Hauben!

 

Andreas Schäfer ist Autor und Regisseur. Seit 2009 ist er Chefredakteur des Magazins Showcases. In einer Essayreihe beschäftigt er sich mit der Kommunikation im 21. Jahrhundert...

Weitere Informationen:

www.lamanoverdeberlin.com/