Ungesunde Lebensmittel für Kinder: Wieso Kinder-Marketing gefährlich ist

Lebensmittel für Kinder sind oft sehr ungesund. Wer hat dafür Sorge zu tragen, dass Kinder sich gesund ernähren?
Annette Coumont
von Annette Coumont
Süßigkeiten für Kinder sind gefährlich© Ruslan Grumble - Fotolia.com

Egal ob als Nascherei oder versteckte Kalorienbombe – Zuviel Zucker und Junkfood machen unsere Kinder krank. Wer hat die Verantwortung für ihre Gesundheit?

Vor kurzem hat Foodwatch wieder den „goldenen Windbeutel“ verliehen. Diese Auszeichnung trifft Unternehmen, deren Werbelügen als besonders dreist wahrgenommen werden. Darüber stimmten in diesem Jahr 130.000 engagierte Verbraucher ab. Diesmal hat es den Babykost-Hersteller Hipp getroffen – nach Selbstauskunft „der größte Verarbeiter organisch-biologischer Rohstoffe. Weltweit.“ Ausgerechnet das Familienunternehmen mit dem Slogan: „Das Beste aus der Natur,“ produziert und propagiert Zuckergranulat-Tees für Kleinkinder ab dem 12. Monat. Dabei enthalten die pro 200 Milliliter-Tasse rund zweieinhalb Stück Würfelzucker. Stark gezuckerte Lebensmittel sind für Kinder aber nachweislich ungesund. Sie machen dick, können frühzeitige Diabetes hervorrufen und greifen die Zähne an. Zusätzlich prägen sie den Geschmackssinn der Kinder, die dadurch auch später immer wieder gesüßten Lebensmitteln den Vorzug geben. Der Anteil an Kindern mit Übergewicht wächst: Bereits 15 Prozent haben Übergewicht, sechs Prozent sind adipös, ein Prozent leidet an Alters-Diabetes. Die Folgeschäden für die Kinder, in Form von frühzeitigen Herz-Kreislauferkrankungen, und für die Gesellschaft, in Form von steigenden Gesundheitskosten, sind schon jetzt absehbar.

Wie konnte es so weit kommen? „Früher haben die Kinder auch schon viele Süßigkeiten gegessen,“ und: „Kinder essen nun mal gerne Süßes,“ lauten die Argumente derer, die das Thema locker nehmen (und deren Kinder noch nicht dick oder krank sind). Aber heutzutage können sich weder Eltern noch Kinder dem süßen Bombardement entziehen. Man braucht nur aufmerksam durch einen Supermarkt gehen – war das wirklich schon immer so? Meterlange Regale mit Schokoladen, Bonbons, Gummibärchen, Puffreis, Keksen, Riegeln und diversen Snacks. Und fast alles auch in XXL. Weiterhin findet man die süßen Verführer im Kühlregal, getarnt als Joghurt, Pudding oder Milchriegel. Und dann natürlich noch im Brot-, Keks- und Kuchenregal, direkt neben den ebenfalls aufgezuckerten Crunchy-Müslis. Im Getränkeregal locken überwiegend süffigsüße Drinks und Säfte. An der Kasse noch die kleinen süßen Mitnehmartikel. Und das alles – ist längst noch nicht alles. Fast alle industriell hergestellten Lebensmittel enthalten mittlerweile zugesetzten Zucker, nicht nur Fertiggerichte und Backwaren, sondern sogar Wurst oder Käse. An Zucker kann man sich leicht und gut gewöhnen. Naturbelassene Lebensmittel, ohne Extra-Zucker, schmecken dann einfach irgendwann nicht mehr so gut.

Alles nicht so gemeint?

Nach der Verleihung des „goldenen Windbeutels“ entschuldigte sich Hipp in einer Presseerklärung, das Unternehmen wolle die Verbraucher mit seiner Werbung und seinen Produkten nicht in die Irre führen. Laut dem aktuellen Marktcheck von Foodwatch fallen aber 73,3 Prozent aller Kinder-Produkte in die „rote“ Kategorie an der Spitze der aid-Pyramide des Bundesgesundheitsministeriums. Der aid infodienst  empfiehlt, solche süßen und fetten Produkte nur sehr sparsam zu verzehren. Das Fazit des Checks: Mit dem industriellen Angebot an Kinderlebensmitteln ist eine ausgewogene Ernährung praktisch unmöglich, denn es besteht fast ausschließlich aus Süßigkeiten und ungesunden Snacks. Die Nahrungsmittel-Hersteller stellen die Ernährungspyramide demnach auf den Kopf: Ihre Produktpalette im Kinder-Segment entspricht dem Gegenteil der ernährungsphysiologischen Empfehlungen für Kinder. Keine Irreführung?

Die Nahrungsmittelunternehmen sind überdies sehr findig, wenn es darum geht, ihre süßen Produkte an die Konsumenten und insbesondere an die Kinder zu bringen. Je früher, desto besser. Deshalb werden Kinder in der Zielgruppendefinition von Werbern auch nicht mehr nur als „Kleinkinder“ bezeichnet, sondern als „Kids“. Sie werden ihrer unmündig-kindlichen Bedürftigkeit enthoben und avancieren als Werbeempfänger zu autarken Mini-Menschen mit konkreten Konsum-Vorstellungen. Ein schlauer Schachzug der Werbestrategen – gegen die Eltern. Denn die lassen ihre Kinder meist zu früh vor den Fernseher oder ins Internet, wo die Kinder dann der auf sie zugeschnittenen Werbung ausgesetzt sind. In der Werbung spiegelt sich ihre neue Rolle als eigenständige Konsumentscheider für Süßwaren, Spielsachen oder Unterhaltungselektronik. Und die Kids lassen ihre Eltern dann auch deutlich wissen, was sie wollen. Viele Eltern, die das locker nehmen (und sich nicht darüber bewusst sind, dass Ihre Kinder hier nur zu frühen Konsumenten erzogen werden), geben dem Druck der Wünsche nach.

Wer trägt die Verantwortung?

„Die Eltern sind in der Pflicht“, lautet das beliebteste Gegenargument der Konzerne. Demnach seien sie allein für die ernährungsphysiologischen Grundbedürfnisse ihrer Kinder verantwortlich und müssten dafür sorgen, dass die nicht zu viel Süßes essen. Dies scheint erst mal logisch. Und das versuchen ja auch viele Eltern. Aber die meisten dann wohl doch eher nicht, wie die hohe Zahl an kranken und übergewichtigen Kindern zeigt. Woran das liegt? Zum einem fehlt auch bei vielen Eltern das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung – sie fallen ja ebenfalls auf Werbelügen herein, die gesunde Milch in Kinderschokoloade preisen, in der tatsächlich gar keine Milch ist. Denn das Wissen um gesunde Ernährung ist eine Form von Bildung und diese muss erst mal bei den Eltern vorhanden sein, bevor sie an Kinder weitergegeben werden kann. Zum Anderen hat die Ernährungserziehung auch ihre natürlichen Grenzen. Immer mehr Kinder werden immer früher in Kinderkrippen und Kindergärten betreut. Weiter geht die außer-familiäre Betreuung in Schulen mit offenen Ganztagsangeboten. Hier haben die Eltern nahezu keinen Einfluss mehr auf die Ernährung ihrer Kinder. Sie sind darauf angewiesen, dass die Kindergärten und Schulen ebenfalls ihrer Verantwortung gerecht werden und nach den staatlich empfohlenen Essens-Richtlinien des aid Infodienstes für Kindergärten und Schulen verfahren.

Kinder-Marketing schafft Konsum-Kids

Leider sieht die Realität in den Erziehungseinrichtungen ganz anders aus. Immer mehr Kindergärten und Schulen lassen sich von der Nahrungsmittelindustrie sogar gezielt für deren Zwecke einspannen. So sind Sponsorings, Werbung und PR an Kindergärten und Schulen mittlerweile normal. Vertreter aus Unternehmen nehmen gezielt Einfluss auf Erzieher und Eltern und treten dort zuweilen sogar als Experten für gesunde Ernährung auf, die zu mehr Sport und gesunder Ernährung raten. Erzieher und Eltern, die diese Entwicklung als normal ansehen, haben sich meist an Werbung und Sponsoring im öffentlichen Raum gewöhnt. Sie meinen davon nicht beeinflusst zu werden und sehen zuvorderst den positiven finanziellen oder materiellen Vorteil für die oft unterfinanzierten Einrichtungen. Zumeist ist ihnen aber die perfide Absicht solcher Unternehmen nicht wirklich klar. Denn diesen geht es darum, die kindlichen Konsumenten so früh wie möglich an Ihre Produkte und Marken zu binden. Und damit natürlich um noch höheren Profit. Die Profitabilität von Süßigkeiten, Softdrinks, süßen Snacks und Keksen beträgt laut Foodwatch 18 Prozent. Dagegen erreichen gesunde Produkte wie Obst, Gemüse, Käse oder Joghurt nur vier Prozent. So machen Unternehmen Gewinne auf Kosten der Gesundheit unserer Kinder.

Der Markt für Kinder-Süßigkeiten wächst profitabel weiter, wenn Unternehmen wie bisher Kinder-Marketing für gesundheitsgefährdende Produkte machen dürfen und keine Verantwortung für die Folgen des Konsums ihrer Produkte übernehmen müssen. Wenn die Eltern immer weniger Einfluss haben und der Staat nur unverbindliche Empfehlungen für gesunde Ernährung abgibt, dann tritt anstelle von Ernährungs-Bildung Erziehung zum Konsum. Wollen wir das wirklich?

Annette Coumont
Bloggerin: Annette Coumont
Annette arbeitet als freie Redakteurin und Autorin mit Schwerpunkt Achtsamkeit und bewusst nachhaltige Lebenstile. Sie schreibt auch für die evidero Redaktion…